Direktvermarktung über Hofläden kann je nach Standort gut funktionieren. Die Mengen und das Sortiment sind aber meist beschränkt, da die Kundschaft überschaubar bleibt und eine Verarbeitung nicht immer zu organisieren ist. Verpflegungseinrichtungen von Gemeinden – z. B. in Heimen, Schulen oder Sportanlagen – böten mehr Absatz. Ebenso die Gastronomie, die sich zudem mit lokalen Produkten abheben kann.
Herausforderung: Zusammenfinden
«Viele Städte und Gemeinden würden gern mehr Lokales servieren», stellt Stefan Flückiger fest. Der Präsident des Vereins Faire Märkte Schweiz (FMS) sieht die Herausforderung vor allem darin, Kontakte zwischen potenziellen Abnehmern und Lieferanten zu knüpfen sowie Lieferbeziehungen zu etablieren. Dieser Aufgabe soll sich die Kampagne «lokal+fair» 2026 von FMS annehmen. Im Interview erklärt Flückiger, was dazu vorgesehen ist, und schildert funktionierende Praxisbeispiele.
Verstehe ich das richtig, dass die Kampagne 2026 auf die 10 bereits bestehenden «lokal + fair»-Gemeinden abzielt? Sie sollen noch mehr auf lokale und faire Produkte setzen?
Stefan Flückiger: Wir setzen die Arbeit mit bestehenden «lokal + fair»-Gemeinden fort. Gleichzeitig bietet sich eine Zusammenarbeit mit vielen neuen Gemeinden an, die die Direktvermarktung und die lokale Vermarktung sichtbar machen und ein Umdenken im Konsumverhalten anstossen wollen, damit sie ihre lokalen Betriebe stärken können.
Was machen Sie anders als das Projekt «Land. Gast. Wirt» des Schweizer Bauernverbands, Gastro Suisse und Hotellerie Suisse?
Wir arbeiten mittlerweile auf verschiedenen Ebenen mit der Gastwirtschaft zusammen und stellen fest, dass die Zusammenarbeit zwischen den Land- und Gastwirtschaftsbetrieben punktuell gut funktionieren kann. Insgesamt stehen sich diese beiden Branchen aber bisher nicht sehr nahe.
Woran liegt das?
Die Betriebe sind mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Verbandsspitzen wollen zwar ihre Betriebe näher zusammenführen – top-down kommen diese Botschaften aber zu wenig an. Wir gehen einen anderen Weg und arbeiten in den einzelnen Schwerpunktgemeinden oder -regionen konkret mit den Betrieben zusammen und bieten neue Anreize für die lokale Zusammenarbeit – dies auch zusammen mit Gemeinden und Partnerorganisationen: Es gibt wunderbare Beispiele, in denen Verpflegungsinstitutionen wie Altersheime oder Sportanlagen ganz konkret auf lokale Produkte setzen und viele Bäuerinnen und Bauern sowie lokale Gewerbebetriebe davon profitieren. In der diesjährigen «lokal + fair»-Kampagne werden die öffentliche Verpflegung und die Systemgastronomie einen Schwerpunkt bilden.[REL 1]
Uster ZH ist ja quasi die Pilotgemeinde, wo Ihr Ansatz als Erster mit Erfolg umgesetzt werden konnte. Wie sind Sie dazu vorgegangen?
In Uster sind Nachhaltigkeitsaktivitäten schon seit vielen Jahren tief verankert. Deshalb war es eine Freude, wie die Verantwortlichen den «lokal + fair»-Ansatz aufgenommen haben. Bereits im Jahr 2025 konnten wir die Heime, die Sportanlagen und die Dorfbadi in Uster ZH als «lokal + fair»-Verpflegungsbetriebe auszeichnen, da sie direkte Lieferbeziehungen mit lokalen Bäuerinnen und Bauern und dem Gewerbe pflegen. In der ganzen Schweiz stossen wir nun auf solche Gemeinden.
Was wäre ein Beispiel?
Etwa die Gemeinde Wohlen BE, die wir für ihr Engagement mit dem «lokal + fair»-Award 2025 ausgezeichnet haben. Die Preisträgerin fördert mit verschiedenen Projekten den Absatz regionaler Lebensmittel, unterstützt lokale Produzenten, will faire Preise entlang der Lieferkette sicherstellen und stärkt damit die lokale Wertschöpfung.
Ist es Ihrer Meinung nach am effektivsten, wenn sich Gemeinden oder Städte direkt für die Förderung lokaler Ernährungssysteme einsetzen und Landwirt(innen) mit potenziellen Abnehmern vernetzen?
Das Allerwichtigste ist, dass sich die Gemeinden bewusst werden, dass es für sie von grossem Mehrwert ist, in ein lokales, nachhaltiges Ernährungssystem zu investieren. Und dass davon auch die Bevölkerung profitiert. Der Bund allein kann diesen Wandel nicht bewerkstelligen.

