ABO

Waldvernässungen Kanton Thurgau: Wo es willkommen ist, wenn der Biber reinpfuscht

Im Kanton Thurgau sind neue Waldvernässungen entstanden. In Berg war der Biber am Werk und in Kradolf TG wurde ein geplantes Projekt an der Thur fertiggestellt.

Der Kanton Thurgau ist insgesamt von 20 000 ha Wald bedeckt. Davon sind 2300 ha staunasse Auenwälder oder feuchte Wälder. Dazu zählen beispielsweise Eschenmischwälder und Schwarzerlen-Bruchwälder. «Feuchte Wälder sind ökologisch wertvoll, weil sie eine breite Artenvielfalt aufweisen», stellte Ruedi Lengweiler vom Thurgauer Forstamt, an einer öffentlichen Begehung fest.

Der Anlass fand am 3. Juni 2026 in Berg und Kradolf statt und wurde von der Kommission Naturschutz des Verbands Thurgauer Landwirtschaft (VTL) organisiert. Der Erhalt und die Förderung von Feuchtgebieten – sowohl im Offenland als auch im Wald – sind im Massnahmenplan Biodiversität verankert, den der Thurgauer Regierungsrat 2023 verabschiedet hatte.

Mehr Vogel- und Insektenarten gesichtet

Es ist eine Besonderheit, wenn ein feuchtes Waldgebiet ohne menschliches Zutun an Fläche gewinnt, wie im Bereich des Waldgebiets Gampen in der Gemeinde Berg: Seit 2023 haben hier Biber (siehe Kasten) entlang eines Baches mehrere Dämme angelegt.

In der Folge hob sich der Wasserstand um rund 30 bis 40 cm an, worauf sich eine Vernässungsfläche von mehr als drei Hektaren bildete. Dies zugunsten der Biodiversität: «Im Bereich Gampen konnte bereits etwa eine Zunahme der Vogel- und Insektenvielfalt beobachtet werden», sagte Tobias Schmid, Teamleiter Natur und Landschaft beim Thurgauer Amt für Raumentwicklung.

So sei etwa mit der Grossen Moosjungfer eine Libellenart entdeckt worden, die im Thurgau einzigartig ist.

Leistungsvereinbarungen ermöglichten das Feuchtgebiet

«Der Biber hat auf willkommene Art reingepfuscht», betont Ruedi Lengweiler. «Noch vor fünf Jahren hätten wir uns dies nicht vorstellen können». Auch der Kanton hat einiges zum Feuchtgebiet beigetragen: Er hat im Gampen drei Parzellen käuflich erworben, um das Waldgebiet möglichst sich selbst zu überlassen. Insgesamt beträgt die Fläche 8,3 ha, davon sind 2,1 ha landwirtschaftliche Nutzfläche.

Mit den Bewirtschaftern wurden Leistungsvereinbarungen für eine Dauer von mindestens 25 Jahren abgeschlossen. Darin ist unter anderem festgehalten, dass die betreffenden Flächen nicht genutzt werden dürfen. «Dass dem Biber ein solcher Lebensraum zugestanden wird, kommt in der Schweiz viel zu selten vor», meinte der Förster.

Nun gehe es darum, die neu entstandenen Waldvernässungsflächen zu beobachten. Das könne auch bedeuten, dass man einen künftigen Damm entfernen müsste, falls dadurch etwa ein Feldweg unter Wasser gesetzt würde.

Waldvernässungen Kanton Thurgau: Wo es willkommen ist, wenn der Biber reinpfuscht
Seit 2023 haben Biber Im Naturschutzgebiet Gampen mehrere Dämme angelegt, worauf sich eine Vernässungsfläche von mehr als drei Hektaren bildete.

Vergleichsweise wenig Schäden durch Biber

Generell würden, durch den Biber verursachte Schäden am Wald und an landwirtschaftlichen Kulturen abgegolten werden, so Ruedi Lengweiler weiter.

Diese halten sich vergleichsweise im Rahmen: Die durch Biber verursachten Schäden im Kanton Thurgau betragen in den letzten drei Jahren durchschnittlich 15 000 bis 20 000 Franken jährlich, währenddessen die Krähenschäden auf rund 50 000 Franken und die Schäden durch Wildschweine auf 300 000 bis 400 000 Franken kommen.

«Nebst der Förderung der Biodiversität sei auch das Ziel, mit allen Anstössern im Austausch zu bleiben», sagte Lengweiler.

Die Auenwälder trockneten zunehmend aus

Eine zweite Waldvernässung findet sich bei Kradolf: Bis vor rund 150 Jahren war die Thur im Gebiet Heiligenschlächt von einem bei Hochwasser überschwemmten Auenwald gesäumt.

