Swissgenetics kontrolliert 80 Prozent der Schweizer Besamung und damit einen Grossteil der genetischen Zukunft unserer Nutztierrassen. Simmental, Swiss Fleckvieh, Red Holstein, Brown Swiss: Sie alle verlieren Tierzahlen.
Direktor wehrt sich gegen den Vorwurf
Züchter kritisieren das Stierenangebot, beklagen zu enge Genompools und Kühe, die gross, aber schmal geworden sind. Direktor Matthias Schelling wehrt sich gegen den Vorwurf, sein Unternehmen steuere die Rassenschicksale.
Der Entscheid liege immer beim Züchter, sagt er, und verweist auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen, liberale Gesetzgebung und die Nachfrage der Züchter selbst als eigentliche Treiber der Entwicklung. Im Interview erklärt er, wie Swissgenetics seine Programme aufbaut, wo er Handlungsbedarf sieht und was ihn an der öffentlichen Debatte stört.
Swissgenetics hält rund 80 Prozent Marktanteil in der Schweizer Besamung. Was Sie ins Programm nehmen oder weglassen, definiert de facto, welche Genetik auf Schweizer Betrieben eingesetzt wird. Wer trifft die Entscheidung, welche Stiere ins Standardangebot kommen, und nach welchen Kriterien?
Matthias Schelling: So einfach funktioniert Zucht nicht. Die Züchter haben die Wahl aus einem breiten Angebot von diversen Anbietern, deren Angebote sie letztendlich mit ihrer Nachfrage mitbestimmen. Die ausgesprochen liberale Schweizer Gesetzgebung ermöglicht den Züchtern weitgehend ungehinderten Zugang zu einem im Verhältnis zu anderen Ländern ausserordentlich breiten Angebot an Genetik aus aller Welt.
Der Entscheid, welche Genetik eingesetzt wird, liegt immer beim Züchter. Nicht zu vergessen: der je nach Rasse und Nutzung nach wie vor bedeutende Anteil Natursprung.
Nach welchen Kriterien wird das Standardangebot konkret zusammengestellt?
Ohne Reservation verfügbare Genetik muss einer ganzen Reihe von Kriterien genügen. Es gilt, eine ausreichende Breite des Angebots sicherzustellen, sowohl in Bezug auf die vielfältigen Bedingungen und Bedürfnisse der Zuchtbetriebe als auch aus genetischer Sicht.
Die massgebenden Eckwerte werden für die Milchrassen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Zuchtverbänden festgelegt. Ein weiteres Kriterium ist die ausreichende Verfügbarkeit, die bei jüngeren Stieren oder bei gesexten Dosen oft nicht ausreicht, um alle Besamungstechnikerinnen und -techniker ausrüsten zu können.
Daneben muss schlussendlich auch ein ausreichendes Verkaufspotential erkennbar sein: Ein Stier so weit zu entwickeln, dass er breit ausgeliefert werden kann, ist mit Kosten verbunden, die leicht einen mittleren fünfstelligen Betrag übersteigen können. Das Grundangebot wird dreimal im Jahr nach der Zuchtwertschätzung mit Vertretern der Zuchtverbände besprochen.[REL 1]
Züchter sagen öffentlich: «Heute stimmt das Verhältnis von Grösse zu Breite bei den Kühen nicht mehr.» Wie gewichten Ihre Programmverantwortlichen die Körperbreite bei der Selektion?
Einen Zuchtwert «Körperbreite» gibt es nicht, entsprechend fliesst dieses Merkmal vor allem indirekt in die Entscheide ein. Im Gesamtzuchtwert, den Braunvieh Schweiz zur Verfügung stellt, ist die Grösse negativ gewichtet.
Bei der Beschaffung der Stiere wird auf eine moderate Kreuzbeinhöhe und viel Brustbreite geachtet. Angestrebt wird eine moderne Milchkuh: mittelgrosse Tiere mit einem kompletten Profil aus Leistung, Exterieur und Fitness.
In Deutschland und international hat das Angebot an homozygot hornlosen Red Holstein-Stieren stark zugenommen. Bei Swissgenetics bleibt es dünn. Wie viele PP-Stiere Red Holstein sind aktuell im Standardangebot und was hindert Sie daran, das Sortiment gezielt auszubauen?
Homozygot hornlos ist für viele Züchter nicht oberste Priorität, entsprechend richtet sich das Angebot auch nach der Nachfrage. Zurzeit stehen 9 interessante homozygot hornlose RH-Stiere im Angebot.
In Ihren Stierbeschreibungen weisen Sie darauf hin, wenn Unic erst in der dritten Generation zurückliegt, «damit der Stier breit eingesetzt werden darf». Was ist der durchschnittliche Inzuchtkoeffizient im aktuellen Simmentaler Programm und welche Entscheide haben Sie getroffen, um neue Blutlinien ins Angebot zu bringen?
Unic hat einen wesentlichen Beitrag zum Zuchtfortschritt der Rasse Simmental geleistet. Entsprechend wurde er breit eingesetzt, auch als Stierenvater, was naturgemäss vorübergehend zur Erhöhung des Inzuchtgrades beitrug.
