Je länger der Milchmarkt in der Krise steckt, desto mehr Verbände, Organisationen und Gruppierungen melden sich mit Kritik, Ideen und Forderungen. Auch neue Akteure tauchen auf, etwa das Gremium «Neues Denken im Schweizer Milchmarkt». Es fordert eine transparente A-/B-/C-Segmentierung, planbare Lieferrechte und wirksame Anreize, damit Überschüsse gar nicht erst entstehen. 

«Ohne verbindliche Mengensteuerung und klare Rollen drohen weitere Entsorgungen – das ist weder marktwirtschaftlich noch gesellschaftlich akzeptabel», teilt das Gremium mit 20 Mitgliedern unter der Leitung von Markus Leumann, Agrisolution Switzerland GmbH, mit.

«Einige wenige reizen das System aus»

Viele Produzenten hätten ihre Milchmengen über das Jahr bestens im Griff. «Damit, dass einige wenige das System stark ausreizen, wird die Solidarität ein grosses Problem und auf die Probe gestellt», beschreibt Leumann die Beobachtung des Gremiums. 

Es hat sein Communiqué mit Situationsanalyse und Forderungen anlässlich des Tags der Milch am 11. April an die Medien versandt – mit der Einladung, das Thema medial aufzubereiten.

«Wer trägt die Last – und wer entzieht sich der Verantwortung?»

Die Vereinigung Berner Milchproduzenten der Cremo (VBMC) teilt in einer Mitteilung «Gedanken und Anregungen einer kleinen Organisation der Milchbranche». An Vorschlägen mangele es nicht, heisst es darin. «Doch ein Blick auf das Milchpreis-Monitoring von Januar 2026 zeigt ein ernüchterndes Bild.» Während einzelne Organisationen spürbare Einbussen hinnehmen würden, blieben die Milchpreise andernorts stabil oder würden sogar steigen. 

Das werfe eine zentrale Frage auf: «Wer trägt die Last dieser Krise – und wer entzieht sich der Verantwortung?» Die VBMC habe sich aus Solidarität mit der ganzen Milchbranche entschieden, 10 Prozent der eigenen Milchmenge als C-Milch zu deklarieren oder auf 10 Prozent der Liefermenge zu verzichten. Damit leiste die VBMC ihren Beitrag zur Entlastung des Marktes und Cremo erhalte die Möglichkeit zum Warenexport.

Zu viel Milch Krise macht kreativ: Neue Ideen für den Schweizer Milchmarkt Freitag, 20. März 2026 Der Druck auf die Produzenten steige mit direkten Auswirkungen auf die Betriebe, heisst es in der Mitteilung weiter. «Umso unverständlicher ist es, dass andere Marktakteure im Milchpreismonitoring der SMP kaum Preisreaktionen zeigen», bemängeln die VBMC. Ein solches Verhalten untergrabe die Solidarität innerhalb der Branche und stelle die gesamte Krisenbewältigung infrage.

Kein Beweis für fehlende Solidarität

Bei der Branchenorganisation Milch (BOM) laufen die Fäden zusammen, an sie richten sich Vorwürfe und Vorschläge. Ist das Milchpreismonitoring der SMP derzeit ein Beweis für fehlende Solidarität? Beteiligen sich jene, die noch hohe Milchpreise haben, nicht korrekt an der Marktentlastung via C-Milch? «Nein, das heisst es nicht», sagt BOM-Geschäftsführer Stefan Kohler auf Anfrage der BauernZeitung. 

«Es gibt keine vollständige Korrelation zwischen den Milchpreisen, Milchpreisbewegungen und der Betroffenheit mit C-Milch.» Es gebe Erstmilchkäufer mit viel C-Milch, die weniger Preisbewegung aufwiesen als andere. Es gebe aber ebenso Erstmilchkäufer ohne C-Milch, die weit unten klassiert seien. «Es wäre auch absurd, wenn man bei Verarbeitern mit gutem Produktportfolio die Preise senken würde, nur damit ein ausgeglichenes Preisniveau entstünde», findet Kohler.

«Fonds schafft eine gewisse Gerechtigkeit»

Müsste die BOM für mehr Gerechtigkeit in der Krise sorgen? «Mit dem Fonds Regulierung schaffen wir eine gewisse Gerechtigkeit», entgegnet der Geschäftsführer Stefan Kohler. Dieser Fonds wird über einen Einzug von 1 Rp./kg für sämtliche nicht verkäste Milch gespeist. 

An der Regulierung beteiligen sich laut Stefan Kohler nur wenige Unternehmen, die mit Fondsmitteln für wirtschaftlich weniger attraktive Exporte entschädigt würden. «Das ist eine Form der Solidarität», sagt Stefan Kohler. Durch eine starke Erhöhung der Stützung im Lauf des Jahres habe die Wirkung der Solidarität in den vergangenen Monaten sogar zugenommen. Die Beiträge aus der Milchfett-Box lägen derzeit bei 23,94 Rp./kg Milch.

