Während Bern über Selbstversorgungsgrade diskutiert, hängt die Schweizer Landwirtschaft an der Strasse von Hormus. Durch diesen schmalen Meereskanal zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel fliesst ein Fünftel des weltweiten Erdöls. Die Schweiz bezieht ihren Diesel zwar hauptsächlich aus europäischen Raffinerien – aber das Rohöl für diese Raffinerien kommt zu einem Teil aus dem Nahen Osten, und der Weltmarktpreis reagiert sofort auf jede Erschütterung in der Region. Seit dem Konflikt im Iran im März sind die Dieselpreise in der Schweiz bereits um rund 8,6 Prozent gestiegen. Der Traktor muss noch nicht stillstehen. Aber er wird teurer.
Die Ernährungssicherheit ist das neue Lieblingswort der Schweizer Agrarpolitik. Links wie rechts wird sie beschworen, links wie rechts wird sie instrumentalisiert. Franziska Herren, die Frau hinter der Ernährungsinitiative, will 70 Prozent Selbstversorgung, erreicht durch mehr Pflanzenbau auf Kosten der Tierproduktion. Die SVP will 60 Prozent, erreicht durch mehr Produktion, explizit auch mehr Viehwirtschaft. Beide haben recht mit der Diagnose: Die Schweiz ist zu abhängig vom Ausland. Beide liegen falsch mit dem Rezept. Und beide streiten um Zahlen, die sie nicht einmal gleich definieren.
Äpfel und Birnen: Was Brutto und Netto bedeuten
Franziska Herren fordert einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Die SVP-Fraktionsmotion, von Landwirtschaftsgruppenchef Martin Hübscher kurz vor Ende der Wintersession 2025 eingereicht, verlangt einen Brutto-Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent. Das klingt nach demselben Streit um zehn Prozentpunkte. Ist es nicht.
Was ist der Unterschied? Ein konkretes Beispiel macht es greifbar. Ein Schweinemäster im Mittelland produziert Fleisch, Schweizer Fleisch. Aber er füttert seine Tiere mit einem beachtlichen Anteil an importierten Futtermitteln. Der Brutto-Selbstversorgungsgrad rechnet dieses Schweinefleisch voll als inländische Produktion mit. Der Netto-Selbstversorgungsgrad zieht den Anteil ab, der auf importierten Futtermitteln basiert. Was dann noch übrig bleibt, ist der Anteil, den die Schweiz wirklich aus eigenen Ressourcen erzeugt hat.
Konkret: Gemäss Agrarbericht 2025 lag der Brutto-Selbstversorgungsgrad 2024 bei 50 Prozent, der Netto-Selbstversorgungsgrad bei 42 Prozent – ein neuer Tiefststand, bedingt durch schlechte Ernten. Die Differenz zwischen Brutto und Netto zeigt, wie stark die scheinbar inländische Tierproduktion von importierten Futtermitteln abhängt. Herren redet über Netto, die SVP im Antrag über Brutto – obwohl die Motionsbegründung stellenweise selbst von Netto spricht. Niemand sagt das laut. Kein Wunder: Es würde den scheinbar klaren Konflikt zwischen 70 und 60 Prozent sofort in ein anderes Licht rücken.
Was beide Zahlen verschweigen
Doch selbst der Nettowert erzählt nicht die ganze Wahrheit. Beide Kennzahlen blenden systematisch aus, was jenseits der Futtermittel an Importen in die Schweizer Landwirtschaft fliesst: Mineraldünger, Pflanzenschutzmittel, Dieseltreibstoff für Traktoren und Mähdrescher. All das kommt zu bedeutenden Teilen aus dem Ausland. Wer in der Schweiz Weizen anbaut, düngt mit Stickstoff, der über globale Gaslieferketten in die Schweiz gelangt – inländische Produktionskapazitäten für Ammoniak als Vorprodukt für Stickstoffdünger gibt es in der Schweiz nicht mehr. Der Traktor auf dem Feld verbaut chinesische Elektronikkomponenten.
Das Bundesamt für Landwirtschaft hat das in einer bemerkenswert ehrlichen Auskunft gegenüber dem «Beobachter» auf den Punkt gebracht: Würde man alle Vorleistungen miteinrechnen, tendiere der Selbstversorgungsgrad gegen null. Auf eben dieser unvollständigen Kennzahl baut die ganze politische Debatte. Man streitet leidenschaftlich um Prozentpunkte eines Wertes, der die reale Abhängigkeit der Schweizer Landwirtschaft vom Weltmarkt systematisch verschleiert.
Herren und die Kuh
Franziska Herren will 70 Prozent Netto-Selbstversorgungsgrad. Den Weg dorthin sieht sie im Umbau der Landwirtschaft: weg von der Tierproduktion, hin zu mehr pflanzlichen Lebensmitteln. Auf 60 Prozent der Ackerfläche wird heute Futter für Tiere angebaut statt Nahrung für Menschen. Das sei der Kern der Abhängigkeit, argumentiert die Initiative.
Das Argument ist nicht falsch, aber es ist unvollständig. Der Netto-Selbstversorgungsgrad bei tierischen Nahrungsmitteln liegt bereits bei 69 Prozent, bei pflanzlichen aber nur bei 37 Prozent. Die Schwäche liegt tatsächlich bei den Pflanzen. Soweit hat Herren recht.
Aber sie macht einen entscheidenden Denkfehler. Die Schweiz ist kein flaches Agrarland. Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind Grünland: Dauerwiesen, Weiden, Alpen, steile Hänge. Auf diesen Flächen wächst kein Brotweizen und keine Speisekartoffel. Sie können sinnvoll nur von Wiederkäuern genutzt werden: Kühe, Schafe, Ziegen. Das ist keine Ideologie, das ist Geografie. Katja Riem, SVP-Nationalrätin aus Kiesen BE und Agronomin, hat das im Nationalrat im Dezember 2025 treffend formuliert: Die Schweiz lebe davon, dass grosse Teile der Flächen dank tierischer Nutzung überhaupt produktiv sind.
Herrens Initiative zielt mit ihrer pauschalen Kritik an der Tierproduktion genau auf jene Systeme, die in der Schweiz die grösste Ressourceneffizienz haben: die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion der Bergbauern und Alpwirtschaft. Diese Kuh importiert kein Soja. Sie verwandelt Bergwiesen in Milch und Fleisch, eine Leistung, die kein Pflanzenbau ersetzen kann. Und sie braucht keinen Dieseltanker in der Strasse von Hormus, um ihre Wiese zu fressen.
Die SVP und das Kraftfutter-Problem
Die SVP ist mit ihrer Gegenstrategie nicht besser bedient. Die Fraktionsmotion fordert einen Brutto-Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent und schreibt gleichzeitig die Stärkung der Viehwirtschaft ins Pflichtenheft. Das klingt bäuerlich. Aber es löst das Kernproblem nicht.
Denn welche Tierproduktion soll gestärkt werden? Die Milchkuh auf der Bergwiese braucht kaum importiertes Futter. Der Pouletmäster im Unterland ist ohne Sojaschrot aus der Donauregion nicht wettbewerbsfähig. Der Schweinemäster im Mittelland füttert zu grossen Teilen mit importiertem Körnermais und europäischem Sojaextraktionsschrot. Wer pauschal «mehr Viehwirtschaft» fordert, ohne diese Unterscheidung zu machen, stärkt im Zweifel genau jene Systeme, die die Importabhängigkeit erhöhen. Dass das Soja heute zu 93 Prozent aus Europa statt aus Brasilien stammt, ist eine echte Verbesserung beim Thema Entwaldung. An der grundsätzlichen Abhängigkeit vom Ausland ändert es nichts.
Beim Kraftfutter insgesamt deckt die Schweiz laut Agristat nur rund 40 bis 45 Prozent des Bedarfs selbst. Den Rest importiert sie, hauptsächlich für Schweine und Geflügel. Mehr intensive Tierproduktion bedeutet mehr davon und damit mehr Import, nicht weniger.
