ABO

Wie schaffen wir ein gesundes Ernährungssystem? «In der Politik will niemand gross denken»

Die Landwirtschaft soll vielfältig und schonend produzieren, die Bevölkerung sich ausgewogen ernähren: Keine leichte Aufgabe für alle Akteure in der Wertschöpfungskette. Ein Agronom, eine Elsa-Vertreterin und der stellvertretende BLV-Direktor diskutieren Lösungen.

Das Publikum in Zollikofen BE war sich einig: Die eigene Ernährung ist – mehrheitlich – gesund, das Ernährungssystem in der Schweiz nicht. Wie man es gesünder machen könnte, stand im Zentrum der Diskussion an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Am Abschlussevent der Veranstaltungsreihe «Gesund essen – ganzheitlich gedacht» ging es entsprechend um proaktives Handeln, wobei die Teilnehmenden des Podiums jeweils die Sicht von Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Gesundheitspolitik vertraten.

Industrie und Landwirtschaft brauchen beide Profit

«Die Industrie kann ihren Beitrag für ein gesünderes Ernährungssystem leisten», sagte Katharina Breme, ehemalige Leiterin Innovation und digitale Transformation bei der Migros-Tochter Elsa. Es gebe aber Grenzen: «Wir sind keine Non-Profit-Organisationen.»

«Für mich ist ein gesunder Pflanzenbau die integrierte Produktion», stellte Stefan Vogel klar. Der Agronom ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der HAFL und hat kürzlich seinen elterlichen Betrieb übernommen. Wichtig sei, dass die Erträge langfristig stabil sind, ergänzte Vogel – «auch Landwirte sind keine Non-Profit-Organisationen».

Allzu oft müsste man bei sich selbst ansetzen

Michael Beer wählte bereits zur Einstiegsfrage die klarsten Worte in der Runde: «In der Schweiz gibt es keine Gesundheitsprävention, die Lücke beträgt 100 Prozent.» Der stellvertretende Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) kritisiert das heutige Gesundheits- bzw. Ernährungssystem als zu wenig weitblickend. Moderator und HAFL-Dozent Hansjürg Jäger fragte, welche Gründe er dafür vermute. «Weil man sehr oft bei sich selbst ansetzen müsste», entgegnete Beer. Das mache es schwer, Themen wie Adipositas mit Politiker(innen) anzusprechen.

«Es muss schmecken» – auch wenn es gesünder wird

Verhaltensänderungen sind bekanntlich nicht einfach umzusetzen. Neue oder punkto Gesundheit verbesserte Produkte sind eine Möglichkeit, es einfacher zu gestalten. Katharina Breme erwähnte hier die Reduktion von Zucker, Salz oder Zusatzstoffen. Nur sollten das Aroma und die gesamte Sensorik von Joghurt und Co. nicht unter der neuen Rezeptur leiden. Daher braucht es Innovation, um das gleiche Konsumerlebnis mit veränderter Zusammensetzung zu erreichen. «Es muss schmecken», betonte Breme. Niemand würde ein Lebensmittel kaufen, das zwar gesund wäre, aber einen scheusslichen Geschmack hätte. Der Markt entscheidet, weshalb Neuheiten für die Industrie stets ein gewisses Risiko darstellten.

Selbstregulation geht nicht weit genug

Bei der von ihr angesprochenen Zuckerreduktion engagiert sich die Branche selbst mit der Erklärung von Mailand. Michael Beer genügt derartige Selbstregulation der Lebensmittelindustrie bisher nicht. In 10 Jahren werde es die Erklärung von Mailand wohl nicht mehr geben. «Man muss Selbstregulation betreiben, die nützt – oder dazu stehen, dass man nichts macht», findet er. Dabei bezeichnete sich Beer selbst als Befürworter solchen freiwilligen Engagements. Er wünscht sich keine durch den Staat definierte Zuckerobergrenze, «aber ich möchte auch nicht, dass die Industrie so viel Zucker wie möglich in die Produkte kippt». Denn Zucker ist nicht nur in grossen Mengen ungesund, sondern auch eine günstige Zutat. Das macht seine Verwendung für die Industrie attraktiv und Zuckerreiches für die preisbewusste Kundschaft im Laden interessant.

Die festkochenden Kartoffeln plötzlich oval statt rund sind

«Was wir machen können, ist schlicht den Hilfsstoffeinsatz zu reduzieren», bemerkte Stefan Vogel zu den Möglichkeiten der Landwirt(innen) für ein gesünderes Ernährungssystem. Über die Sortenwahl funktioniere das gut, etwa bei Kartoffeln. Allerdings müssten Handel und Konsumenten über diese neuen, jungen Sorten besser informiert werden. «Festkochende Kartoffeln sind bisher typischerweise rund», gab der Agronom ein Beispiel. Die robusten festkochenden Sorten seien aber teilweise oval und würden daher schlechter akzeptiert. «Es ist auch nicht ganz einfach, Vertrauen zu haben in robuste Sorten auf dem Feld», ergänzte er. Wenn man bisher üblicherweise zum Schutz vor Krautfäule die Kultur fünfmal behandelt hat, falle es schwer, plötzlich nur dreimal zu fahren und auf die Resistenz der Pflanzen zu zählen.