Was ist denn der Stand heute?
Es gibt viele Gemeinden, die viel zu spät aktiv geworden sind, als die lokalen Lebensmittelnetzwerke praktisch nicht mehr existent waren und die meisten Betriebe eingegangen sind. All dies sind die traurigen Kollateralschäden der heutigen Konzentrationsprozesse in den Schweizer Lebensmittelmärkten mit der zunehmenden Dominanz der industriellen Verarbeitungs- und Handelszentren. Viele Gemeinden haben nun erkannt, dass sie aktiv werden und alternative Absatzmodelle mit kurzen Lieferketten fördern müssen. Sei dies mit konkreten Beschaffungsrichtlinien für die eigenen Betriebe wie Schulen, Heime oder Kitas oder Sensibilisierungsprojekten.
Ich habe den Eindruck, dass auf dieser Ebene bisher wenig in diese Richtung gedacht wird, vor allem auch in ländlichen Gemeinden. Was ist Ihre Einschätzung?
Ich komme selbst aus einer Gemeinde in der Nordwestschweiz, wo alle Dorfläden, verarbeitenden Betriebe und auch Gastwirtschaftsbetriebe verschwunden sind. Erst jetzt haben die Behörden realisiert, wie sehr nun das Dorf unter diesem extremen Strukturwandel leidet, und man versucht, wieder einen Dorfladen zu installieren. Im Agronomiestudium habe ich noch gelernt: Wenn es in einer Berggemeinde nicht mindestens fünf gut funktionierende Bauernbetriebe hat, ist die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde gefährdet. Weil diese Betriebe die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft sicherstellen, zur dezentralen Besiedlung beitragen und die lokalen Wertschöpfungsketten (z. B. Käsereien, Metzgereien) stützen. [REL 2]
Gilt diese Fünf-Bauernbetriebe-Regel nur im Berggebiet?
Heute würde ich dies für die ganze Schweiz so umformulieren: Gemeinden brauchen lokale und regional eingebettete Lebensmittelstrukturen mit einer minimalen Anzahl von Betrieben. Wenn diese fehlen, verliert die Gemeinde nicht nur an Versorgungskapazität, sondern v.a. an sozialem Zusammenhalt, Begegnungsorten und beim Dorfleben. Deshalb hat eine Initiantengruppe aus Ennetmoos NW bei uns um Unterstützung angefragt, um einen neuen Dorfladen zu realisieren. «lokal + fair» unterstützt solche Projekte und da haben die Gemeinden eine ganz entscheidende Rolle zu spielen.
Wie gewinnt FMS mehr Gemeinden für das Projekt?
Zum einen gelangen die Gemeinden an uns, zum anderen treten wir auch an die Gemeinden heran und zeigen ihnen die Potenziale ihres diesbezüglichen Wirkens auf. Dabei arbeiten wir auch mit lokalen Vereinen und Akteurgruppen zusammen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
In Stäfa ZH zum Beispiel wurde der Verein «lokal + fair» gegründet, in dem Bürgerinnen und Bürger viele Aktivitäten zusammen mit den Gemeindebehörden initiiert haben. Auch wird auf diese Weise die Schnittstelle zum lokalen Gewerbeverband sehr gewinnend bewirtschaftet und lässt die verschiedenen Branchen näher zusammenrücken, was auf lokaler Ebene viel erfolgreicher ist, als wenn die Branchenzusammenschlüsse auf nationaler Ebene stattfinden.
Könnten oder sollten Bund und Kantone die Städte und Gemeinden in Sachen nachhaltiger Ernährungssysteme stärker in die Pflicht nehmen, oder wäre das schon eine Ebene zu hoch?
Ja, das wäre wünschenswert. Doch zuerst muss der Bund mit gutem Beispiel vorangehen. Der Bundesrat hat erfolgversprechende Konzepte verabschiedet, wie z. B. die Nachhaltigkeitsstrategie, in der er die Transformation in Richtung nachhaltiger Ernährungssysteme mit ganz konkreten Zielen definiert hat. Heute sind die meisten Ziele nicht auf Kurs. Dann hat der Bundesrat im Bericht «Zukünftige Ausrichtung der Agrarpolitik» alternative Ansätze unter «Direktverkauf und kurze Vertriebswege» ganz konkret skizziert. In den Plänen zur AP30+, die er Mitte Februar vorgestellt hat, war nichts davon zu finden.[REL 3]
Aber es gibt nun entsprechende Vorstösse?
