Die zweitgrösste Milchverarbeiterin der Schweiz schrieb 2025 erneut rote Zahlen und musste mehrere Rückschläge verkraften. Dennoch vermittelte die Unternehmensleitung an der Pressekonferenz vom 21. Mai 2026 in Villars-sur-Glâne FR eine klare Botschaft an die Milchproduzenten: Cremo will an der Schweizer Milchproduktion festhalten, sucht sogar neue Direktlieferanten und setzt auf einen umfassenden Neustart.
Für viele Bauernfamilien ist Cremo ein zentraler Absatzpartner. Entsprechend aufmerksam wurden die Aussagen von Verwaltungsratspräsident Georges Godel und dem neuen CEO Xavier Monange verfolgt. Beide machten keinen Hehl daraus, dass sich das Unternehmen in einer tiefgreifenden Transformation befindet. Gleichzeitig betonten sie aber auch, dass Cremo weiterhin eine zentrale Rolle im Schweizer Milchmarkt spielen wolle.
333 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet
Trotz aller Probleme verarbeitete Cremo im vergangenen Jahr rund 333 Millionen Kilogramm Milch – und damit sogar zehn Prozent mehr als budgetiert. Rund 60 Prozent dieser Milch stammen von direkt angeschlossenen Produzenten. Diese enge Verbindung zur Landwirtschaft sei ein strategischer Vorteil, betonte die Unternehmensleitung mehrfach.
Gerade in einer Zeit, in der der Schweizer Milchmarkt unter Druck steht und Überschüsse die Branche belasten, sieht sich Cremo als stabilisierender Akteur. Das Unternehmen sprach ausdrücklich von seiner «systemischen Position» innerhalb des Milchsektors. Für die Direktlieferanten gab es an der Pressekonferenz deshalb eine wichtige Botschaft: Die Milch dieser Produzenten werde bevorzugt und zu hundert Prozent verarbeitet. Zudem suche Cremo neue Direktlieferanten.
Für viele Milchproduzenten dürfte dies eine wichtige Aussage sein. In den vergangenen Monaten hatten Gerüchte über einen möglichen Rückzug von Cremo oder gar einen Verkauf des Unternehmens für Verunsicherung gesorgt.
«Cremo ist unverkäuflich»
Diesen Spekulationen trat Georges Godel entschieden entgegen. Besonders deutlich wurde dies bei Fragen zur verstärkten Zusammenarbeit mit Migros und zum neuen Verwaltungsratskandidaten Matthew Robin, dem langjährigen Chef der Elsa Group. Godel sagte klar: «Cremo ist unverkäuflich.»
Auch Xavier Monange versuchte, Vertrauen aufzubauen. Der neue Direktor präsentierte sich kämpferisch und betonte mehrfach, dass das Unternehmen langfristig bestehen werde. «Cremo wird in zehn Jahren und in hundert Jahren noch bestehen», erklärte er vor den Medien. Gleichzeitig forderte er ein Ende des «Cremo-Bashings» und der negativen Gerüchte.

Schwierige Zahlen für 2025
Die wirtschaftliche Situation bleibt allerdings angespannt. Der Umsatz sank 2025 um 6,1 Prozent auf 473,6 Millionen Franken. Der Jahresverlust belief sich auf 17,1 Millionen Franken. Noch deutlicher zeigt sich die schwierige Lage beim Cashflow, der von 20,5 Millionen Franken im Vorjahr auf nur noch 200 000 Franken zurückging.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits belasteten steigende Kosten für Transport, Versicherungen, Werbung und Personal das Unternehmen. Andererseits kämpft Cremo mit veralteten Produktionsanlagen und einem grossen Investitionsrückstand. In den internen Unterlagen ist sogar von «Jahrzehnten der Unterinvestition, Unterpflege und Untertraining» die Rede.
Trotzdem investierte das Unternehmen im vergangenen Jahr noch über zehn Millionen Franken in seine Produktionsanlagen. Neu soll eine spezielle Investitionskommission Prioritäten setzen und die Modernisierung koordinieren. Zudem plant Cremo die Einführung sogenannter autonomer Produktionseinheiten UAP («Unités autonomes de production»), um die Organisation einfacher und effizienter zu gestalten.
Brand verschärfte die Probleme
Besonders schwer traf Cremo der Brand vom 26. März 2025 in der Käserei von Villars-sur-Glâne. Auslöser war ein defekter Schaltschrank – das «Gehirn der Käserei».
Die Produktion von Gruyère AOP, Vacherin Fribourgeois AOP und Raclettekäse musste vorübergehend gestoppt werden. Die Racletteproduktion wurde ins Wallis verlagert, ein Teil der Milch nach Mont-sur-Lausanne umgeleitet. Für Gruyère und Vacherin griff das Unternehmen auf Lagerbestände zurück.
Finanziell hatte der Brand erhebliche Folgen. Die Milch musste weiterhin zu AOP-Preisen übernommen werden, konnte aber teilweise nur noch zu Produkten mit tieferer Wertschöpfung verarbeitet werden. Für die Produzenten war dies dennoch wichtig, weil die Milch weiterhin abgenommen wurde.
Milchpulver in der Biogasanlage
Zusätzliche Diskussionen löste im Frühjahr 2026 die Entsorgung von unverkäuflichem Magermilchpulver über eine Biogasanlage aus. Cremo bestätigte entsprechende Berichte. Das Pulver habe kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums gestanden und sei selbst zu tiefen Preisen nicht mehr verkäuflich gewesen.
Solche Meldungen zeigen die schwierige Marktlage im internationalen Milchgeschäft. Gerade bei Standardprodukten und Milchpulver stehen die Verarbeiter unter starkem Druck. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, wie wichtig eine höhere Wertschöpfung für Schweizer Milch geworden ist.
Hoffnungsträger Lattesso
Genau dort setzt Cremo mit neuen Produkten an. Besonders die Marke Lattesso entwickelte sich 2025 positiv. Die Verkäufe stiegen um fünf Prozent. Mit neuen Matcha-Getränken und dem angekündigten Protein-Drink «Protein Up» will das Unternehmen stärker im Markt der funktionalen Getränke wachsen.
Zusätzliche Aufmerksamkeit soll die Zusammenarbeit mit dem früheren Schweizer Nationaltorhüter Yann Sommer bringen. Sommer ist Markenbotschafter von Lattesso und soll die Themen Swissness, Qualität und Natürlichkeit verkörpern.
Für Cremo ist dies mehr als nur Werbung. Das Unternehmen versucht damit, sich stärker in margenstarken Konsumsegmenten zu positionieren und unabhängiger vom volatilen Industriegeschäft zu werden.
Verwaltungsrat wird verstärkt
Auch personell stellt sich Cremo neu auf. An der Generalversammlung im Juni sollen mehrere neue Verwaltungsräte gewählt werden. Besonders auffällig ist die Kandidatur von Matthew Robin, dem langjährigen Chef der Elsa Group. Hinzu kommen mit Claude Gremion und Fabrice Favero zwei weitere Persönlichkeiten mit Erfahrung in Industrie, Strategie und Konsumgütermärkten.
Die neue Führung soll helfen, die Transformation schneller und konsequenter umzusetzen. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung sprechen offen von einer «tabufreien Überprüfung der Strategie». Dabei dürften auch Standortfragen und weitere Effizienzsteigerungen diskutiert werden. