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BEA-Sonderschau Schweizer Milch: Vom Gras bis ins Glas – und dazwischen alles, was schiefgehen kann

An der BEA eröffnen BLW-Direktor Christian Hofer und SMP-Präsident Boris Beuret die Sonderschau «Wir sind Schweizer Milch». Hofer sagt, die Zukunft der Milch liege nicht in staatlichen Händen. Beuret fordert trotzdem mehr vom Bund.

Das Grüne Zentrum der BEA in Bern ist an diesem Montagmorgen genau das, was sein Name verspricht: ein Ort, wo die Landwirtschaft mitten in die Stadt kommt. Rund um die Ausstellungsfläche summt der Messebetrieb, draussen auf dem BEA-Gelände drängen sich die ersten Besucherinnen und Besucher.

Hier drinnen aber ist es noch ruhig. Geladene Gäste, gedeckte Stehtische, Milchshakes bereit für den Apéro. Und vorn, vor dem Banner der Sonderschau «Wir sind Schweizer Milch», zwei Männer im Gespräch, bevor es offiziell wird.

«Warst du als Kind auch schon an der BEA?», fragt Boris Beuret seinen Gesprächspartner Christian Hofer. Der BLW-Direktor lächelt. Die Erinnerungen sind intakt. Als Bauernbub fuhr er regelmässig mit seiner Familie an die BEA – mit Lehrling und Lehrtochter. Die Tiere schauten alle gemeinsam. Spätestens bei den Maschinen trennten sich die Wege aber: der Vater mit den Knaben zu den Maschinen, die Mutter mit der Lehrtochter zu den Haushaltsgeräten.

Hartnäckige Klischees von gestern

Boris Beuret lacht und nickt. Und schon sind die beiden in einer lebhaften Diskussion rund um Klischees, die in der Landwirtschaft lange Zeit gang und gäbe waren. Boris Beuret erzählt von seiner Erinnerung an die Schulzeit: Ein Mädchen sei mit grossem Abstand Klassenbeste in Mathematik gewesen. Das habe ihm Eindruck hinterlassen.

Die Zeiten hätten sich geändert, sind sich beide einig. Dass Klischees hartnäckig sind, wissen sie. Aber die Richtung, die in der Landwirtschaft eingeschlagen wurde, stimmt – da sind sich Christian Hofer und Boris Beuret sicher.

Die Milchwirtschaft ist das Rückgrat der Landwirtschaft

Wandel kennen beide – als Bauernbuben aber auch als Zeitzeugen einer Landwirtschaft im Umbruch. Wie gross das ist, was da im Wandel begriffen ist, macht Christian Hofer in seiner Rede rasch klar: Die Milchwirtschaft ist das Rückgrat der Schweizer Landwirtschaft.

Ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfung, dezentrale Produktion bis in die entlegensten Bergregionen, Landschaften, die ohne Milchwirtschaft schlicht zuwachsen würden. Und dann, nach diesem Fundament, kommt, was kommen muss: die Wahrheit über die Lage.

Hofer: Fundament und Druck

Schon der Titel der Ausstellung mache klar, sagt Christian Hofer, dass es hier nicht nur um ein Produkt gehe. «Es geht um Menschen. Um Regionen. Um Kultur.» Mit 2,8 Milliarden Franken Produktionswert trägt die Milchwirtschaft rund einen Viertel zur gesamten landwirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Rund 16 700 Ganzjahres- und 1700 Sömmerungsbetriebe produzieren jährlich 3,3 Millionen Tonnen Verkehrsmilch.

In der Berg- und Hügelzone, die knapp 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmacht, ist Milch oft die einzige sinnvolle Form, Dauergrünland zu bewirtschaften. Ohne Milchwirtschaft, sagt Christian Hofer, gäbe es viele der offenen Landschaften, die wir schätzen, schlicht nicht mehr.

Und dann kommt, was aktuell nicht ausgelassen werden darf: «Es wäre unehrlich, nur über Positives zu sprechen.» Steigende Produktionskosten, volatile Märkte, struktureller Wandel, wachsende gesellschaftliche Erwartungen. Der Milchpreis spiegelt die Leistungen oft unzureichend wider. Aktuell kommt hinzu, was viele Betriebe unmittelbar spüren: hohe Milcheinlieferungen treffen auf knappe Verarbeitungskapazitäten.

