Im Mittelpunkt der internationalen Konferenz der IFOAM Animal Husbandry Alliance (IAHA) im aargauischen Frick standen Nutztiere. Und zwar konkret die Frage, wie viele Tiere ein nachhaltiges Ernährungssystem tatsächlich braucht und ob Ernährungssysteme grundsätzlich mit deutlich weniger Nutztieren auskommen müssen. Diskutiert wurde auch, ob der Biolandbau das System der Zukunft ist.
Die Antworten sind nicht so einfach
An einem Medienanlass zur Eröffnung der Konferenz ordnete Jürn Sanders die Diskussion ein und sagte: «Die Antworten sind komplex und lassen sich nicht auf ein einfaches ‹mit oder ohne Tiere› reduzieren».
Aus seiner Sicht müsse Tierhaltung immer im Kontext widersprüchlicher Anforderungen von Umwelt, Ernährungssicherheit und Produktion betrachtet werden. Zudem betonte er, dass Tiere für den Biolandbau unerlässlich seien, da sie als Nährstofflieferanten in geschlossenen Kreisläufen eine zentrale Rolle spielen und zugleich eine hohe Nachfrage nach tierfreundlich und nachhaltig erzeugten Produkten aus Biobetrieben besteht.
Spannungsfelder der biologischen Tierhaltung
Florian Leiber, Leiter der Forschungsgruppe Tierernährung am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), verwies auf eines der Spannungsfelder zwischen Anspruch und Realität: Biologische Tierhaltung werde zwar häufig als ressourcenschonender Ansatz gesehen, stehe jedoch weiterhin wegen Flächenverbrauch, Klimawirkung und Tierzahlen ebenfalls unter Druck.
Unterschiede zur konventionellen Tierhaltung zeigten sich insbesondere beim Medikamenteneinsatz, bei der Fütterung und bei der Flächenbindung. Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass auch eine biologische omnivore Ernährung je nach Ausgestaltung einen hohen Flächenbedarf haben und klimatisch weniger günstig sein könne als stärker pflanzenbasierte Ernährungsweisen.
«Feed no food» für die Zukunft
In diesem Zusammenhang wurde auf ein wissenschaftliches Papier von Adrian Müller vom FiBL verwiesen, in dem der Ansatz «Feed no food» beschrieben wird. Ziel dieses Ansatzes ist es, Konkurrenz zwischen Futter- und Nahrungsmitteln zu vermeiden.
Besonders hoch ist diese Konkurrenz bei Schweinen und Geflügel, während sie bei Wiederkäuern eine geringere Rolle spielt, da diese nicht essbare Biomasse verwerten.
Globale Prinzipien, lokale Praxis
Die Referent(innen) am Medienanlass beurteilten die politische Steuerung unterschiedlich. Freiwillige Veränderungen im Konsum seien eher realistisch als verbindliche Vorgaben im Handel, wurde sinngemäss mehrfach betont.
Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass biologische Tierhaltung weltweit auf denselben Prinzipien basiert, ihre konkrete Umsetzung jedoch stark variiert.
Tiere sind tief ins Ernährungssystem eingebunden
Julia Lernoud, Vorstandsmitglied von IFOAM Organics International, betonte die globale Perspektive des Biolandbaus. «Der Biolandbau basiert auf den vier Prinzipien Gesundheit, Ökologie, Fairness und Fürsorge», sagte sie. Tierhaltung sei dabei kein isoliertes Element, sondern eng mit diesen Grundprinzipien verbunden und gleichzeitig weltweit sehr unterschiedlich ausgestaltet.

Sie verwies darauf, dass Tiere in Ernährungssysteme tief eingebunden seien und Auswirkungen auf viele Bereiche hätten, von Bodenfruchtbarkeit über Biodiversität bis hin zu Konsummustern.
Gleichzeitig zeigte sie auf, dass das globale Ernährungssystem von gegensätzlichen Entwicklungen geprägt sei: «Wir sehen gleichzeitig Überernährung, Mangelernährung und ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes und Allergien, während Biodiversität verloren geht und Entwaldung zunimmt», sagte Lernoud.
Ganzheitliche Betriebe seien das Ziel
Aus der Sicht von Julia Lernoud ist entscheidend, wie Systeme gemanagt werden. «Gut funktionierende Betriebe können unabhängig von ihrer Grösse arbeiten, wenn sie ganzheitlich gedacht sind», sagte Lernoud. Dazu gehöre die Verbindung von Tierhaltung mit ökologischen Funktionen, Tierwohl und natürlichen Kreisläufen.
Besonders in Lateinamerika werde deutlich, wie unterschiedlich Tierhaltung funktionieren kann. Die Region verfüge über grosse natürliche Weideflächen und ermögliche Systeme mit geringeren externen Inputs.
Gleichzeitig zeige sie exemplarisch die Spannungen zwischen ökologischen Möglichkeiten, wirtschaftlicher Bedeutung und strukturellen Grenzen der Tierhaltung.
Tierhaltung als Gestaltungsfrage
Vor diesem Hintergrund wurde Tierhaltung in der Diskussion weniger als Ja-oder-Nein-Frage verstanden, sondern als Gestaltungsfrage. Entscheidend sei nicht ihre grundsätzliche Existenz, sondern ihre Rolle innerhalb eines Ernährungssystems, das ökologische Belastungsgrenzen, Ernährungssicherheit und Tierwohl gleichzeitig berücksichtigen muss.