Was wir nicht mit Ernährungssicherheit begründen dürfen
Diese Debatte führen zu dürfen, ist richtig und wichtig. Was dabei aber nicht geht: die wiederkehrende Überproduktion bei Milch und Schweinefleisch mit Ernährungssicherheit zu rechtfertigen.
Bei Schweinefleisch sorgte die Überproduktion der Jahre 2022 und 2023 für übervolle Ställe, Preiszerfall und zeitweise Notexporte. Die Branche hat inzwischen gegengesteuert, der Schweinebestand ging 2024 um 3,6 Prozent zurück. Aber das strukturelle Muster bleibt: Gute Marktbedingungen lösen Investitionen aus, Investitionen führen zu Überangebot, Überangebot drückt die Preise. Der Schweinezyklus dreht sich weiter.
Bei der Milch spitzt sich die Lage aktuell zu. 2025 lag die Milchproduktion bis November rund 2,3 Prozent über dem Vorjahr. Die Branchenorganisation Milch schlug Alarm: Es drohe ein Szenario, in dem nicht mehr alle Milch verarbeitet werden kann. Butter und Rahm werden exportgestützt, Produktionsmengen werden diskutiert. Das ist kein Zeichen von Stärke. Es ist das Ergebnis struktureller Fehlanreize, die seit der Aufhebung der Milchkontingentierung 2009 wirken.
Gegen diese Überproduktion lässt sich mit Tierwohl argumentieren, mit dem ökologischen Fussabdruck übermässiger Intensivhaltung, mit der Belastung von Böden und Gewässern durch Gülle und Ammoniak. Das sind legitime und belegte Argumente. Mit Ernährungssicherheit dagegen darf man nicht argumentieren. Denn Überproduktion im importfutterabhängigen Bereich erhöht die Abhängigkeit vom Ausland, bindet Ackerfläche für Futtermittel und drückt die Preise so tief, dass extensivere, ressourcenschonendere Betriebe wirtschaftlich nicht mehr mithalten können. Ein Netto-Selbstversorgungsgrad, der durch importfutterabhängige Überproduktion hochgehalten wird, löst das Abhängigkeitsproblem nicht. Er verschiebt es nur.
Riems Prüfantrag: nett gedacht, aber verfassungswidrig
Immerhin stellt SVP-Nationalrätin Katja Riem die richtigen Fragen. Mit einem Postulat, also einem Prüfantrag ohne verbindlichen Auftrag, verlangt sie vom Bundesrat einen Bericht zu marktnäheren Anreizen für die Produktion. Zur Diskussion steht unter anderem eine negative Mehrwertsteuer auf die Urproduktion: Statt Direktzahlungen nach Fläche und Ökoprogramm würden Bauern pro produziertes Kilogramm entschädigt.
Das Problem: Die Idee scheitert an der Bundesverfassung, bevor sie überhaupt anfängt. Art. 130 BV definiert die Mehrwertsteuer als Verbrauchssteuer, die auf den Konsum erhoben wird, nicht auf die Produktion. Eine staatliche Auszahlung an Produzenten im MwSt‑Gewand wäre kein Steuerinstrument mehr, sondern eine verkappte Subvention in verfassungsrechtlich unzulässiger Form. Der Bundesrat hat dies in seiner Antwort auf Riems Vorstoss aus der Wintersession 2025 (25.4508) explizit bestätigt.
Dass Riem das als Prüfantrag formuliert, anstatt direkt eine Motion einzureichen, dürfte kein Zufall sein. Vielleicht ahnt sie selbst, dass der Vorschlag einer rechtlichen Überprüfung nicht standhält. Den Bundesrat mit einem Bericht zu beauftragen, in dem dieser das vorgeschlagene Instrument wohl als verfassungsrechtlich unzulässig einordnen wird, ist politisch geschickt, inhaltlich aber dünn. Die SVP, die sonst nicht müde wird, vor staatlichen Eingriffen zu warnen, schlägt hier ein Instrument vor, das einen neuen bürokratischen Auszahlungsmechanismus auf Verfassungsstufe verankern müsste, bevor es überhaupt funktionieren könnte.
Das BLW liefere keine Vorschläge, beklagte Riem. Das mag stimmen. Aber ein verfassungswidriger Gegenentwurf ist auch keine Antwort.
