Die Schweiz und Argentinien stellen zwei Extreme in vielen Dingen dar. Es beginnt damit, dass nun in Argentinien die Blätter fallen und wir zu herbstlichen Temperaturen die kleinen Holzöfen anfeuern, während man in der Schweiz dem Frühling entgegenfiebert.

Worauf ist man ausgerichtet?

Beim Thema Landwirtschaft stellt man dieselbe gegensätzliche Diskrepanz fest. In Argentinien, einem an sich sozialistischen Land, herrscht bezüglich Landwirtschaft das höchste Mass an freier Marktwirtschaft, das man sich in diesem Sektor vorstellen kann. Gleichzeitig findet man in der sonst wirtschaftlich liberalen Schweiz einen Landwirtschaftssektor mit sozialistischen Elementen.

«Es bedeutet auch nicht, dass wir es in Argentinien leichter haben, im Gegenteil.»

Egon Tschol kennt nun das Leben in beiden Ländern.

Ich meine damit die Abhängigkeit der Schweizer Landwirte von den Direktzahlungen und der damit mehrheitlich verbundenen Ausrichtung auf die vom Staat vorgegebene Strategie, während der «Campesino», der Bauer, in Argentinien vorwiegend auf den Markt ausgerichtet ist. Das ist nur eine Beschreibung und keine Wertung, welches System besser ist.

Auswandern ist kein Spaziergang

Es bedeutet auch nicht, dass wir es in Argentinien leichter haben, im Gegenteil. Aber für mich passt es, mehr Spielraum in meinen Entscheidungen zu haben, dafür aber mehr Risiken, jedoch auch mehr Chancen. Ich kann mehr Kreativität anwenden und bin weniger Einschränkungen ausgesetzt.

[IMG 2]

Es ist kein Spaziergang und ich kann es auch nicht jedem empfehlen. Im Moment, wo wir hier massive politische Umwälzungen erleben, spielen die Preise und der Markt verrückt. Das ist wie Rodeo auf einem Wildpferd. Die Produktionskosten pro Hektare für Dinkel sind für mich von zirka 230 Franken auf zirka 500 Franken gestiegen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Da geht es nicht um wenige Prozentpunkte Veränderung pro Jahr wie in der Schweiz, sondern um existenzbedrohliche Vervielfachungen. Klar gibt es auch beim Absatz grosse Verschiebungen. So kann man heute für einen Grossballen Luzerne 70 Franken verlangen und der Dinkelpreis ist ebenfalls um das 2,5-Fache gestiegen. Aber zuerst kommen die Ausgaben für den Anbau zu einem viel höheren Preis, bevor man die höheren Einnahmen dazu erhält. Und schliesslich ist fraglich, ob man die für den Konsumenten teuer gewordenen Produkte im selben Umfang verkaufen kann.

Stehen Veränderungen an?

Es braucht schon einen langen Atem, um hier bestehen zu können. Es gibt aber auch Dinge, die sehr attraktiv sind.

So kann man in Argentinien selbst als Ausländer Agrarland zu Konditionen erwerben, von denen man in der Schweiz nur träumen kann. In unserer Region reicht der Gegenwert von vier Kühen aus, um eine Hektare gutes Ackerland zu erwerben. Wie viele Kühe würde man in der Schweiz benötigen? 25 oder mehr?

«Es ist kein Spaziergang und ich kann es auch nicht jedem empfehlen.»

Egon Tschol weiss, was es bedeutet, auszuwandern.

Diesbezüglich könnte es in Zukunft hier Veränderungen geben, denn die neue Regierung zielt darauf ab, die bestehenden Kapitalkontrollen aufzuheben. In der Folge würde sehr viel Liquidität ins Land fliessen, von Investoren, denen bisher der Zugang verwehrt oder stark eingeschränkt wurde. Meinen bescheidenen Volkswirtschaftskenntnissen folgend, würde dies zu einer Preissteigerung aller argentinischer Sachwerte inklusive des Agrarlands führen. Als der Finanzminister neulich in Washington einen Vortrag für potenzielle Investoren hielt, hatte nicht mal mehr eine Stecknadel in der Halle Platz.

Allzu viel Regen gegeben?

Apropos Liquidität: In meinem letzten Artikel Ende März erzählte ich über die lang anhaltende Dürre. Seither gab es Regen, wie wir ihn während unseres mehr als 3-jährigen Aufenthaltes noch nie erlebt haben.

[IMG 3]

Innert weniger Tage fiel ein Viertel der jährlichen Niederschläge. Das hat dazu geführt, dass ich den Boden für die Saat der Luzerne nicht rechtzeitig bearbeiten konnte. Eine anschliessende grosse Reparatur beim Traktor des Lohnunternehmers lässt mich immer noch warten und es ist fraglich, ob ich den Samen noch rechtzeitig in den Boden bringe.

Wir sind eigentlich schon einen Monat zu spät. Andere Arbeiten wie die Bodenvorbereitung für den Dinkel oder die Maisernte haben wegen dieser Umstände ebenfalls Verzögerungen. Die Auszahlung des Dinkelgeldes hat fünf Monate nach der Ernte noch nicht stattgefunden. Wieder muss ich mich darin üben, meine von der Schweiz angelernte Eigenschaft, alles planmässig, effizient und zeitgemäss zu erledigen und dasselbe von den anderen zu erwarten, zurückzuhalten und mehr vom argentinischen «Bleib ruhig, es wird schon alles gut» anzunehmen. Diesbezüglich besteht bei mir noch Luft nach oben.

[IMG 4]Zur Person: Mit 40 Jahren wechselte Egon Tschol von seinem Beruf als Finanzanalyst in die Landwirtschaft und übernahm 2009 einen Betrieb von elf Hektaren im schaffhausischen Klettgau. Er stellte auf Demeter und Mischfruchtanbau um. Mit Ehefrau Bea und denzwei Töchtern Fiona und Zoé sowie sechs Pferden wanderte er 2020 nach Argentinien aus, um die erlernte Regenerative Landwirtschaft auf einer 15-mal grösseren Fläche uneingeschränkt anzuwenden.