ABO

70 Jahre verheiratet: Heidi und Ruedi Müller-Hunziker haben auf ihrem Hof viel erlebt

Das Ehepaar hat auf dem Steinenberg in Wynental eine beeindruckende Familiengeschichte geschrieben. Seit über siebzig Jahren gehen die beiden gemeinsam durchs Leben. Begonnen hat alles mit einer Hochzeit während der Rekrutenschule und einer nächtlichen Velofahrt von Olten nach Hause.

Gerade einmal zwanzig Jahre alt waren sie, als sie heirateten. Ihr erstes Kind war bereits unterwegs. Mein Grossvater Ruedi Müller war damals in der Rekrutenschule und hatte für dieses besondere Wochenende frei bekommen. Als er am Freitagabend spät am Bahnhof Olten ankam, fuhr kein Anschlusszug mehr Richtung Lenzburg oder Aarau. Also setzte er sich auf sein Velo und strampelte die rund dreissig Kilometer hinauf auf den Steinenberg.

Bevor er ganz nach Hause fuhr, machte er noch einen kurzen Abstecher ins Nachbardorf, wo seine Braut Heidi Hunziker ihren letzten Abend als Ledige im Haus ihrer Eltern verbrachte. Doch es war schon spät. Im Bauernhaus brannte kein Licht mehr. «Sie hat schon ihrem Hochzeitstag entgegen geschlafen», erinnert sich der damalige Bräutigam schmunzelnd. Das Erlebnis ist mehr als 70 Jahre her. Meine Grosseltern Heidi und Ruedi Müller-Hunziker leben bis heute auf dem Steinenberg in Unterkulm AG auf einem kleinen Hof.

Geld verdienen auf dem Bau

Ruedi Müller war ein sportlicher und ehrgeiziger junger Mann. Weil der kleine Hof noch von seinen Eltern geführt wurde, verdiente er Geld auf dem Bau und immer öfter auch als Klauenputzer auf Bauernhöfen, auch über die Kantonsgrenze hinaus. Zu seinen Einsätzen, die manchmal bis ins Elsass führten, reiste er meist mit dem Velo, seltener mit dem Zug.

70 Jahre verheiratet: Heidi und Ruedi Müller-Hunziker haben auf ihrem Hof viel erlebt
Das Hochzeitsfoto von Heidi und Ruedi Müller-Hunziker, mit den beiden Trauzeugen.

Meine Grossmutter Heidi Müller-Hunziker hätte nach der Schule gerne Bäuerin gelernt. Doch ihr Vater hatte andere Pläne. «Was willst du eine Ausbildung machen?», fragte er. «Du wirst heiraten und Kinder bekommen. Dafür brauchst du keine Ausbildung.» Also ging sie, kaum dass sie fünfzehnjährig geworden war, in die «Bändelifabrik». Es gefiel ihr gar nicht, in der Fabrik zu arbeiten. Ihr fehlte das Draussensein.

Übernahme erst zehn Jahre nach der Hochzeit

Den Hof konnten die beiden erst zehn Jahre nach der Hochzeit übernehmen. Da hatten sie bereits mehrere Kinder. Ruedi baute eigenhändig einen wärmeren Raum an die Küche des alten Hauses. Seine Frau sollte im Winter mit den kleinen Kindern «nicht mehr so schampar frieren» müssen. Mehr als einmal war das Deckchen des kleinen Heidi – so hiess das Erstgeborene – im Stubenwagen vom Atem gefroren, bis zum Morgen.

Mit Muttermilch die Spitalrechnung bezahlen

Das zweite Kind, das wie sein Vater auf den Namen Ruedi getauft wurde, kam viel zu früh zur Welt. Wochenlang musste der Kleine auf der Säuglingsstation in Aarau bleiben. Jeden Tag brachte Vater Ruedi Muttermilch ins Spital. Und auch nachdem das Baby wieder zu Hause war, hörte er damit nicht auf. «Die konnten die Milch dort gut brauchen», erzählte er. «Und so zahlten wir gleich noch das Spitalgeld.»

Heidi und Ruedi Müller waren sehr innovativ. Auf ihrem kleinen Hof mit 5,4 Hektaren Eigenland und 4 Hektaren Pachtland wurde in den siebziger Jahren eine Himbeerplantage zu einer wichtigen Einnahmequelle. Unter dem Namen «Wynentaler Tafelhimbeeren» pflückte die Familie während der Haupterntezeit bis zu 100 Kilogramm Früchte pro Tag.

