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«Das darf nicht sein»: SMP-Präsident Beuret fordert verbindliche Lösungen bis im Herbst

In Bern haben die Schweizer Milchproduzenten ihre turbulenteste Marktsaison seit Jahren aufgearbeitet. SMP-Präsident Boris Beuret sprach an der Delegiertenversammlung Klartext über Systemversagen, Partikularinteressen und eine Branche, die aus eigener Kraft Lösungen finden muss.

Die Delegiertenversammlung der Schweizer Milchproduzenten vom 16. April 2026 stand ganz im Zeichen der Milchmarktkrise. SMP-Präsident Boris Beuret nutzte das Eröffnungsreferat für eine umfassende Lageanalyse, zog Konsequenzen aus dem vergangenen Jahr und formulierte klare Forderungen an alle Marktakteure.

Wie die Krise eskalierte

Der Schweizer Milchmarkt geriet 2025 in ein schwieriges Fahrwasser. Ein aussergewöhnlich guter Sommer lieferte reichlich und qualitativ hochwertiges Futter, die Milchmengen stiegen. Gleichzeitig brach der Export ein, vor allem bei Käse. Der starke Franken verteuerte Schweizer Produkte auf den internationalen Märkten zusätzlich. Aus der EU schwappten Überschüsse herein und drückten auf die Preise. Die Verarbeitungskapazitäten der Schweizer Molkereiwirtschaft, seit Jahren rückläufig, waren nicht in der Lage, die ausserordentlichen Mengen aufzunehmen.

Das Ergebnis: Sehr hohe Milchmengen trafen auf reduzierte Verarbeitungskapazitäten. Laut Daten von TSM und Emmi sinken die geschätzten Verarbeitungskapazitäten der Schweiz seit 2022, während die Milchproduktion im Programmjahr April 2025 bis März 2026 wieder klar ansteigt. Die unausweichliche Folge: Der Richtpreis musste gesenkt werden, C-Milch wurde zur Realität.

Was dann folgte

Was Beuret jedoch zusätzlich beschäftigte, war nicht nur die Krise selbst, sondern ihre Abwicklung. Die SMP hatte bereits im August 2025 auf den sich aufbauenden Überschuss hingewiesen und zur Produktionsdrosselung aufgerufen. «Diese Signale wurden zu wenig aufgenommen», sagte er vor den Delegierten. Was folgte, offenbarte systemische Mängel, die Beuret beim Namen nannte: mangelnde Transparenz, eine nicht konsequent sichergestellte Freiwilligkeit beim C-Milch-System, ungleiche Lastenverteilung und massive Preisunterschiede.

Das Bild, das er dafür präsentierte, ist einprägsam: Zwei Nachbarbauern liefern ihre Milch an denselben Ort, zum gleichen Produkt verarbeitet. Der Preisunterschied zwischen ihnen beträgt mehr als 20 Rappen pro Kilogramm Milch, je nach Käufer. «Das darf nicht sein. Und das sagen wir hier ganz klar», so Beuret.

Die SMP habe sich konsequent für Transparenz eingesetzt und dies auch in der Branchenorganisation Milch (BOM) mit Nachdruck eingebracht. Partikularinteressen hätten dabei teilweise über dem Gesamtinteresse des Marktes gestanden. «Das hat die Situation verschärft, und das dürfen wir so nicht stehen lassen.»

Keine Strukturkrise, aber ein akutes Ungleichgewicht

Boris Beuret nahm sich die Zeit für eine wichtige Einordnung: Was die Branche gerade erlebe, sei kein strukturelles Überproduktionsproblem auf Dauer. Langfristig werde die Milchmenge in der Schweiz zurückgehen, der Selbstversorgungsgrad sinken. Was man jetzt erlebe, sei ein akutes Marktungleichgewicht. «Diese Unterscheidung ist auch für die laufenden Diskussionen rund um die AP30+ bedeutsam», so Beuret.

Was jetzt gefordert ist

Kurzfristig fordert der SMP-Präsident eine klare und verbindliche Produktionsdrosselung, eine konsequente Segmentierung sowie eine wirksame Marktentlastung. Beschlüsse müssten umgesetzt werden: «Von allen.» Mittelfristig brauche es ein robusteres System, das Angebot und Verarbeitung besser aufeinander abstimme und alle Akteure verbindlich verpflichte. Konkret nennt Beuret ein flexibles Instrument zur Mengensteuerung auf Betriebsebene, das bei Anzeichen eines Ungleichgewichts aktiviert werden könne, sowie den Schutz der bestehenden Verarbeitungskapazitäten.

Die SMP hat dazu eine Arbeitsgruppe in der BOM initiiert. Die Frist ist gesetzt: Bis Herbst 2026 müssen tragfähige, konkrete Lösungen auf dem Tisch liegen. «Eine Situation wie in den vergangenen Monaten darf sich nicht wiederholen. Dafür braucht es alle, ohne Ausnahme. Produzenten, Milchkäufer, Verarbeiter und den Detailhandel.»