Weiter in die Zukunft denken und Wege finden

Mit der AP 30+ hat der Bundesrat die Ansprüche an das Land- und Ernährungssystem der Zukunft relativ klar definiert, meinte Hansjürg Jäger. Die Richtung gibt das Zukunftsbild 2050 vor, das u.a. einen Netto-Selbstversorgungsgrad von über 50 Prozent, ein vielfältiges einheimisches Produktportfolio und eine gesunde, ausgewogene sowie nachhaltige Ernährung der Schweizer(innen) anpeilt. In der AP 30+ will der Bundesrat die Konsumenten mit einem kleinen Teil des Budgets der Absatzförderung für eine ausgewogene Ernährung sensibilisieren. Auch sollen pflanzliche Kulturen selektiv stärker gefördert werden.

«Es gibt viele verschiedene Ansprüche», konstatierte Michael Beer. Alle wollten sauberes Trinkwasser, aber auch gesunde Kartoffelpflanzen. Dass man sich mit Dingen wie dem Klimawandel befassen müsste, sei ebenfalls klar – der Weg dafür weniger. «Wir haben keine guten Wege, weil Gesellschaft und Politik nicht darüber nachdenken wollen», sagte der stellvertretende BLV-Direktor. Es fehle die Bereitschaft, gross zu denken. Aus seiner Sicht müsste der Blick weiter in die Zukunft gehen. Beispielsweise zur Reduktion des Fleischkonsums: «Noch ist die tierische Produktion am profitabelsten. Aber wie ist es in 10, 20 Jahren?»

Umlagerung von Geldern «superschwierig»

Michael Beer befürwortet die Kostenwahrheit. Dann würden gewisse Produkte aufgrund ihrer Umweltwirkung teurer und ihr Konsum sänke automatisch. Transparenz und erhöhte Kostenwahrheit hat der Bundesrat als heutige Hindernisse für ein gesundheits- und tierwohlförderndes Einkaufsverhalten identifiziert. Ein Mechanismus zur besseren Berücksichtigung externer Kosten soll laut Postulatsbericht Abhilfe schaffen. Der stellvertretende BLV-Direktor unterstützt auch eine Umlagerung von Geldern, etwa in der Absatzförderung – auch wenn das «superschwierig» zu machen sei. Angesichts des heutigen Systems der Förderung des Fleisch- und Weinkonsums frage er sich aber, ob genügend an die Zukunft gedacht wird.

Die Luft wird dünner für die Landwirt(innen)

Stefan Vogel holte die Diskussion jeweils zurück aufs Feld. Zum Stichwort Innovation gab er zu bedenken, dass sich der Bereich schnell entwickle – etwa mit kameragesteuerten Hackgeräten oder KI. Ein Durchschnittsbetrieb könne die Investition aber kaum allein stemmen. Generell werde die Luft für die Betriebe angesichts gestiegener Kosten immer dünner. «Weniger Pflanzenschutzmittel bedeutet in der Theorie weniger Kosten», räumte er ein. «Dann muss aber auch die Qualität des Endprodukts stimmen.» Mechanische Unkrautbekämpfung setze zudem mehr Durchgänge voraus und sei stark wetterabhängig. «Das bedeutet mehr Arbeit und kostet mehr Nerven.»

Bei der Abschlussfrage dazu, wie man denn nun zu einem gesünderen Ernährungssystem käme, waren sich die drei Podiumsteilnehmenden ziemlich einig. Es gelte, bei der Bildung anzusetzen, fanden Michael Beer und Katharina Breme. Stefan Vogel möchte Landwirte und Konsumenten näher zusammenbringen. «So entstünde ein besserer Austausch und man käme in dieser Thematik besser voran», glaubt er.

Am Anfang steht der Austausch

Das Schlussvotum hatte Ursula Kretzschmar, Leiterin Fachbereich Food Science und Management an der HAFL. «Das Erste, was man tun kann, ist der Austausch», sagte sie. Daher hält sie derartige Veranstaltungen für wichtig – auch wenn man sich mit dem Publikum in einer Blase von Interessierten und Sensibilisierten befinde. «Die Diskussion erinnert mich an meine erste Arbeit zum Biolandbau», so Kretzschmar. Damals habe sie vor Jahren von allen Seiten gehört, für Bio gebe es keinen Markt. Heute sieht es ganz anders aus. «Das stimmt mich zuversichtlich», meinte sie mit Blick auf die Herausforderung, das Ernährungssystem als Ganzes gesünder zu machen. Dazu brauche es aber alle Akteur(innen) entlang der Wertschöpfungskette.

Weiterlesen