Die Kernfrage der Veranstaltung lautete: Haben Fichte und Tanne noch eine Zukunft? Wie Holzindustrie Schweiz in einer Mitteilung festhält, machte Andreas Rudow, Leiter der Gruppe Dendrologie und Vegetationskunde an der Professur für Waldökologie der ETH Zürich, den Fachpersonen im Eröffnungsreferat Mut: Ja, beide Baumarten können an geeigneten Standorten noch lange überleben.
Ihre hohe genetische Diversität verleiht ihnen – vor allem in jungen Jahren – eine beachtliche Anpassungsfähigkeit. Gegenüber exotischen Baumarten oder sehr fremden Provenienzen einheimischer Arten zeigte er sich dagegen skeptisch. «Gefragt sind Innovation und findige Köpfe», fasste Rudow zusammen.
Klimawandel schreitet schneller voran
Dass die Zeit dennoch drängt, zeigt die Forschung der WSL unmissverständlich: Der Klimawandel schreitet im Alpenraum deutlich schneller voran als in anderen Regionen. Etliche Baumarten werden künftig an ihren heutigen Standorten nicht mehr optimal gedeihen – darunter die ökonomisch wichtige Fichte und möglicherweise auch die Buche.
Die WSL betreibt auf über 50 Versuchsflächen in der ganzen Schweiz langfristige Tests, mindestens bis 2050, um zu klären, welche Baumarten künftig wo gut wachsen werden.
Kurzfristig mehr Holz – aber zu welchem Preis?
Wer jetzt Entwarnung für die Sägewerke erwartet, liegt nur halb richtig. Die Nadelholzmengen werden kurz- und mittelfristig zwar eher zu- als abnehmen, weil im Mittelland Fichten-Monokulturen aktiv umgebaut werden oder Stürmen zum Opfer fallen.
Vorübergehend kommt also mehr Rohholz auf den Markt. Die Kehrseite: Die Widerstände in der Bevölkerung gegen aktive Waldeingriffe wachsen, und die Baumartenzusammensetzung wird variantenreicher. Daran führt kein Weg vorbei.
Die HAFL-Dozenten Christian Rosset und Bernhard Pauli plädierten an der HIS-Fachveranstaltung an der HAFL in Zollikofen BE für eine Verjüngung der Bestände und einen Mischwald mit zwei bis vier Ziel-Hauptbaumarten, um eine Verzettelung zu vermeiden.
Bei Fichte und Tanne lautet ihr Fazit klar: «Hier werden Resilienz und Anpassungsfähigkeit entscheiden» und: «Die Umtriebszeit muss verkürzt werden.» Wer das ernst nehme, brauche eine aktive Anpassung der Waldbestände – verbunden mit zusätzlichen öffentlichen Beiträgen und einer Stärkung der Forstbetriebe.
Was der Wald im Praxistest zeigt
Theorie ist das eine. Im an die HAFL angrenzenden Wald machten die Teilnehmenden an fünf Posten eigene Entdeckungen. Die Weisstanne wanderte vor der Fichte und aus drei verschiedenen Richtungen mit unterschiedlichen Gen-Stämmen in die Schweiz ein – ein Vorteil für ihre Resilienz.
Die Birke kann bis zu zwei Meter Längenzuwachs und zwei Zentimeter Dickenwachstum pro Jahr erzielen. Wildbirne und Elsbeere erzielen trotz ihrer Konkurrenzschwäche den zehnfachen Marktpreis von Nussbaumholz und benötigen dafür aber eine enorme Pflege beim Aufwuchs.
Laubholz: Markt vorhanden, Branche zögert
Nach der Mittagspause sorgte Reto Schneider von Neue Holzbau International AG für eine überraschend positive Botschaft: «Der Bedarf nach sägefähigem Laubholz steigt, die Verfügbarkeit hinkt hinterher.» Er bezog sich dabei vor allem auf die Esche. Trotz aufwändiger Trocknung und hohem Restholzanfall gebe es für Laubholzlamellen durchaus einen Markt.