Dieser Einfluss ist heute bereits abnehmend. Wir bringen bewusst Jungstiere von unterschiedlichen Vätern in den Einsatz: In der laufenden Zuchtsaison sind es 9 Stiere von 9 verschiedenen Vätern. Dank der internationalen Vernetzung der Rasse Simmental steht den Züchtern, die dies wünschen, auch komplett neues Blut zur Verfügung.
Von über 65 000 SF-Kühen im Herdebuch erfüllt weniger als die Hälfte die Kriterien für Herdebuch A. Züchter nennen als Hauptgrund die nicht zufriedenstellende Stierenauswahl. Was antworten Sie darauf?
Die vergleichsweise kleine Population HB-A-Tiere lässt keinen mit der Rasse Holstein vergleichbaren Zuchtfortschritt zu. Der schnellere Zuchtfortschritt von Holstein kann nicht mehr wie früher direkt aus dem RH-Angebot eingekreuzt werden. Die erheblichen Leistungsunterschiede führen auf etlichen Betrieben dazu, dass SF weniger als eigenständige Rasse, sondern wie früher als Kreuzung mit RH gelebt wird.
Dank konsequenter Arbeit entwickelt sich das SF-Programm stetig weiter. Dennoch bleibt die Herausforderung gross, aus der kleinen Population im Herdebuch A geeignete Paarungen für die nächsten Generationen Zuchtstiere zu finden.
Simmental, Swiss Fleckvieh A, Red Holstein, Brown Swiss: Alle verlieren Tierzahlen. Haben Ihre Programmverantwortlichen eine aktive Strategie, um den Erhalt dieser Rassen zu stützen, oder folgt das Angebot primär der Nachfrage?
Im Verhältnis zu anderen Faktoren ist der Einfluss von Swissgenetics auf die Entwicklung der Tierzahlen gering. Einen viel grösseren Einfluss haben die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen auf die einzelnen Betriebe, die oft eine Spezialisierung in Milch- oder Fleischproduktion begünstigen und damit die Zweinutzungskuh bedrängen.
Die nationalen Zuchtprogramme sind die Grundpfeiler von Swissgenetics. Es wäre einfacher, günstiger und risikoärmer, fertig entwickelte Genetik weltweit einzukaufen. Unser Ziel ist aber, unseren Kunden die für ihre Bedürfnisse beste Genetik zu guten Preisen anzubieten. Deshalb produzieren wir mit Tieren aus der Schweiz in der Schweiz für die Schweizer Zuchtprogramme.[REL 2]
Fördern Ihre Selektionsstrategie und Kommunikation de facto die Schaukuh, ein Tier, das Emotionen und Ausstellungspreise gewinnt, aber nicht zwingend das wirtschaftlich Robusteste ist?
Je nach Rasse haben die Stierpräsentationen heute einen stark unterschiedlichen Stellenwert. In der Summe dürften Schaukühe und Ausstellungen die Zuchtentscheide der Züchter mehr beeinflussen als Nachzuchtschauen.
Unser Anspruch ist, möglichst objektiv über das Angebot zu informieren, damit sich die Züchter ein Bild machen und die für sie geeigneten Stiere auswählen können.
Skandinavien züchtet seit 1982 direkt auf Mastitisresistenz und seit 2011 auf Klauengesundheit. Die Schweiz führt den Klauengesundheitszuchtwert jetzt ein. Warum hat das so lange gedauert?
In der Schweiz entscheiden die Zuchtorganisationen über die Entwicklung von Zuchtwerten. Grundlage ist immer die Erfassung phänotypischer Messwerte. In der Schweiz muss die Datenerfassung immer von den Zuchtorganisationen aufgebaut werden; in Skandinavien erfolgt dies oft über staatliche oder parastaatliche Strukturen.
Die Zuchtorganisationen haben in den letzten Jahren sehr viel in den Aufbau von Datenerhebungen investiert, mit dem Behandlungsjournal, entsprechenden Datenschnittstellen und dem Klauenprojekt. Es braucht aber mehrere Jahre Datenerfassung, bevor die Daten ausgewertet werden können.
Da längst nicht alle Züchter bzw. Klauenpfleger diese Werkzeuge nutzen, benötigt der Aufbau der nötigen Grundlagen gerade für zahlenmässig kleine Rassen viel mehr Zeit, als man erwarten würde. Als Exportorganisation stellen wir allerdings auch fest, dass die grossen und sehr kostspieligen Anstrengungen der skandinavischen Länder diesen weder international noch national entscheidende Vorteile gebracht haben.
Neuer Sire Analyst für Braunvieh und Original Braunvieh
Philipp Dahinden übernimmt per Anfang Juni 2026 die Funktion als Sire Analyst Braunvieh bei Swissgenetics. Der Agrotechniker HF ist auf einem Braunviehbetrieb in Ebnet LU aufgewachsen und hat 2023 bei Braunvieh Schweiz die Leitung des Ressorts Tierbeurteilung übernommen. Wie bereits Enrico Bachmann wird er sowohl für Original Braunvieh als auch für Brown Swiss im Einsatz stehen.

