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Seed Linked: Bio-Saatgut dezentral auf Landwirtschaftsbetrieben prüfen und allen verfügbar machen

Das Projekt Seed Linked verfolgt die Vision eines zukünftigen Saatgutsystems, das auf Zusammenarbeit, gemeinsamem Datenaustausch und Transparenz zwischen Bauern und unabhängigen Pflanzenzüchtern basiert.

Die Idee ist so einfach wie überzeugend: Die Eigenschaften von aus Bio-Saatgut gezogenen Nutzpflanzen von möglichst vielen Züchtern, Bauern und Gärtnern dezentral in verschiedenen Regionen beurteilen zu lassen, die daraus gewonnenen Daten aufzubereiten und das entsprechende Wissen wieder zu teilen.

Das ist einer der Grundgedanken des Projekts LiveSeeding. Neben weiteren Organisationen engagierten sich auch das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und IFOAM – der weltweite Dachverband der ökologischen Landbaubewegungen – mitengagierten.

Eine führende Plattform für die Erprobung einjähriger Nutzpflanzen

Die Projektinitianten erfanden allerdings das Rad nicht neu, sondern konnten auf die Erfahrung der amerikanischen Firma SeedLinked zurückgreifen. In dieser Organisation arbeitet bereits seit 2012 ein engagiertes Team, bestehend aus Gärtnern, Landwirten, Experten und Saatgutzüchtern, auf das Ziel hin, die Zusammenarbeit, den Datenaustausch und die Transparenz im Bereich Bio-Saatgut voranzubringen.

Seed Linked

Seed Linked ist eine App, die es Landwirt(innen) und Gärtner(innen) ermöglicht, verschiedene Sorten an ihrem spezifischen Standort (on-Farm) auf ihre Anbaueignung und sensorische Eigenschaften zu beurteilen und diese Information in einer zentralen Datenbank mit anderen zu teilen, sodass die Informationen den Teilnehmern des Netzwerks zur Verfügung stehen. Die Software ist so konzipiert, dass sie sowohl auf dem Feld (per App) als auch im Büro (Desktop) einfach zu bedienen ist, um Beobachtungen direkt während der Wachstumsphase festzuhalten. Neben einfachen Bonituren können auch Bilder und Kommentare untereinander getauscht werden. In der Schweiz verwendet das FiBL SeedLinked bei Feldtagen sowie zur Degustation. Pro Specie Rara wendet das Tool bei der Sortenprüfung von Gemüse an und auch Sativa Rheinau AG verwendete das Tool bei Züchtungsarbeiten. Zu SeedLinked

Die Online-Plattform und die App von Seed Linked (Kasten 1) hat sich mittlerweile zu einer führenden Plattform für die Erprobung und Bewertung einjähriger Nutzpflanzen von Auberginen bis Zwiebeln entwickelte, und revolutionierte die Saatgutauswahl für europäische Landwirte, indem sie eine zentrale Anlaufstelle für gemeinsame Sortenversuche bietet.

Über 14 500 Anbauer und 35 Partnerorganisationen konnten so mehr als 5 750 Sorten in über 850 gemeinsamen Versuchen testen. In der Schweiz arbeiten Organisationen wie Pro Specie Rara, Sativa und das FiBL, aber auch Landwirt(innen) mit Seed Linked. (Kasten)

Saatgut-Marktplatz für die Biobäuerin oder den Biobauern

Eine der 35 Partnerorganisationen ist das kleine biodynamisch zertifizierte Saatgutunternehmen Sementes Vivas in Portugal. Das Unternehmen liegt in der Bioregion Idanha-a-Nova und wurde 2015 unter anderem vom in Schwyz SZ wohnhaften Stefan Doeblin gegründet (Kasten 2).

«Die Plattform Seed Linked bringt sowohl den Bauern als auch den Saatgutzüchtern Vorteile», erklärt Stefan Doeblin. So findet eine Biobäuerin oder ein Biobauer im Saatgut-Marktplatz eine grosse Auswahl von Bio-Saatgut mit den entsprechenden Kontakten zu den Produzenten.

