Trockenperioden, Hitzewellen und Starkregenereignisse gehören zunehmend zum Alltag. Für viele Landwirtschaftsbetriebe werden nicht mehr fehlende Erträge, sondern fehlendes Wasser oder umgekehrt zu viel Wasser in kurzer Zeit zum Problem. In der Region Bucheggberg versuchen Bernhard und Regina Wyss aus Aetigkofen SO sowie Christoph Hauert und Eva Ulm aus Bibern SO, darauf Antworten zu finden.
Mit Agroforstsystemen und sogenannten Keylines wollen sie Niederschläge länger in der Landschaft halten, Erosion verhindern und gleichzeitig neue Produktionsmöglichkeiten schaffen. Unterstützung erhalten sie vom Revierförster Elias Flury. Doch die Pionierarbeit wird nicht überall mit Begeisterung aufgenommen.
Wasser wird zum limitierenden Faktor
Regen fällt heute häufig in Form kurzer und intensiver Ereignisse. Statt langsam in den Boden einzusickern, fliesst ein grosser Teil oberflächlich ab. Die Folge sind Erosionsschäden, überschwemmte Wege und Gebäude sowie trockene Böden in längeren Hitzeperioden.
Die Grundidee der beiden Biobetriebe ist deshalb einfach: Wasser soll nicht möglichst rasch abgeleitet, sondern möglichst lange auf den Flächen zurückgehalten werden. Dadurch können die Böden mehr Feuchtigkeit speichern und Wetterextreme besser abfedern.

Milchwirtschaft und Wasserrückhalt verbinden
Bernhard und Regina Wyss bewirtschaften in Aetigkofen einen reinen Bio-Milchviehbetrieb. In den letzten Jahren bekamen sie die Folgen des Klimawandels zunehmend zu spüren. Einerseits häuften sich Sommertrockenheiten, andererseits führten Starkregenereignisse zu Oberflächenabfluss und gefährdeten sogar Gebäude unterhalb ihrer Flächen.
Im Jahr 2024 entschloss sich Bernhard Wyss deshalb, entlang der Höhenlinien seiner Weiden sogenannte Keylines anzulegen. Ziel war es, Niederschlagswasser zurückzuhalten und gleichmässiger über die Fläche zu verteilen. Mit Traktor und Pflug zog er die Dämme selbst. «Ein Bagger im Feld löst andere Emotionen aus, als ein Traktor mit Pflug», sagt er dazu. Auf den Dämmen entstanden Baumreihen mit Wertholzarten, Wildobst und Heilpflanzensträuchern. Die Planung erfolgte zusammen mit Revierförster Elias Flury.
Die Pflanzungen werden durch schräggestellte, dreifache Elektrozäune geschützt. Gleichzeitig übernehmen die Weidetiere einen Teil der Pflege, indem sie die Pflanzen regelmässig zurückstutzen. Das Anlegen der Baumreihen im Kulturland ist neu und ungewohnt. Die Reaktionen hätten zum Teil aus Spott und unfundierter Kritik, bestanden, sagte der Schwinger Bernhard Wyss. Das habe ihn aber nicht überrascht und lasse ihn kühl. Das Konzept sei halt für viele ungewohnt.
Bäume werden wieder Teil der Produktion
Für Familie Wyss sind Bäume nicht bloss Landschaftselemente. Sie sollen künftig verschiedene Funktionen erfüllen. Die Hecken- und Heilpflanzen können von den Weidetieren direkt abgefressen werden. Gleichzeitig schaffen die Gehölze Schatten, verbessern das Mikroklima und fördern die Bodenfruchtbarkeit. Tiefwurzelnde Bäume erschliessen Wasser und Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten und tragen langfristig zum Humusaufbau bei. Damit steigt die Widerstandskraft der ganzen Fläche gegenüber Trockenheit.
Der Gerbehof denkt den Betrieb als Gesamtsystem
Noch umfassender gehen Christoph Hauert und Eva Ulm auf ihrem biologisch bewirtschafteten Gerbehof in Bibern vor. Gemeinsam mit dem deutschen Forstexperten Philipp Gerhardt analysierten sie nicht einzelne Problemstellen, sondern den gesamten Betrieb als Wasser- und Produktionssystem. Der arrondierte Betrieb umfasst 36 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche. Mit acht Hektaren Kartoffeln bildet der Ackerbau neben der Milchproduktion einen wichtigen Betriebszweig.