«Der Effekt der Solidarisierung besteht darin, dass dank der Stützung jene Milchproduzenten, die Verarbeiter im Regulierbereich beliefern, direkt ein entsprechend höheres Milchgeld erhalten», fährt Kohler fort. Es sei aber zu erwähnen, dass der Ausgleich nicht den ganzen Nachteil kompensiere. «Zudem stellt sich die Frage, ob bei anhaltender Überproduktion die Mittel aus dem Fonds Regulierung überhaupt ausreichen, um die bestehende Stützung noch lange aufrechterhalten zu können.»

Daten zur Segmentierung sind der BOM nicht zugänglich

Die VBMC finden es «absolut verwerflich», dass die BOM als Verwalterin der Fondsgelder keine Einsicht hat in die eingekauften C-Milchmengen der Erstmilchkäufer und auch nicht erfährt, wer wie viel Milch in welcher Form auch immer exportiert. 

Das schaffe Misstrauen, schreiben die Berner. «Es ist richtig, dass die monatlich von TSM erhobenen Daten zur Segmentierung dem Datenschutz unterliegen», bestätigt Stefan Kohler. Hier hätten weder die Geschäftsstelle noch der Vorstand der BOM Einsicht. «Über die vom Fonds gestützten Exportmengen wissen wir aber Bescheid und informieren die Kommission und den Vorstand in regelmässigen Abständen», ergänzt er.

Wissen allein würde noch nichts nützen

Das Wissen über die eingekaufte C-Milch würde seiner Meinung nach aber noch nichts nützen. Es brauche auch Regeln, um über eine Verteilung zu sprechen. «Solidarität ist ohnehin ein grosses Wort», hält der BOM-Geschäftsführer fest. 

Letztlich gehe es um eine Umverteilung von Vor- und Nachteilen in einem liberalen Markt. Mit der bereits erläuterten Fondsregulierung gebe es bereits ein Instrument der Umverteilung. «In den laufenden Diskussionen sprechen wir über eine darüber hinausgehende Verteilung der Belastung bei grosser Überproduktion.»

Auslegeordnung in der Kommission der BOM

Hier kommen die erwähnten und geschilderten Absätze zur Verbesserung des Milchmarkts ins Spiel. Die BOM erhalte derzeit Vorschläge in Form von Resolutionen und Eingaben. Kürzlich hat auch der Schweizer Bauernverband (SBV) mitgeteilt, eine Resolution zur Einführung einer Mengensteuerung auf Betriebsebene zu unterstützen. «Das Gemeinsame ist der Wunsch nach einer Mengenreduktion in Krisenzeiten mit der Herausforderung, die Anreize zur Reduktion gerecht auf die Marktakteure zu verteilen», fasst Stefan Kohler zusammen. 

Die zuständige Kommission der BOM treffe sich am 17. April ein erstes Mal und erstelle eine Auslegeordnung. Welche Vorschläge Berücksichtigung finden, entscheiden dann die Kommissionsmitglieder. «Interessanterweise habe ich von einzelnen Vorschlägen zuhanden der BOM erst in der Zeitung gelesen», schildert Kohler. «Da frage ich mich, ob es den Initianten um eine Lösung geht, oder ob man einfach politisch Stimmung machen möchte.»

Verarbeiter und Produzenten sind keine Gegenspieler

Für die VBMC ist klar, dass Produzenten mit und nicht gegen ihre Verarbeiter Lösungen suchen müssen. «Viel zu oft werden die Verarbeitungsbetriebe – gerade von Entscheidungsträgern einzelner Verbände – als unsere Gegenspieler betitelt, statt als Marktpartner wahrgenommen», schildern sie. 

Die Praxis zeige, dass reine Produzentenorganisationen bei der Vermarktung an ihre Grenzen stiessen. «Erfolgreiche Lösungen entstehen nur im Zusammenspiel mit den Verarbeitern und im direkten Bezug zum Markt», sind die Berner Cremo-Lieferanten überzeugt.

Noch keine Ergebnisse zur Mengensteuerung in den kommenden Wochen

Ende April steht die DV der BOM bevor. Über die Einführung einer Mengenregulierung wird an dieser Veranstaltung laut dem Geschäftsführer aber noch nicht entschieden. «Da es bei einer Mengensteuerung um langfristige Anpassungen in den Reglementen und um Anträge für eine Allgemeinverbindlichkeit geht, ist eine sehr seriöse Diskussion mit klaren Mehrheitsentscheiden nötig», so seine Begründung. 

Ergebnisse seien daher nicht in den kommenden Wochen zu erwarten. Stefan Kohler kann sich aber gut vorstellen, dass Entscheide an einer ausserordentlichen DV noch im Herbst dieses Jahres getroffen werden.