Der erste mit einem Auto

Als Erster auf dem Steinenberg besass Ruedi ein Auto. Damit fuhr er ältere Nachbarn zum Arzt oder brachte schwangere Frauen ins Spital – immer wieder auch seine eigene Frau. Elf Kinder bekamen die beiden zusammen. Das letzte, Anita, war bei ihrer Geburt bereits dreifache Tante. Die älteste Tochter hatte inzwischen geheiratet und selbst schon Kinder.

Auch schwere Zeiten meisterten Heidi und Ruedi Müller-Hunziker gemeinsam – etwa den Freitod von Ruedis Vater. Die Schwiegermutter aber lebte viele Jahre mit ihnen gemeinsam. «Ich hatte eine sehr gute Schwiegermutter», erzählt Heidi dankbar. «Sie war mir immer eine grosse Stütze.»

Heidi verbrachte ihre knappe Freizeit gerne mit den Landfrauen. Und Ruedi ist bis heute ein begnadeter Gedichtaufsager. Sämtliche Gedichte des Bauerndichters Friedrich Walti kann er auswendig und trägt sie gern an Familienanlässen vor.

70 Jahre verheiratet: Heidi und Ruedi Müller-Hunziker haben auf ihrem Hof viel erlebt
Vorn, in der Mitte des Bildes: Das verliebte Paar Heidi und Ruedi Müller-Hunziker. Das Foto wurde auf der Hochzeit von Heidi Hunzikers Schwester aufgenommen.

Immer ein passendes Gedicht parat

Zu jedem Thema findet er das passende Gedicht. Besonders gerne rezitiert er das von der «Super-Frau». Dann schweift sein Blick liebevoll zu Heidi hinüber, die seit siebzig Jahren an seiner Seite lebt.

2025 feierten die beiden ein besonderes Jubiläum: ihre Gnadenhochzeit. Zu ihren Ehren versammelte sich die grosse Familie schon im Frühling in den Räumen der Pferderennbahn Schachen in Aarau. Denn in die Stube auf dem Steinenberg passt die Verwandtschaft schon lange nicht mehr: Elf Kinder mit ihren Familien, 28 Grosskinder – ebenfalls mit Anhang – und inzwischen über dreissig Urenkelinnen und Urenkel.

Nie weit gereist, dafür bei «Benissimo» gewonnen

Heidi und Ruedi sind nie auf Weltreise gegangen. Das Höchste der Gefühle waren eine Reise nach Wien und einige Flussschifffahrten. Dafür hat Ruedi vor Jahren im «Benissimo» ein nigelnagelneues Auto gewonnen. Das war eine grosse Geschichte für alle, die die beiden kennen.

70 Jahre verheiratet: Heidi und Ruedi Müller-Hunziker haben auf ihrem Hof viel erlebt
Weit gereist sind Heidi und Ruedi Müller-Hunziker nie: Doch Ausflüge und kleiner Reisen machten sie immer mal wieder, wie hier auf den Stoos.

Heute sind die beiden 91 Jahre alt und die Gesundheit lässt manchmal zu wünschen übrig. Der Tribut eines strengen Lebens macht sich bemerkbar. Doch auch jetzt halten die beiden zusammen – und werden von ihrer grossen Familie getragen. Irgendjemand ist immer in der Nähe, fährt sie zum Arzt oder hilft im Haushalt. «Wir arbeiten immer noch gerne zusammen», erzählt Heidi und lächelt.

Am liebsten spalten sie gemeinsam Holz, um die gemütliche Bauernstube zu heizen – jene Stube, die besonders an Festtagen fast aus allen Nähten platzt. Die beiden sitzen gerne auf dem Bänkli vor ihrem Haus und denken dankbar an den Segen ihrer grossen Familie. «Es geht allen gut, alle sind gut im Leben verankert und gehen ihren Weg. Mehr kann man sich nicht wünschen.»

Die Autorin Lotti Hunziker ist die Enkeltochter von Heidi und Ruedi Müller-Hunziker. Die Grosseltern haben ihrer Enkeltochter diese Geschichte aus ihrem Leben erzählt.

Weiterlesen