Holzindustrie Schweiz hält in einer Mitteilung zur Veranstaltung fest, dass sich nur fünf bis zehn Prozent der Schweizer Sägereien ernsthaft mit Laubholz beschäftigen – der Laubholzeinschnitt liegt bei gerade einmal vier Prozent.
Schneider sieht Potenzial in innovativen Holzwerkstoffen wie hybridem Brettschichtholz, das Fichte mit Laubhölzern vereint, oder in OSB-Platten aus Laubholz – braucht dafür aber mehr Forschung und eine klare Normierung.
Waldbesitzer im Dilemma: Nadelholz oder Risikostreuung?
Beat Zaugg, Präsident der Berner Waldbesitzer, verortete den Waldbau in den grösseren Zusammenhängen. Er sieht fünf Akteure, die das Feld bestimmen: Klimaforscher, Öffentlichkeit, Forstbehörden, Holzindustrie und Waldbesitzende. Letztere stünden vor allem vor einer Risikoabwägung – unter Berücksichtigung von Klimaveränderung, Baumartenentwicklung, Marktchancen, Wildeinfluss sowie Produktionszeit und ‑investition.
Zaugg postuliert kürzere Umtriebszeiten und eine Risikoverteilung auf verschiedene Baumarten, spricht dabei lieber von einem maximalen Nadelholz- als von einem minimalen Laubholzanteil. «Wichtig ist aber, dass die Waldbesitzenden ein klares Bewirtschaftungskonzept haben», sagte er.
Dass das leichter gesagt als getan ist, machte Revierförster Sven Schenk aus Russikon-Fehraltorf ZH deutlich: «Bewirtschaftungskonzepte enden bei den Grenzen unserer 350 Parzellen.» Was, wenn Waldeigentümer sich nicht beraten lassen – oder wenn es sich um Erbengemeinschaften handelt, die über den ganzen Globus verteilt sind?
Wild als unterschätzter Bremsblock
In der Podiumsdiskussion, die HIS-Direktor Michael Gautschi leitete, wurden die Grenzen des Waldumbaus scharf adressiert. Ueli Meier, ehemaliger Dienststellenleiter Amt für Wald und Wild beider Basel, erinnerte die Waldbesitzenden an ihre Handlungsspielräume: «Wenn ein Kanton etwas nicht fördert, heisst das noch lange nicht, dass er es verbietet.» Die Verfügungsgewalt über den Wald liege bei den Waldeigentümern, nicht bei den Kantonen.
Michel Brügger, Projektleiter Wald und Wild beim Amt für Wald Bern, ergänzte: Neben waldbaulichen Schutzmassnahmen brauche es gerade im Hinblick auf die verbissanfällige Weisstanne mehr Druck und ein konsequentes Monitoring, um die Wildbestände im Gleichgewicht zur Waldentwicklung zu halten. Auch die Jagdorganisation sei zu stärken.
Mangelnde Anpassung an den Klimawandel
Die WSL illustriert, wohin mangelnde Anpassung führt: Im Pfynwald bei Leuk im Wallis – einer Art Frühwarnregion für den Klimawandel – werden seit Jahren ganze Waldflächen bewässert, um die Reaktion der Bäume auf natürliche Trockenheit zu messen. Was dort bereits Realität ist, droht dem Mittelland in wenigen Jahrzehnten.
Bund zieht sich zurück – mit Ansage
Wenig erfreulich war die Botschaft von Michael Reinhard, Abteilungsleiter Wald beim BAFU: Die Bundesmittel gehen um über zehn Prozent zurück, mit der wahrscheinlichen Folge, dass die Kantone nachziehen.
«Wir müssen also mit weniger mehr machen», sagte er und setzt dabei auf regionale Wertschöpfungsketten, Innovation und «Qualität statt Volumen». OLWO-Geschäftsführer Thomas Lädrach aus Worb relativierte die kurzfristige Dramatik: Der Investitionszyklus in der Holzindustrie betrage 10 bis 15 Jahre, vorderhand sei es noch möglich, ganz auf Nadelholz zu setzen. Langfristig aber werde sich die Industrie dort niederlassen, wo die verarbeitbaren Ressourcen sind – ein klares Signal an die Waldbesitzer.