Mehreinnahmen zurück an die Produzenten

Weil der ausserordentlich gute Sommer 2025 bei der SMP gegen Jahresende zu Mehreinnahmen führte, da der Mitgliederbeitrag mengenabhängig erhoben wird, schlägt der Vorstand vor, diese Mittel direkt den Produzenten zurückzugeben, im Bereich der Interessenvertretung und im Marketing. Es liege der SMP fern, aus einer solchen Situation Vorteile zu ziehen oder als «Krisengewinner» dazustehen, so Beuret.

Die Beitragsstruktur selbst bleibt seit Jahren unverändert: 0,170 Rp./kg für die Interessenvertretung der SMP-Mitglieder, 0,525 Rp./kg allgemeinverbindlich für das Milchmarketing via Swissmilk und 0,200 Rp./kg allgemeinverbindlich für das Käsemarketing via Switzerland Cheese Marketing. Die Delegierten genehmigten die Finanzierungsbeschlüsse für 2026/27, für Milch- und Käsemarketing mit dem erforderlichen Zweidrittelsmehr.

Hagenbuch übergibt, Co-Geschäftsführung übernimmt

Die SMP richtet zudem ihre Führungsstruktur neu aus. Ab dem 1. Juli 2026 übernehmen Micaël Müller, seit 2026 Bereichsleiter Wirtschaft und Märkte, und Stefan Arnold, Leiter Marketing, gemeinsam die operative Führung als Co-Geschäftsführer. Die Geschäftsleitung wird von fünf auf vier Mitglieder reduziert, ergänzt durch Christa Brügger und Stephan Schneider. Stephan Hagenbuch gibt nach 35 Jahren bei der SMP, davon fast zehn als Direktor, die operative Führung ab und übernimmt eine strategische Rolle als Beauftragter des Vorstandes. Beuret betonte, dass diese Anpassung in keinem Zusammenhang mit der aktuellen Marktsituation stehe, sondern das Resultat einer vorausschauenden strategischen Weiterentwicklung sei.

Vorstandserneuerung

Die Delegierten wählten zwei neue Vorstandsmitglieder für die laufende Amtsperiode 2023 bis 2027: Vincent Gruet (Jahrgang 1988, Gressy VD, Landwirt mit Brevet fédéral) tritt als Vertreter von Prolait an die Stelle von Marc Benoit. Reto Schaufelberger (Jahrgang 1984, Fischenthal ZH, Landwirt EFZ mit kaufmännischem Hintergrund) vertritt künftig die VMMO als Nachfolger von Hanspeter Egli. Als neuer Suppleant für die Laiteries Réunies de Genève wurde Claude Bieri (Jahrgang 1964, Avully GE) gewählt. Die Revisionsstelle Balmer-Etienne AG in Bern wird für ein weiteres Jahr bestätigt.

PFAS: Noch eine Front für die Milchproduzenten

Die Milchmarktkrise hat die Traktandenliste der SMP-Delegiertenversammlung dominiert. Aber Werner Giezendanner aus Teufen AR wollte noch etwas anderes nicht ungehört lassen. Der Appenzeller Milchbauer stellte einen Antrag zu PFAS und verwies auf eine Ungereimtheit bei den Grenzwerten: «Der Grenzwert für Fisch ist zum Teil tausendfach höher als der Richtwert der Milch. Selbst Wasser hat einen x-fachen höheren Grenzwert. Ist das verhältnismässig? Können wir unter diesen Bedingungen künftig überhaupt noch eine graslandbasierte Milchproduktion aufrechterhalten?» Die Zahlen geben ihm Rückenwind. Zwischen Oktober 2025 und März 2026 liessen 169 Betriebe in Appenzell Ausserrhoden ihre Milch freiwillig testen, 91 in Appenzell Innerrhoden und 732 im Kanton Zürich. In Ausserrhoden lagen 34 Prozent der Proben über dem EU-Richtwert von 0,02 Mikrogramm pro Kilogramm, in Innerrhoden 24 Prozent, im Kanton Zürich 11 Prozent. Einen verbindlichen Grenzwert für PFAS in Milch gibt es in der Schweiz bis heute nicht. Zur Ursache sagt Giezendanner: «Beim Grünland kommt die Belastung mit allergrösster Wahrscheinlichkeit vom Austrag mit Klärschlamm, der bis in die 1990er-Jahre von den Kantonen sogar empfohlen wurde. Die Bauernfamilien sind nicht schuld an der PFAS-Problematik.» Bereits im Herbst 2025 hatte er einen ersten Antrag an den SMP-Vorstand gestellt mit dem Ziel, auf europäischer und internationaler Ebene zu lobbyieren. Sein aktueller Antrag enthält fünf Forderungen: finanzielle Unterstützung für betroffene Betriebe, eine klare gesetzliche Grundlage für Haftung und Entschädigung, praxisnahe Grenzwerte mit Übergangsfristen, mehr Forschungsförderung sowie gleiche Kontrollen für importierte Produkte.

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