Im Oktober 2002 hielt der Schweizer Tierschutz (STS) in einem Positionspapier fest, was bei einer Aufhebung der Milchkontingentierung ohne Rahmenbedingungen geschehen würde: rasche Produktionsausdehnung, Preiszerfall, Strukturwandel hin zu grossen Betrieben, abnehmende Betreuungsintensität, Rückgang beim Weidegang. Der Kostendruck, schrieb der STS, treffe stets das schwächste Glied in der Kette: die Kuh.
Was der STS damals festhielt
Zwei Drittel der Milchkühe lebten damals den Grossteil ihres Lebens im Stall, rund die Hälfte erhielt keinen regelmässigen Auslauf und Weidegang. Selbst der gesetzlich vorgeschriebene Winterauslauf – dreissig Mal zwischen November und März – werde des Öfteren nicht gewährt und von den Behörden kaum kontrolliert, hielt der STS damals fest.
Die einseitige Leistungszucht war nach Ansicht des STS mitverantwortlich für Stoffwechsel- und Fruchtbarkeitsstörungen sowie Euterentzündungen mit jährlichen Ausfällen von rund 600 Millionen Franken. Der sogenannte Zuchtfortschritt betrug rund 100 Liter je Kuh und Jahr. Die Nutzungsdauer sei von früher acht bis zehn Jahren auf drei Jahre gesunken – obwohl Kühe ökonomisch erst ab fünf, sechs Jahren wirtschaftlich seien.
Weil die Kuhpreise seit der BSE-Krise auf ein seit vierzig Jahren nicht gekanntes Tief gefallen seien, rufe mancher Bauer den Tierarzt nicht mehr, wenn es «fünf vor zwölf» sei, sondern erst, wenn es «fünf nach zwölf» ist, beschrieb der STS die Situation. In Schlachthöfen würden häufig ungepflegte, abgemolkene und ausgezehrte Kühe angeliefert.
Milch werde unverständlicherweise primär über den Preis statt mit Qualitätsargumenten vermarktet, kritisierte der STS. Das treffe am Ende die Kühe als letztes Glied in der Kette am stärksten.
Als mögliche Leitplanke für den Fall einer Aufhebung nannte das Papier eine 80-Prozent-Raufutterdiät, bezweifelte aber zugleich, ob diese politisch durchsetzbar sei.
Es blieb beim Bezweifeln.
Besser organisiert, aber nicht strukturell verbessert
Die BauernZeitung hat Nicole Disler gefragt, wie der STS heute auf die Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre blickt. Disler leitet das Kompetenzzentrum Nutztiere und den Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes STS.
Ihre Einschätzung: «durchzogen». Es habe sich einiges verbessert, sagt Disler, zugleich bestünden zentrale Probleme weiterhin oder hätten sich sogar verschärft.
Tierwohlprogramme wie BTS und RAUS seien heute weit verbreitet und gut verankert, klare Anforderungen an Haltung, Stallgestaltung und Auslauf bestünden. Tiergesundheit und Tierwohl würden systematischer erfasst und kontrolliert, und entsprechende Themen seien stärker im Bewusstsein von Politik und Branche angekommen.
Diese Programme seien zwar in Verbreitung und Akzeptanz gewachsen, inhaltlich aber stehen geblieben und hätten mit der Entwicklung der Branche nicht Schritt gehalten. Sie sorgten zwar für Verbesserungen, «greifen aber just dort zu kurz, wo die Intensivierung am stärksten ist», sagt Disler.
Die Milchleistung pro Kuh ist von rund 6000 Kilogramm Jahresleistung Anfang der 2000er Jahre auf heute über 7000 bis 8000 Kilogramm gestiegen. Diese Intensivierung gehe mit bekannten Risiken einher: höhere Belastung des Stoffwechsels, vermehrte Klauen- und Euterprobleme, Fruchtbarkeitsstörungen. Gleichzeitig sei der Anteil der Zweinutzungsrassen weiter zurückgegangen, «obwohl genau die Förderung dieser Rassen den systemischen Problemen der Milchproduktion am wirksamsten begegnen könnte», sagt Disler. Angesichts des angedachten künftigen Fokus auf die Lebtagsleistung sei das besonders beunruhigend.
Der wirtschaftliche Druck auf die Betriebe habe seit 2002 deutlich zugenommen. Tiefe Produzentenpreise, Arbeitsbelastung und Effizienzdruck schränkten den Spielraum für Betreuung, Nutzungsdauer und tiergerechte Lösungen ein.
«Tierwohl ist heute besser organisiert und verwaltet als 2002, aber nicht automatisch strukturell besser verankert. Viele der damaligen Sorgen bestehen weiter, wenn auch in veränderter Form», sagt Disler.
Weidegang unter wirtschaftlichem Druck
Beim Weidegang zeige sich ein differenziertes Bild, sagt Nicole Disler. Programme wie BTS, RAUS und seit 2023 der Weidebeitrag hätten wichtige Impulse gesetzt. Während RAUS und der Weidebeitrag den regelmässigen Auslauf und in der Vegetationsperiode ausdrücklich auch Weidegang verlangten, bezögen sich die BTS-Vorgaben primär auf die Stallhaltung. Dennoch sei Weidegang heute «vielfach stärker von betrieblichen und ökonomischen Bedingungen abhängig als von tierethologischen Überlegungen». Besonders bei hohen Tierzahlen, knapper Arbeitszeit oder ungünstiger Lage gerate er «schnell mal unter Druck».