Wann braucht es überhaupt einen hohen SVG?
Hinter der ganzen Debatte steckt eine Frage, die niemand laut stellt: Wozu dient ein hoher Selbstversorgungsgrad eigentlich – und wann? In Normalzeiten ist Ernährungssicherheit primär eine Frage der Wertschöpfung: Wie viel Wert bleibt im Inland? Bei gestörter Versorgung dagegen geht es ums Überleben. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den die politische Debatte konsequent ignoriert.
Denn die Fähigkeit, den SVG im Krisenfall rasch hochzufahren, ist nicht dasselbe wie ein dauerhaft hoher SVG. Extensiver bewirtschaftete Flächen könnten gedüngt und intensiver genutzt werden, Pferdeweiden umgepflügt, Brachflächen aktiviert. Die Maschinen sind weitgehend vorhanden. Das landwirtschaftliche Know-how ist grösstenteils noch da.
Was es zusätzlich bräuchte: ausreichende Pflichtlager für Produktionsmittel wie Dünger und Saatgut, genügend Verarbeitungskapazität für eine höhere Inlandproduktion und Menschen, die aus schwach verarbeiteten Rohstoffen noch ein Menü kochen können. Eine Gesellschaft, die nur Fertigprodukte kennt, hilft sich im Krisenfall wenig. Hinzu kommt das Potenzial der Lebensmittelverschwendung: Studien schätzen, dass Foodwaste-Reduktion die verfügbare Nahrungsmenge um 10 bis 20 Prozent erhöhen könnte, ohne eine einzige Hektare mehr zu bewirtschaften.
Wer das ernst nimmt, kommt zu einem unbequemen Schluss: Nicht der permanent hohe SVG schützt die Schweiz, sondern die erhaltene Kapazität, ihn im Ernstfall rasch zu steigern. Das ist agrarpolitisch ein anderer Ansatz, als ihn beide Seiten verfolgen – und einer, der sich lohnen würde, ernsthaft zu diskutieren.
Die Frage, die keiner stellt
Was bleibt, ist die grundlegende Paradoxie dieser Debatte. Beide Seiten wollen dasselbe: die Schweiz unabhängiger machen. Beide beschreiben dasselbe Problem. Und beide scheitern an der Frage, die sie nicht stellen wollen: Unabhängigkeit wovon genau?
Wer Stickstoffdünger braucht, kauft ihn letztlich über globale Gaslieferketten. Wer Saatgut braucht, kauft es bei Syngenta oder Bayer. Wer Diesel braucht, kauft ihn am Weltmarkt. Mehr inländische Produktion bedeutet zunächst einmal mehr von all dem, mehr Abhängigkeit, nicht weniger. Das ist unbequem. Deshalb sagt es niemand.
Die eigentliche agrarpolitische Frage lautet: Welche Produktionssysteme verdienen Schutz? Die graslandbasierte Wiederkäuerhaltung, die tatsächlich wenig externe Inputs braucht und für die es in der Schweiz keine Alternative gibt? Oder die kraftfutterabhängige Intensivhaltung, die im Brutto-Selbstversorgungsgrad gut aussieht, aber de facto auf einem bedeutenden Anteil an importierten Futtermitteln steht?
Franziska Herren schiesst pauschal auf alles Tierische. Die SVP schützt pauschal alles Tierische. Und die AP 30+, die diese Differenzierung eigentlich leisten müsste, droht, zwischen den Lagern zerrieben zu werden, bevor die Verwaltung überhaupt einen ernsthaften Vorschlag auf den Tisch gelegt hat.
Wer ernsthaft über Ernährungssicherheit nachdenkt, kommt nicht um die Kuh herum. Aber auch nicht um eine ehrliche Debatte darüber, welche Kuh wir meinen und was der Selbstversorgungsgrad wirklich misst.
Solange diese Debatte nicht geführt wird, können wir in Bundesbern über 60 oder 70 Prozent diskutieren, so lange wir wollen. Die Strasse von Hormus interessiert das nicht. Sie macht einfach den Diesel teurer.

