Beim Umbau des Ernährungssystems für nachhaltigere Produktion und passende Konsummuster stellt sich eine Henne-Ei-Problematik: Wer soll anfangen, wer ist verantwortlich für die Wende? Landwirte produzieren, was sie verkaufen können, Konsumenten kaufen, was billig und attraktiv ist, der Handel berücksichtigt, was Rendite verspricht – soweit das grobe Bild. Der Staat soll sich raushalten, denn was auf dem Teller landet, ist jedes Einzelnen eigene Sache.

Ein umfassendes System vor Augen

Eine Studie von Agroscope legt nun aber nahe, dass Schweizer Bürger(innen) ein umfassendes Ernährungssystem vor Augen haben. «Sie sehen eine gemeinsame Verantwortung von Staat, Landwirt(innen), Detailhändlern und Konsumenten», schreibt das Autorenteam im Magazin «Agroscope». Das gelte sowohl für Produktions- als auch Konsumthemen und ohne grosse Abstufungen: Für beides sehen die Befragten aus zwei repräsentativen Umfragen in der Deutschschweiz alle Akteure in der Pflicht.

Staatliches Eingreifen wird toleriert – unter Umständen

Abo Niemand konsumiert rein rational. Es brauche die richtigen Produkte und Herangehensweisen kommt man laut Verhaltensökonom Gerhard Fehr weiter, als durch Bewusstseinsschaffung. Symposium Konsumenten verstehen: «Menschen sind nicht blöd, sie sind begrenzt rational» Donnerstag, 27. Februar 2025 In den Befragungen kam die Sichtweise zum Ausdruck, dass Einzelpersonen durch ihre Konsumentscheide zur Nachhaltigkeit beitragen sollen. Das spricht für Eigenverantwortung, aber auch staatliches Eingreifen scheint toleriert zu werden. «Bürger(innen), die den Staat als verantwortlich für konsumseitige Themen ansehen, sind eher bereit, verschiedene Massnahmen zu akzeptieren», fassen die Forschenden zusammen. Das gelte auch für restriktive Massnahmen wie zusätzliche Steuern auf gewisse Produkte oder Vorschriften für Kantinenmenüs, die persönliche Konsumgewohnheiten einschränken könnten.

Das widerspricht der häufigen Argumentationslinie, die die Freiheit des Einzelnen hochhält. Gemäss Agroscope kommt es aber auf die Kommunikation an: «Möchte man staatliche konsumorientierte Massnahmen umsetzen, sollte die Verantwortlichkeit so kommuniziert werden, dass sie nicht als paternalistische Bevormundung privater Konsumentscheidungen verstanden wird», ist im Magazin zu lesen.

Lebensmittelkonsum als gesellschaftliches Thema kommunizieren

Um das zu erreichen, müsse möglicherweise betont werden, dass der Lebensmittelkonsum ein gesellschaftliches Thema sei, das über individuelle Entscheidungen hinausgeht und daher auch in der Verantwortung der Regierung liegt, so die Studie. Ein wichtiger Motor könne ausserdem der starke positive Einfluss des individuellen Gesundheitsbewusstseins auf die Akzeptanz sein: Besser mit Gesundheitseffekten argumentieren als mit Umweltschutz.

Gastbeitrag Ein gesunder Menschenverstand braucht keine Überbehütung Mittwoch, 29. Mai 2024 Auch zur Zahlungsbereitschaft liefert die Forschungsarbeit neue Erkenntnisse. Damit Konsument(innen) für nachhaltige Lebensmittel mehr auszugeben bereit sind, müssen sie demnach die hohe Verantwortung der Landwirte verstehen. Wenn Produzent(innen) als verantwortlich für das Erreichen ökologischer, wirtschaftlicher und tierschutzbezogener Ziele gesehen werden – was dem Ideal des freien Unternehmers entspricht – würden die Befragten nach eigenen Angaben ein grösseres hypothetisches Budget für agrarpolitische Ziele aufwenden.

Zum ersten Mal geprüft

«Wir konnten zeigen, dass die wahrgenommene Verantwortung die Ansichten zur Agrar- und Konsumpolitik stärker beeinflusst als soziodemografische Faktoren, persönliche Werte und Überzeugungen», so das Fazit. Es sei die erste Studie, die die Relevanz der wahrgenommenen Verantwortung auf diese Weise geprüft hat. Allerdings beruhen die Resultate wie erwähnt auf Befragungen – was Menschen sagen und was sie schlussendlich tun, ist bekanntlich nicht immer dasselbe.

Zusammenfassend sehen die Forschenden die Regierung vor allem in der Pflicht, einen guten regulatorischen Rahmen zu schaffen. Dieser soll die Zusammenarbeit und Rechenschaftspflicht unter den verschiedenen Akteuren fördern, damit sie den Aufgaben gerecht werden können, die ihnen die Bürger(innen) übertragen.