«Konsumenten können durch Pestizidrückstände in Lebensmitteln zwar auch gefährdet werden, am schlimmsten ist es aber für die Menschen in der Landwirtschaft. Diese sind den Stoffen viel intensiver und auch häufiger ausgesetzt», erklärte Jürg A. Zarn in seinem Referat im Nachgang zur Generalversammlung des Ernährungsforums Stadt Land Zentralschweiz.
Der mittlerweile pensionierte Biochemiker war zehn Jahre Leiter der Toxikologie für Pflanzenschutzmittel beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Bei all den Diskussionen um die Pestizide werde immer die Landwirtschaft kritisiert. «Dieses unsägliche Bauernbashing in den Medien ertrage ich nicht mehr. Die Landwirtschaft muss sich beim Pestizideinsatz auf die Empfehlungen der Behörden verlassen können», so Jürg A. Zarn.
Niemand würde sich freiwillig gefährlichen Stoffen aussetzen. In der Verantwortung stünden sowohl Hersteller, Politik und ganz besonders die Behörden. Im Gegensatz zu den Bauern würden die Behörden in diesem Zusammenhang aber kaum kritisiert.
Eingereichte Studiendaten seien kaum auswertbar
Pflanzenschutzmittel seien ein fester Bestandteil der modernen Lebensmittelproduktion, betont Jürg A. Zarn. Bäuerinnen und Bauern müssten darauf vertrauen können, dass die behördlich bewilligten Mittel bei bestimmungsgemässem Gebrauch keine Gesundheitsrisiken bergen.
Mit Empfehlungen wie «Wenn ihr Pflanzenschutzmittel so anwendet wie empfohlen, dann sind sie sicher», würde man die Bauern in Sicherheit wiegen. Jürg A. Zarn äusserte gegenüber den rund 70 interessierten Zuhörern grosse Zweifel an den Prüfverfahren der Pflanzenschutzmittelhersteller und dem Zulassungsverfahren der Behörden.
Zentrale wissenschaftliche Grundprinzipien würden missachtet. Die toxikologischen Studien würden von den Herstellern selbst durchgeführt und die Resultate von diesen auch gleich selbst interpretiert. Die dann an die Bewilligungsbehörden eingereichten Studien seien zudem von enormem Datenumfang und kaum auswertbar.
Tierstudien sind keine verlässliche Basis
Jürg A. Zarn erklärt weiter, dass das Hauptproblem sei, dass die Pflanzenschutzmittelprüfung meist nur in einer einmaligen Langzeitstudie mit statistisch zu wenigen Tieren erfolge – ohne Wiederholung. Damit liessen sich bestenfalls sehr starke Effekte erkennen.
Seiner Ansicht nach böten diese toxikologischen Tierstudien keine verlässliche Basis für die Sicherheit der Menschen. Er verwies dabei auf Resultate der Arzneimittelprüfung. «Dort wird ebenfalls zuerst in Tierversuchen geprüft. Wenn die Substanzen anschliessend beim Menschen getestet werden, scheitern 90 Prozent – obwohl sie sich vorher bei Tieren als sicher und wirksam erwiesen haben.»
Er forderte zudem eine grössere Transparenz. Wären die Daten der Tierstudien öffentlich zugänglich, würde sich das System schnell verbessern.[IMG 3]
Mit der Erfahrung kamen die Zweifel
Auf der Tagung wurde angeprangert, dass Jürg A. Zarn bei seiner Arbeit beim BLV über Jahre selbst im Prüfverfahren für Pflanzenschutzmittel involviert war und jetzt als Pensionierter aber die Behörden kritisiert.
«Mein Meinungsumschwung kam nicht erst in der Pension. Über die Jahre und mit der Erfahrung kamen bei mir immer mehr Zweifel an den Prüfverfahren und der behördlichen Bewilligungspraxis auf», betonte Jürg A. Zarn.
Es sei die Aufgabe der Behörden, dass gesunde Lebensmittel auf den Markt kämen. «Appelle an die Bevölkerung, sie solle sich besser und mit gesünderen Lebensmitteln zu ernähren, reichen nicht aus.»