Technische Hilfsmittel hätten bei der Betreuungsintensität zwar neue Möglichkeiten geschaffen, könnten aber persönliche Tierbeobachtung und Erfahrung nicht einfach ersetzen. «Zeitmangel, Personalknappheit und wirtschaftlicher Druck führen dazu, dass Betreuung oft auf das Notwendige reduziert wird», sagt Disler. Das erhöhe das Risiko, dass Gesundheitsprobleme später erkannt werden.
Die Befürchtungen von 2002 seien «nicht grundsätzlich entkräftet»: «Einzelne Instrumente wurden verbessert – der strukturelle Kostendruck, vor dem 2002 gewarnt wurde, wirkt aber weiterhin als entscheidender Risikofaktor fürs Tierwohl», sagt Disler.
Anbindehaltung ist zurückgegangen, aber noch nicht verschwunden
«Eine dauerhafte, ganzjährige Anbindehaltung ist nicht tiergerecht», sagt Nicole Disler. Die Anbindehaltung sei im Vergleich zu 2002 deutlich zurückgegangen, komme aber weiterhin vor – oft in ganz bestimmten Betriebsformen, etwa bei Mehrstufen- und Alpungsbetrieben. Wo Kühe im Sommer sehr lange auf grossen Flächen weiden könnten, beziehe der STS das in die Gesamtbeurteilung ein. «Sehr lange Weidezeiten auf grossen Flächen im Sommer sind wertvoll», so Disler.
Der STS setze sich für einen weiteren Rückgang insbesondere der dauerhaften Anbindehaltung ein, plädiere aber für realistische Übergangslösungen, die regionale Gegebenheiten und bestehende Bewirtschaftungsformen angemessen berücksichtigten.
«Wir hören eigentlich nie, dass jemand den Ausstieg aus der Anbindehaltung hinterher bereut hat», sagt Disler.
Mengensteuerung nur als Teil einer Gesamtstrategie
Nicht die Menge an sich sei das Kernproblem, sagt Disler, «sondern ein Markt, der hohe Leistung und niedrige Preise systematisch belohnt».
Wenn Mengensteuerung dazu beitragen könne, den Preisdruck zu reduzieren, Planungssicherheit für Betriebe zu schaffen und Investitionen in Tiergesundheit, Betreuung und Haltungsqualität zu ermöglichen, dann könne sie «ein wirksames Instrument im Sinne des Tierwohls sein». Tierwohl dürfe dabei nicht nur ein Nebeneffekt sein, sondern müsse explizites Ziel der Marktsteuerung sein. Betriebe mit höherem Tierwohlstandard müssten ökonomisch bessergestellt sein. Mengensteuerung mache nur Sinn als «Teil einer gesamtstrategischen Neuausrichtung – weg von Produktionsmaximierung, hin zu Qualität, Langlebigkeit und Wertschöpfung pro Tier», so Nicole Disler. Und: «Tierwohl kostet. Und wenn niemand diesen Preis bezahlen will, dann bezahlen ihn am Ende die Tiere.»
Drei Forderungen an Politik und Branche
Der STS sieht drei Handlungsfelder. Erstens verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Tierwohl sei ohne finanzielle Stabilität nicht möglich. «Solange hoher Leistungsdruck bei tiefen Preisen besteht, bleibt der Spielraum für Tierwohl begrenzt», sagt Nicole Disler. Politik und Markt müssten dafür sorgen, dass tiergerechte Produktion kostendeckend und planbar sei.
Zweitens zielgerichtete Agrarpolitik: Direktzahlungen und Programme müssten konsequent auf Tiergesundheit, Langlebigkeit, Betreuung und Bewegungsmöglichkeiten ausgerichtet werden, nicht auf Leistung und Tierzahl. «Tierwohlrelevante Leistungen müssen systematisch honoriert werden», so Disler.
Drittens Verbindlichkeit und Transparenz: Freiwillige Programme seien wichtig, reichten aber nicht aus. Es brauche klare Mindeststandards, transparente Information für Konsumentinnen und Konsumenten sowie wirksame Instrumente, um Fortschritte im Tierwohl messbar und überprüfbar zu machen.
«Tierwohl ist kein Zusatz und kein Nischenthema, sondern eine Grundbedingung für die Zukunftsfähigkeit der Schweizer Milchwirtschaft – ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich», erklärt Disler zum Schluss.
Das STS-Positionspapier vom Oktober 2002
Der Schweizer Tierschutz STS veröffentlichte im Oktober 2002 ein Positionspapier zur Milchproduktion, zur Milchkontingentierung und zum Tierschutz. Es erschien inmitten der agrarpolitischen Debatte über die Aufhebung der staatlichen Milchkontingentierung, die der Bundesrat bereits in seiner Botschaft zur Agrarpolitik 2007 vom 29. Mai 2002 als Kernelement vorsah. Der STS war und ist Mitglied der Agrarallianz, jenes Zusammenschlusses von rund zwanzig Organisationen aus Konsum, Umwelt, Tierwohl und Landwirtschaft. Die Abschaffung der Milchkontingentierung erfolgte per 1. Mai 2009.

