David Baumann sitzt auf einer Strohballe auf seinem Betrieb in Goldiwil BE. Er blinzelt. Von vorn und hinten wird er mit grellem Scheinwerferlicht beschienen. Im Hintergrund schmatzen die Kühe. Seine Mutterkühe – eine kunterbunte Truppe, wie er sie selbst liebevoll nennt. Charakter gehe vor Rasse, sagt er ganz klar. «Eins, Zwei, Drei.» David Baumann blickt in die Kamera und die Aufnahme geht los mit dem Satz: «Am 4.4.2024 hatte ich einen Forstunfall.» Er beginnt seine Geschichte für die Kampagne der Interregionalen Blutspende SRK zu erzählen. Um ihn herum steht eine Traube von Menschen – Kameramann, Visagistin, Regisseur und seine Frau Cornelia Baumann. Allen stockt der Atem. David Baumann hatte eine Sekunde Pech, die sein ganzes Leben veränderte.
Gut vorbereitet für einen schwierigen Auftrag
Eigentlich begann der Tag ganz harmlos. «Mein Bruder und ich assen unser Znüni und sagten gleichzeitig, wie schön es war. Ein schöner Frühlingstag, wunderbare Sicht aufs Stockhorn», erzählt Baumann. Sie wussten beide, dass ein schwieriger Auftrag bevorstand und bereiteten sich entsprechend vor. David Baumann kannte die Tanne schon, die sie fällen mussten. Sie war in der Mitte gebrochen und lehnte über einen Weg hinweg an einer anderen Tanne an. Diese Szenerie bot sich an einem stotzigen Hang.
An diesem vierten April wusste David Baumann, dass das nicht ganz einfach werden würde. Bei der Arbeit hielt er seinen geplanten Fluchtweg immer im Auge. Doch die Tanne fiel nicht. So sägte Baumann den Baum an, an dem diese lehnte. Sein Bruder war auf dem Traktor, um den Stützbaum zu Boden zu reissen. «Knack», das war das Zeichen für Baumann, die Flucht zu ergreifen. Wie geplant, rannte er davon.

«An meine Frau und meine beiden Söhne gedacht »
«Scheisse, jetzt ging etwas schief», dachte sich David Baumann, als ihn ein Baumwipfel niederschmetterte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Spitze eines nicht involvierten Baumes gebrochen war und Baumann unter sich begraben hatte. Er sei damals bei vollem Bewusstsein gewesen. «Ich habe sofort an meine Familie gedacht. An meine Frau und meine beiden Söhne.»
Unter dem Baum eingeklemmt, hoffte er, dass er einen Monat später wieder fit für die Arbeit sein würde. «Ich bin ein Optimist», sagt der 46-Jährige heute. Wie schlimm die ganze Situation war, realisierte er erst einen Tag später, nach der ersten Notoperation.
Cornelia Baumann war gerade im Coop und griff nach Davids Lieblingsjoghurt, als ihr Telefon klingelte. Davids Bruder informierte sie über den Forstunfall. Die Rega sei unterwegs. «Das ist nicht wahr», habe sie gedacht. «Das ist ein böser Traum.»
«Danach handelst du wie nach einem Drehbuch. Wie im Film», sagt sie heute. Sie sei zur Unfallstelle gefahren. Davids Schwester war schon vor Ort. David Baumann wurde an der Unfallstelle Notversorgt, aus dem Wald geflogen und auf einer Wiese auf die Trage umgeladen. «Bitte lass die Kühe auf die Weide», habe er seiner Schwester gesagt. «Es kommt alles gut.»
«Danach wollte ich den Flug geniessen», erzählt David Baumann. Seine Frau Cornelia verdreht schmunzelnd die Augen.

