Zum Auftakt lief ein Werbespot – 18 Jahre alt. Der Preis, damals das grosse Thema. Der Preis, heute das grosse Thema. Wer das als Hinweis verstand, dass der Abend im GDI Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon ZH wenig Neues bringen würde, lag nicht falsch.
Die 16. Konsumententagung des Migros-Genossenschafts-Bundes brachte am 13. Mai aber zumindest zusammen, was selten an einem Tisch sitzt: der Mann, der Preise überwacht; der Mann, der sie setzt; die Politikerin, die sie regulieren will; und der Produzent, der sie erzeugt. Unter dem Titel «Der Preis ist heiss – und der Markt mächtig?» wurde diskutiert. Die Positionen waren bekannt. Die Fronten auch.
50 Prozent teurer – mindestens
Den Anfang machte Stefan Meierhans – und er machte ihn mit Humor. «Du hast einen Traumjob», sagte Moderator und Migros-Kommunikations-Chef Christian Dorer zu ihm, «du kannst kritisieren und musst keine Lösungen bringen.» Meierhans widersprach. Und er tat es charmant: Er sehe sich selbst als Opfer des Marketings, falle ständig auf Wühltische rein. Gelächter im Saal.
Doch dann wurde er ernst. Wo die Schweiz überteuert sei? «Besser fragen, wo sie es nicht ist», sagte Meierhans. Rund 50 Prozent teurer als das umliegende Ausland – ausser vielleicht im IT-Bereich. Im Agrarbereich sei der Abstand noch deutlich grösser. Eine Aussage, die am Tisch niemand bestritt – und über die man auch nicht länger sprach. Man kannte sie.
Keine Vegiwurst, kein Zweifel
Immerhin einer am Tisch sass nicht nur als Marktbeobachter dort, sondern auch als Verarbeiter: Markus Bigler, CEO der Bigler AG Fleischwaren. Auf seinem Tisch landet keine Vegiwurst. Ausgewogen und vegetarisch essen, ja – aber Fleischalternativen? «Das macht nicht wirklich Spass», erklärte Bigler, und über die Herkunft der Rohstoffe von Ersatzprodukten mochte er lieber nicht reden.
Dass sein Kernprodukt an Akzeptanz verlieren könnte, sah Bigler nicht auf sich zukommen. Das sei nicht irgendwie seit 100 Jahren so, sondern seit es die Menschen gebe – und werde es daher auch bleiben. Eine Überzeugung, die im Raum stand, ohne dass jemand sie ernsthaft herausforderte. Womit man beim nächsten Bekannten war: der Frage, was die 500 Millionen gebracht haben.
500 Millionen und kein Discounter
Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes Mario Irminger räumte ein, was längst publik ist: Die Migros musste feststellen, dass Kunden abwandern. Rund 500 Millionen Franken habe man investiert, rund 1000 Artikel dauerhaft günstiger gemacht. Das in einem Angebot, das gesamthaft 40 000 Produkte umfasst. «Wir sind kein Discounter, dafür haben wir Denner», stellte er klar.
Kostet die Weltlage oder die Marge?
Dass beim Thema Preise alle ein wenig aufeinander losgehen, beobachtete er nüchtern – und schob die Verantwortung prompt zur Politik weiter: Die Rahmenbedingungen erhöhten die Preise. Meierhans liess das nicht einfach stehen und schob seinerseits die eigentliche Frage nach: Werden nur die Kosten der Weltlage weitergegeben – oder springt man da auch drauf, um die Marge zu erhöhen? Die Frage blieb im Raum.
Bigler bestätigte immerhin, dass die Kostensteigerungen derzeit noch überblickbar seien, vor allem bei Energie und Kunststoff spürbar. Der Einkaufstourismus hingegen habe im vergangenen Jahr stark angezogen, kleine Detaillisten kämen wieder unter Druck.
Die Krankenkasse bucht still, der Käse nicht
Von diesem Punkt war es nicht weit zu Christine Badertscher – und zu dem, was der stärkste Moment des Abends werden sollte. Die Grünen-Nationalrätin ärgert sich. Wer schaue, was die Schweizerinnen und Schweizer im internationalen Vergleich für Lebensmittel ausgeben, stelle fest: Sie seien weltweit auf dem tiefsten Stand.