Der Bund steuert gegen – mit 380 Millionen Franken jährlich für die Milchpreisstützung, 31 Millionen für die Absatzförderung, erhöhtem Grenzschutz, Direktzahlungen und Tierwohlbeiträgen. Die AP30+ soll Handlungsspielraum erweitern, Marktbedingungen verbessern und die Milchzulagen erhöhen. Christian Hofer setzt den Blick nach vorne, aber er ist klar genug für den Satz, der eigentlich zählt: «Die Zukunft der Milchwirtschaft liegt nicht primär in staatlichen Händen.»

Beuret: Warnsignal, Lehren, Comeback

Es ist ein gutes Stichwort für Boris Beuret. Der SMP-Präsident tritt ans Rednerpult und lässt nichts beschönigen. Die vergangenen Monate hätten die Branche gefordert, sagt er. Die frühen Aufrufe zur Produktionsdrosselung hätten leider nicht gefruchtet.

Die Konsequenz war schmerzlich: Richtpreissenkung, Einführung von C-Milch. Boris Beuret formuliert die Lehre daraus klar: «Wir brauchen ein robusteres und resilienteres System» – eines, das Produktion und Verarbeitung besser aufeinander abstimmt und von allen Akteuren verbindlich mitgetragen wird. Eine Arbeitsgruppe der Branchenorganisation Milch soll bis Herbst konkrete Lösungen vorlegen. «Eine solche Situation darf sich nicht wiederholen.»

Was Boris Beuret dann anspricht, ist das eigentliche Alarmsignal: Die Arbeitsbelastung sei hoch, die Einkommen oft tief. Gerade junge Landwirtinnen und Landwirte entschieden sich zunehmend gegen die Milchproduktion. «Das ist ein Warnsignal. Diesen Trend müssen wir stoppen.» Wer die Milchproduktion im Grasland Schweiz erhalten wolle, müsse sie wieder attraktiver machen. Die politischen Hebel benennt er konkret.

Staatliche Unterstützung versus Eigenverantwortung

Und hier trennen sich die Positionen der beiden Redner dezent: Während Christian Hofer die Eigenverantwortung der Branche betont, fordert Boris Beuret vom Bund eine höhere Verkäsungszulage als wirksamen Grenzschutz, die Reduktion des Veredelungsverkehrs zugunsten von Schweizer Milchrohstoffen und eine konsequente Verteidigung der Swissness – vom Detailhandel bis zur Verarbeitung.

Die Motion «Stärkung der Milch im Grasland Schweiz» habe das Parlament deutlich unterstützt und zeige, was möglich sei, wenn die Branche geschlossen auftrete.

Und dann, fast überraschend, wendet Boris Beuret das Bild. Langfristig stehe die Schweiz nicht vor einem Zuviel, sondern vor einem Zuwenig. Der Selbstversorgungsgrad sinkt. Und gleichzeitig: «Milch erlebt ein Comeback.» Als natürliches, regionales und nachhaltiges Lebensmittel treffe sie den Zeitgeist, gerade bei jungen und gesundheitsbewussten Konsumentinnen und Konsumenten.

Vom Gras bis ins Glas – und dazwischen viel Arbeit

Genau hier setzt die Sonderschau an. Sechs Themenbereiche – Grasland Schweiz, Melkprozesse, Produktion und Verarbeitung, Nachhaltigkeit und Innovation, Produkte und Genuss sowie Ernährung und Gesundheit – führen bis zum 3. Mai durch den Weg der Milch vom Gras bis ins Glas. Interaktiv, auf Augenhöhe, mit echten Einblicken. Schulklassen sind ausdrücklich willkommen – und das ist kein Zufall. Wer versteht, wie ein Lebensmittel entsteht, entwickelt Wertschätzung dafür. Und Wertschätzung ist die Grundlage für bewussten Konsum.

Über eine halbe Million Menschen werden die BEA bis zum 3. Mai besuchen. Viele davon haben keinen direkten Bezug mehr zur Landwirtschaft. Genau sie zu erreichen, ist das eigentliche Ziel. Ob die Ausstellung das schafft, wird sich zeigen. Die Ansätze sind gut. Und wer nach dem Rundgang einen Milchshake in der Hand hält, trägt vielleicht ein anderes Bild vom Schweizer Bauernbetrieb nach Hause als jenes, das ihm Schlagzeilen manchmal zeichnen.

Christian Hofer und Boris Beuret haben an diesem Montagmorgen bewiesen, dass man über Schweizer Milch reden kann, ohne in Sonntagsreden zu verfallen. Mit Klartext, mit Zahlen, mit offenem Blick auf das, was nicht rund läuft, und mit dem Willen, es zu ändern. Das war erfrischend. Genau wie das Glas Milch danach.

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