Kurzerhand dem Tod entronnen
Das Jochbein links zweimal gebrochen, jenes rechts einmal. Zwei Brüche im Oberkiefer. Kiefer ausgekugelt. Die Orbitaplatte hinter dem linken Auge herausgeschlagen und der Nerv hinter dem Auge gerissen. Der erste Lendenwirbel zertrümmert und ein Nerv durch einen Knochensplitter angedrückt. Fünf bis sechs Rippen gebrochen. Der linke Oberschenkelknochen quer gebrochen. Trümmerbruch im linken Fussgelenk. Ein abgeschlagenes Wadenbein, ein gerissener Meniskus und ein gerissenes Kreuzband.
Das war David Baumans Diagnose, als er einen Tag später im Spital erwachte. Er war kurzerhand dem Tod entronnen.
Vor dem Unfall regelmässiger Blutspender
David Baumann ist gelernter Landwirt und war im Militär Offizier und bediente Baumaschinen. 2007 übernahm er den Milchviehbetrieb seines Vaters, der seit über 200 Jahren im Besitz der Familie ist. Im Jahr 2014 stellte er den Betrieb laufend auf Mutterkühe um und vergrösserte sein Baugeschäft «BaDaBau».
«Im Sommer habe ich gebaut und im Winter geholzt», sagt er. Er war Kommandat bei der Einsatzkompanie Land der Feuerwehr Thun und spendete bis zu seinem Unfall regelmässig Blut.

«Wir haben überall Rückhalt erlebt»
«Ich war ein heulendes Elend», sagt David Baumann zu seiner Zeit im Spital. Dreieinhalb Wochen lag er dort. sechs- bis siebenmal wurde er operiert und war auf fremdes Blut angewiesen. Am 25. April sass er das allererste Mal aufrecht. Danach ging es drei Monate in die Rehaklinik Bellikon AG.
Den Betrieb führte von einem Tag auf den anderen sein 15-jähriger Sohn Andrin mit der Unterstützung des Angestellten und der Familie. Damals war er noch in der Schule, heute ist er angehender Landwirt. «Wir haben überall Rückhalt erlebt», erzählt Cornelia Baumann. Nachbarn, Freunde und Familie halfen, wo sie konnten. «Schon eine Züpfe oder ein Tupperware im Briefkasten erleichterte uns das Leben», erzählt sie.
«Die Familie und der Betrieb sind meine Therapie»
«Zum Glück war ich über das Geschäft bei der Suva versichert», sagt David Baumann. Bis heute zahlen sie ihm Krankentaggeld. Eine Invalidenrente wird gerade abgeklärt. Zwei Jahre später ist David Baumann 20 % arbeitsfähig. Sein Ziel ist es, zeitnah auf 30 % aufzustocken. «Ich kann nicht lange bei der Sache sein – zwei oder drei Stunden Arbeit am Stück schaffe ich. Aber ich brauche einen täglichen Mittagsschlaf», erzählt der Landwirt. Zudem vertrage er keinen Zeitdruck, er arbeite langsamer als früher.
Taggeldversicherungen in der Landwirtschaft: Wer zahlt bei einem Unfall?
Niemand möchte an Horrorszenarien denken, aber wer nicht taggeldversichert ist, hat nach einem Unfall zusätzlich mit finanziellen Sorgen zu kämpfen. «In der Landwirtschaft ist Versicherungsschutz bei Erwerbsunfähigkeit und Vorsorge eine Holschuld», sagt Mathias Grünig von der Agrisano.Lesen«Die Familie und der Betrieb sind meine Therapie», sagt er. Sie hielten ihn am Leben. Für die Ärzte, die Rettungskräfte und für die Pflegenden verspüre er unglaubliche Dankbarkeit.
Vom Spender zum Empfänger in einer Sekunde
Wie er es geschafft hat, heute hier zu sitzen? Diese Frage beantwortet David Baumann klar: «Nie den Willen und den Humor verlieren.» Als das Kommando der Feuerwehr Thun angefragt wurde, eine Blutspende-Kampagne zu produzieren, meldete er sich freiwillig.
Als überzeugter Spender war er plötzlich selbst auf Blut angewiesen. Dazwischen lag nur eine Sekunde Pech. «Ich teile meine Geschichte, weil jeder plötzlich zum Blutempfänger werden könnte. Blutspenden ist überlebenswichtig», sagt er mit Nachdruck.
David Baumann blickt in die Menschentraube, die ihn beim Videoshooting umgibt. Seine Worte scheinen im Raum widerzuhallen, auch nachdem die Kamera und die Beleuchtung ausgeschaltet sind. Nur dank freiwilliger Blutspenderinnen und Blutspender sitzt er heute hier auf dieser Strohballe.