Aussergewöhnlich ist zudem, dass dieses Saatgut nicht wie bei grossen Unternehmen in einzelnen grossen Feldversuchen getestet wurde. Die Sorteneigenschaften in Bezug auf Wachstum, Vitalität und Resilienz wurden dezentral in verschiedenen Ländern bei kleinen Anbauern, vielfach Bauern, erhoben.

Seed Linked: Bio-Saatgut dezentral auf Landwirtschaftsbetrieben prüfen und allen verfügbar machen
Die App SeedLinked kann auch bei Degustation ein wertvolles Hilfsmittel sein.

Beobachtungen betreffend Wachstum, Resilienz und Geschmack dokumentieren

«Eine Herausforderung für uns kleine Saatgutunternehmen ist es, erfahrene Bio-Landwirte zu finden, welche auf ihren Betrieben das Saatgut testen», erklärt Stefan Doeblin. Die Kontakte würden mehrheitlich über Social Media zustande kommen. Biobauern, welche auf ihrem Hof das Saatgut anbauten, würden entschädigt.

Im Gegenzug dazu dokumentieren diese ihre Beobachtungen betreffend Wachstums, Resilienz, Geschmack usw. über die App Seed Linked. Mittlerweile sind so über 100 000 Bewertungen entstanden, die nach Klimazone, Resilienz, Verfügbarkeit und weiteren Kriterien gefiltert werden können.

Versuche dezentral in mehreren Ländern möglich

«Auch wenn die Biobauern für die Sortenversuche ein Entgelt erhalten, sind die Kosten im Gegensatz zu grossangelegten Anbauversuchen durch Experten immer noch um ein Mehrfaches tiefer», betont Stefan Doeblin. Die Versuche finden zwar dezentral in mehreren Ländern und somit unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen statt. Da die Datenerfassung aber von den Biobauern selbst gemacht wird, entfallen viele zeitaufwendige Prozesse wie beispielsweise das Reisen.

Die Datenqualität sei dank der grossen Datenmenge und eingebauter Algorithmen hoch. «Ein zusätzlicher Pluspunkt ist, dass so die Zusammenarbeit, der Wissenstransfer und die Transparenz zwischen Bauern und unabhängigen Pflanzenzüchtern verstärkt werden. Wissen und Saatgut werden dadurch für alle zugänglich und es wird kein Saatgut patentiert.»

Zur Person Stefan Doeblin

[IMG 3] Der 69-jährige, in Schwyz wohnhafte Stefan Doeblin war lange Zeit in der Telekommunikationsbranche, später auch im Management- und Investmentbereich tätig; dabei arbeitete er vielfach in Grossstädten wie London. Mit 55 Jahren hatte er genug von der Grossstadt, suchte das Landleben und wollte Lebensmittel selbst anbauen. Dabei stiess er auf das Thema Saatgut auf Biobetrieben. Dass dieses damals vorwiegend aus konventionellen Betrieben kam, beschäftigte Stefan Doeblin, der sich seit seinem 40. Lebensjahr fast ausschliesslich mit Bio-Lebensmitteln ernährte. 2015 zog er zusammen mit neun Familien nach Idanha-a-Nova in Portugal und gründete dort das inzwischen biodynamisch zertifizierte Saatgutunternehmen Sementes Vivas. Durch Bemühungen des lokalen Bürgermeisters wurden auf Gemeindegebiet 800 Hektar staatseigene Flächen auf einmal auf die biologische Bewirtschaftung umgestellt. Der Saatgutbetrieb von Stefan Doeblin konnte vor Ort auch 25 Hektar Fläche vom Staat pachten. Idanha-a-Nova ist mittlerweile die portugiesische Gemeinde mit der grössten ökologisch bewirtschafteten landwirtschaftlichen Fläche. 2020 hat sich Stefan Doeblin aus dem operativen Unternehmen zurückgezogen, ist im Verwaltungsrat und insbesondere über die Forschung mit seinem gemeinnützigen Verein «Lebende Samen» immer noch mit der Bio-Saatgut-Produktion verbunden.

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