Zum Glück haben umsichtige und engagierte Parlamentarier(innen) in der Frühlingssession 2026 gleich darauf reagiert und nehmen jetzt den Bundesrat mit Motionen in die Pflicht: Zum Beispiel beauftragt Ständerätin Maya Graf (Grüne, BL) den Bundesrat, die «Weiterentwicklung der Direktvermarktung und der Vermarktung über kurze Vertriebswege in die AP30+ aufzunehmen». Oder Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger (SVP, BE), der die regional und dezentral verankerten Verarbeitungsstrukturen entlang der gesamten Wertschöpfungskette stärken will. Wenn die AP 30+ diese Aufträge ernst nimmt, dann werden Anreize geschaffen, damit alternative Ansätze mit kurzen Lieferketten an Bedeutung gewinnen.
Macht es für Landwirtschaftsbetriebe Sinn, sich auf der Website von «lokal + fair» registrieren zu lassen, auch wenn ihre Gemeinde bisher nicht beteiligt ist?
Klar wäre es wünschenswert, wenn sich mehrere Betriebe aus dem lokalen Lebensmittelnetzwerk registrieren – inklusive der Gemeinde – und dadurch mehr Synergien ausgeschöpft werden. Doch vielfach braucht es erst Pilotbetriebe, die diesen Prozess anstossen. Unsere kostenlosen Kommunikationsleistungen bieten den Betrieben eine überregionale Sichtbarkeit mit neuen Absatzmöglichkeiten an.
Funktioniert das?
In einigen Fällen haben wir die Vernetzung zu Gemeinde und Abnehmern erfolgreich initiieren können und plötzlich hat das breite Publikum Interesse gezeigt. Dies ist der Moment, in dem Absatzpotenziale für weitere Betriebe entstehen. Wenn sich also einzelne Betriebe bei «lokal + fair» registrieren lassen, dann ist dies ein erster Schritt in einem Sensibilisierungsprozess für mehr lokale bzw. regionale nachhaltige Lebensmittel.[REL 4]
Wie ist es mit Betrieben, die bisher keine Direktvermarktung betreiben, aber z. B. neu Fleisch an einen lokalen Gastronomen verkaufen möchten?
Da bieten wir Unterstützung oder vermitteln sie an die richtigen Stellen. Der Einstieg über teure Investitionen ist oft nicht zielführend. Partnerbetriebe von uns, wie z. B. das Metzgerhuus im Kanton Baselland, bieten für solche Fälle eine Lohnverarbeitung für die Direktvermarktung an. Dies wäre eine gute Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit dem lokalen Gastwirt.
Ist die Teilnahme für Landwirt(innen), Gastro, Gewerbe oder Gemeinden mit Kosten verbunden?
Alle unsere Leistungen im Bereich Kommunikation, Vernetzung oder Behördenkontakte sind kostenlos. Die Finanzierung ist über Stiftungen sichergestellt. «lokal + fair» ist erst im dritten Kampagnenjahr und die konstruktive Zusammenarbeit mit den Betrieben bestätigt uns, dass unsere Leistungen gut investiert sind und die Bewegung damit vorankommt.
«Wertvolle Ansprechpartner»
[IMG 3] Landwirtschaftsbetriebe, Gastronomen, Verpflegungseinrichtungen und Gemeinden, die bei «lokal + fair» mitmachen, sind auf der Projektwebsite kurz porträtiert. Die meisten Höfe sind Bio-zertifiziert. Remo und Nanina Achermann nehmen mit ihrem ÖLN-Betrieb teil. Ihr Reipenhof mit Milchwirtschaft, Pferdepension, Mastschweinen, Legehennen, Schafen und Ackerbau liegt in Grüningen ZH. «Wir sind in dieses Projekt hereingerutscht, da wir 2024 bei ‹vo puur zu puur› dabei waren und wir dort unseren neuen Milchviehstall der Öffentlichkeit zeigen durften», erklärt Remo Achermann. Der Reipenhof verkauft Milch direkt ab Milchtank. Seit dem Vermerk auf der Website von «lokal + fair» gebe es immer wieder Anfragen zu diversen Themen, sagt der Landwirt. «Ich habe das Gefühl, ‹lokal + fair› hört sich nicht gerade nach der sogenannten Bauernlobby an», gibt er zu bedenken. Das Projekt werde als unabhängig wahrgenommen, was seiner Einschätzung nach bei vielen Gemeinden und Konsument(innen) gut ankomme. Für jeden Betrieb das Passende zur Förderung lokaler und fairer Vermarktungsformen zu finden, hält er für schwierig. «Es reicht aber schon, wenn man Ansprechpartner hat, die individuell auf einen zugehen und beraten können.» Remo Achermann sieht eher die Gemeinden als die Politik in der Pflicht, um lokale Versorgungsstrukturen (wieder) aufzubauen. «Die Gemeinden wissen, was lokal produziert wird oder werden könnte», stellt er fest.