Der Anlass für das Umdenken war einschneidend: Nach einem Starkregenereignis wurden 2018 das frisch renovierte Wohnhaus und die Umgebung durch schlammige Wassermassen aus den eigenen Feldern überschwemmt. Gleichzeitig entstanden in trockenen Sommern tiefe Bodenrisse. Buntbrachen und Grünstreifen brachten zwar Verbesserungen, lösten die Ursachen aber nicht.
Deshalb wurden die Keylines professionell mit Bagger und Lasertechnik erstellt. Die Ackerstreifen zwischen den Baumreihen sind 27 Meter breit und an das Mechanisierungskonzept angepasst. Die Baumstreifen sind vielfältig gestaltet. Schnellwachsende Arten sollen später Energieholz liefern, langsam wachsende Gehölze hochwertiges Wertholz. Hinzu kommen Obst- und Nussbäume, Haselsträucher sowie Kastanien. Auf den Weideflächen sind zusätzlich Futterhecken vorgesehen. Damit entstehen neue Wertschöpfungsmöglichkeiten neben Kartoffeln, Milch und Futterbau.
Bodenschonung gehört zum Konzept
Für Christoph Hauert und Eva Ulm endet Klimaresilienz nicht bei Baumreihen. Auch die Befahrung der Böden wurde angepasst. Die Spurbreite der Maschinen beträgt 180 Zentimeter. Befahren werden ausschliesslich begrünte Fahrspuren. Die Kartoffeldämme behalten ihre Standardbreite von 75 Zentimetern. Dadurch bleibt der Wurzelraum weitgehend unverdichtet. Zudem wurden leichtere Traktoren angeschafft. Begrünte Fahrspuren fördern das Bodenleben und bieten gleichzeitig Lebensräume für Insekten.
Bürokratische Hürden sind mühsam
Neben technischen Herausforderungen kämpfen die Pioniere mit einem weiteren Problem: den Behörden. Nachdem Christoph Hauert erste Flächen mit Baumreihen und Keylines gestaltet hatte, stellte er für die restlichen Flächen ein Baugesuch. Darauf folgten Einsprachen und langwierige Verfahren. Die Bürgergemeinde zog sogar einen Anwalt gegen das Projekt bei, Nachbarn befürchteten eine Einschränkung ihrer Aussicht und die Behörden fühlten sich teilweise nicht zuständig. Vom Kanton wurden zusätzliche Gutachten und umfangreiche Unterlagen verlangt.
Gerade innovative Projekte, die den Wasserhaushalt verbessern und der ganzen Landschaft dienen, stossen immer wieder auf einen Verwaltungsapparat, der für solche Lösungen kaum vorbereitet scheint. Nach einer endlos scheinenden Zeit erhalten Christoph Hauert und Eva Ulm nun aber die Bewilligung von den kantonalen Behörden in Solothurn. Darum sind die Pionier-Familien, die an ihren Projekten dranbleiben, so wichtig: Sie öffnen Türen und Wege für Neues in der Landwirtschaft.
Nutzen weit über den Hof hinaus
Von den Massnahmen profitieren nicht nur die beiden Betriebe. Wenn Wasser auf den Flächen zurückgehalten wird, können Abflussspitzen gedämpft und Wege, Bäche oder Siedlungen entlastet werden. Gleichzeitig entstehen neue Lebensräume für Insekten, Vögel und andere Nützlinge. Davon profitieren wiederum Bestäubung und biologische Schädlingsregulierung.
Alte Ideen mit moderner Technik
Agroforst und Keyline-Design sind keine völlig neuen Erfindungen. Früher gehörten Bäume, Hecken und Feldgehölze selbstverständlich zur Kulturlandschaft. Heute verbinden die Pioniere im Bucheggberg dieses Wissen mit moderner Vermessungstechnik und neuen Produktionssystemen.
Bernhard und Regina Wyss sowie Christoph Hauert und Eva Ulm zeigen, dass sich Landwirtschaft an den Klimawandel anpassen kann. Dazu sagt Christoph Hauert: «Die Wirksamkeit der Keylines erfüllt uns mit Genugtuung und Stolz.» Ihre Betriebe beweisen, dass Wasser nicht möglichst schnell aus der Landschaft verschwinden muss.
Im Gegenteil: Wer es zurückhält, schützt Boden und Kulturen und schafft gleichzeitig neue Produktionsmöglichkeiten. Bleibt zu hoffen, dass Innovationen künftig nicht nur vom Wetter, sondern auch von Behörden und Nachbarschaft mehr Rückenwind erhalten.