1873 wurde sie begradigt und das Gewässerbett verengt sowie ein Seitenkanal gebaut, über den ein Teil des Thurwassers die Kraftwerke des lokalen Spinnereigewerbes versorgte.

Durch die Korrektur erhöhte sich im Fluss die Schleppkraft, wodurch er sich bis zu 7 Meter ins Gelände einfrass. Als Folge davon wurden die Auenwälder vom Fluss abgekoppelt und trocknen nun zunehmend aus.

Die Energieproduktion wird nicht geschmälert

Um diesen Prozess umzukehren, lancierte der Umweltnaturwissenschaftler Markus Haberthür vor 10 Jahren im Gebiet Heiligenschlächt ein Vernässungsprojekt. An der Begehung vor Ort erläuterte er das Vorhaben: «Die Idee ist, die Fläche des ursprünglichen Auenwalds periodisch künstlich zu bewässern».

Dazu wurden im Kanal ein Streichwehr (Überlaufschwelle) und eine Ausleitung gebaut. Sobald der Abfluss der Thur mehr als 100 m3/s beträgt, wird zusätzlich bis zu 1 m3/s Wasser in den Kanal eingeleitet und dort über das Streichwehr in den Wald geleitet.

Waldvernässungen Kanton Thurgau: Wo es willkommen ist, wenn der Biber reinpfuscht
Sobald der Abfluss der Thur mehr als 100 m3/s beträgt, wird zusätzlich bis zu 1 m3/s Wasser in den Kanal bei Kradolf eingeleitet und dort über das Streichwehr in den Wald geleitet.

Dies kann gemäss Statistik mehrmals pro Monat der Fall sein, vor allem im Frühling. Der Juni ist der Monat, in dem besonders viele Hochwasser verzeichnet werden. «Die Energieproduktion der Kleinkraftwerke, die an dem Kanal liegen, wird dadurch nicht geschmälert», betonte der Projektleiter der Umweltberatung Ambio in Zürich.

Ein Vorteil sei auch, dass die betroffene Fläche einem einzigen Landbesitzer gehört, der von Anfang an am Projekt interessiert war.

Die Kosten wurden durch einen Ökofonds abgedeckt

Das Projekt wurde kürzlich fertig umgesetzt. Anfang Juni trat nach einem Gewitter ein Hochwasser auf, worauf es erstmals zu einem Überlauf kam. Bereits haben sich an einigen Stellen im Wald Wasserflächen gebildet – erste Schritte auf dem Weg der Renaturierung.

«Der Ort der Ausleitung wurde gezielt so gewählt, dass sich das Wasser durch alte Fliesswege in die Auen verteilt», so Markus Haberthür. Die Kosten von ca. 250 000 Franken übernahmen der Ökofonds der Kraftwerke Au-Schönenberg und Bürglen.

Baumeister Biber

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Biber in der Schweiz fast ausgerottet. Ab den 1950er Jahren gab es Wiederansiedlungen, seit 1962 ist er auf Bundesebene geschützt. Seither hat sich das Nagetier in vielen Regionen verbreitet. Die nationale Biberzählung von 2022 ergab schweizweit einen Bestand von 4842 Exemplaren. Im Kanton Thurgau wurden 723 Tiere in 190 Revieren gezählt. Biber sind Vegetarier und ernähren sich im Sommerhalbjahr von Krautpflanzen. Im Winter dagegen fressen sie hauptsächlich Knospen und Baumrinde. Um an diese zu gelangen, fällen sie mithilfe ihrer starken Nagezähne ganze Bäume. Zudem bauen Biber Behausungen aus Astmaterial, Burgen genannt. Deren Eingänge liegen jeweils unter Wasser. Daher bauen sie Dämme, um Fliessgewässer zu stauen und ihren Lebensraum zu sichern. Zudem leben Biber territorial: Ein Biberrevier ist je nach Nahrungsangebot wenige hundert Meter bis mehrere Kilometer gross.

Weiterlesen

  • So bringen Sie Zucchetti abwechslungsreich auf den Tisch und machen sie haltbar

    So bringen Sie Zucchetti abwechslungsreich auf den Tisch und machen sie haltbar

    Wer Zucchetti im Garten hat, kennt die Ernte-Herausforderung. Doch selbst übergrosse Exemplare finden noch Verwendung. Vorsicht ist geboten vor Cucurbitacin, besonders bei eigenen Kreuzungen im Garten – sonst wird der Genuss womöglich getrübt.
    Show more
    ABO
  • Richtpreisdebatte: Migros und Coop zwischen Bekenntnis und Schweigen

    ABO
  • Pressen ab Stock: Der limitierende Faktor ist der Kranführer, nicht die Technik

    ABO