«Es ärgert mich, dass man ständig auf den Lebensmittelpreisen rumreitet», sagte sie. Dann lieferte sie das treffendste Bild des Abends: Netflix, Spotify, Fitnessabo – alles fixe Kosten, die still per Lastschrift abgebucht werden, unbemerkt, unbedacht.
Lebensmittel dagegen: täglich, sichtbar, greifbar, jeden Franken spürbar. Genau dort entstehe der psychologische Druck, der die Menschen ins Ausland treibe. «Wir haben die Löhne in der Schweiz, dann soll man auch hier das Geld ausgeben.»
Bigler nickte: Badertscher spreche aus seinem Herzen. Alles fokussiere sich auf die Lebensmittelindustrie, während Mobilität und Wohnen kaum angemessen diskutiert würden. Und Badertscher legte nach: «Wenn Meierhans für zu hohe Preise zuständig ist, dann bin ich für zu tiefe.» Immer weiter nach unten – das sehe sie als Problem, weil es dort Abstriche gebe. Welche Abstriche, musste sie nicht erklären. Im Saal wusste man es.
Bio, Margen und eine offene Rechnung
Genau diese Abstriche führten zur nächsten Runde: Bio, Transparenz und Margen. Stefan Meierhans forderte Klarheit darüber, warum etwas wirklich teurer wird, denn der Preisdruck wirke sich auf die Produktion aus, diese wiederum auf die Umwelt. Er sagte offen, dass er Bio-Produkte gerne kaufen würde, sie aber zu teuer findet.
Christine Badertscher konterte: Man habe ausgerechnet, dass konsequentes Bio-Einkaufen Mehrkosten von 70 Franken im Monat verursachen würde. Für 80 Prozent der Einkommen sei das «wirklich nicht viel», findet sie.
Die Diskussion darüber, dass Detailhändler bei Bio deutlich höhere Margen hätten als bei konventionellen Produkten, war dann natürlich sofort auf dem Tisch. Mario Irminger rechnete vor, wie viel von 100 Franken Einkauf als Gewinn bei der Migros bleibt: 1 Franken 50. Die Kosten bei IP-Suisse- und Bio-Produkten seien höher, nicht nur in der Urproduktion, sondern eben auch beim Detailhandel.
Und bei diesem Thema ging es dann um die Königsdisziplin beim Labelfleisch: die Vollverwertung. Das sei schon bei QM-Fleisch anspruchsvoll, bei Labeltieren aber kaum zu erreichen. Nur ein Teil des Bio-Rindes lasse sich entsprechend vermarkten. Markus Bigler ergänzte mit Überzeugung: Fleisch solle seinen Preis haben. Ein Tier lasse sein Leben, das müsse eine hohe Wertigkeit haben.
Bekannte Positionen, freundlicher Abend
Am Ende war es ein freundschaftlicher Abend. Man habe keine Hellebarde dabei, stellte Stefan Meierhans fest. Markus Bigler wünschte sich in einer idealen Welt ein Label, das mehr ist als QM, aber weniger streng als IP-Suisse und Bio.
Stefan Meierhans vermisst in Sachen Label hingegen kein Schwachstrom-IP-Suisse, sondern passend zu seiner Wühltisch-Leidenschaft ganz einfach: M-Budget. Da habe er stets gewusst, was er einkaufen müsse.
Und Mario Irminger nahm gerne mit, was Christine Badertscher noch gesagt hatte: Die Grundfertigkeiten in der Lebensmittelproduktion dürften nicht verloren gehen. Badertscher selbst dürfte am längsten überlegt haben, was sie auf die Frage von Christian Dorer («Was nehmt ihr von den anderen mit?») antworten sollte. Ganz ehrlich: «Nichts», traute sie sich dann doch nicht zu sagen.
Und dann war der Abend vorbei. Wer die Positionen kennt – und das tut man nach Jahren dieser Debatte –, hatte sie alle schon gehört. Der 18 Jahre alte Spot am Anfang war ehrlicher als beabsichtigt: Beim Preis dreht man sich seit Jahren im Kreis. Neue Antworten sucht man anderswo.
Nachhaltigkeit scheint dabei zur Selbstverständlichkeit verkommen. Sie ist kein Verkaufsargument mehr, kein grosses Thema, sie ist einfach da. Vorausgesetzt, sie wird geliefert. Von wem? Von den Bauern natürlich. Die sollen es richten: den Preis, die Umwelt, das Tierwohl, das Klima. Am besten alles zusammen, und bitte günstig.