Probleme über das Verursacherprinzip lösen
Auch Roland Lenz, der zweite Referent des Abends, musste feststellen, dass Aufklärung und Information nicht ausreichen, damit sich Menschen gesünder ernähren. «Als wir 1994 unser Weingut gründeten, war ich überzeugt, dass Bio in 30 Jahren Standard sein wird und die konventionellen Produkte gekennzeichnet werden», so der Winzer aus Uesslingen im Kanton Thurgau.
«Heute muss ich leider feststellen: Wir sind noch nicht weiter als vor 30 Jahren.» Der einzige Weg, hochwertige Lebensmittel und damit eine gesunde Ernährung zu fördern, führe über das Portemonnaie.
«Das Problem mit gesundheitlich bedenklichen Lebensmitteln kann nur über das Verursacherprinzip gelöst werden. Ob gefährdende Hilfsstoffe oder krankmachendes Süssgebäck – schlussendlich müssen diese ganz einfach extrem viel kosten, damit wir vorwärtskommen», so Roland Lenz.
Millionen von treuen Mitarbeitern
In seinem spannenden Referat ging Roland Lenz nicht nur auf die Ernährungsproblematik ein, sondern stellte auch sein 27 Hektar grosses Weingut vor, das er zusammen mit seiner Frau Karin Lenz und 14 Schweizer Festangestellten bewirtschaftet.
«Dazu haben wir noch Millionen von weiteren treuen Mitarbeitern», betonte Roland Lenz und verwies dabei auf die grosse Bedeutung von Nützlingen auf seinem Hof. Um diese zu fördern, wurden in den vergangenen 30 Jahren auf mittlerweile 17 Prozent der Fläche unzählige Hecken und Fruchtbäume gepflanzt sowie weitere biodiversitätsfördernde Rückzugsorte geschaffen.
Dank der enormen Zahl an Nützlingen gebe es kaum Probleme mit Schädlingen. Beispielsweise werde die Kirschessigfliege von Fledermäusen in Schach gehalten. Durch den Ersatz der traditionellen Rebsorten durch pilzwiderstandsfähige Sorten (Piwi) konnten auch die Einsatzmengen von Fungiziden stark reduziert werden.
[IMG 4]
90 Prozent weniger Hilfsstoffe
Die Umstellung seines Rebbetriebs von Monokulturen auf eine biologisch-dynamische Bewirtschaftung mit viel Biodiversität hatte nicht nur grosse positive Auswirkungen auf die Natur, sondern auch auf die Wirtschaftlichkeit.
«Wir setzen heute 90 Prozent weniger Hilfsstoffe ein. Allein für die vorsorgliche Traubenwickler-Bekämpfung spare ich jährlich 15 000 Franken ein.» Auch die Traktorenstunden hätten sich halbiert. Zudem sei die Arbeitseffizienz stark angestiegen. «Wir setzen heute 40 Prozent weniger Arbeitsstunden ein.» Dank gesunder und humusreicher Böden seien die Reben viel ertragsreicher geworden, weshalb Roland Lenz auf seinen Flächen statt der üblichen 5000 Stöcke pro Hektar nur noch 3300 hat.
Jede dritte Rebzeile wurde gerodet. «Wir haben 100 Prozent Ertrag mit nur 66 Prozent der Reben – und das bei gleichbleibender Qualität», betonte Lenz.
Netzwerk-Apéro
Neben den beiden spannenden Vorträgen war auch der Netzwerk-Apéro ein wichtiger Teil der Generalversammlung vom Ernährungsforum Stadt Land Zentralschweiz. Dabei konnten die Teilnehmer viel Wissenswertes über die Angebote und Dienstleistungen der Organisationen Ärzte und Ärztinnen für Umweltschutz, Bella Bio, Bio Luzern, DiräktÄcht, Kulturhof Hintermusegg, Randebandi und die Stiftung Dreipunkt erfahren. Damit sich Menschen gesünder ernähren, musste auch Roland Lenz, der zweite Referent des Abends, feststellen. «Als wir 1994 unser Weingut gründeten, war ich überzeugt, dass Bio in 30 Jahren Standard sein wird und die konventionellen Produkte gekennzeichnet werden», so der Winzer aus Uesslingen im Kanton Thurgau.
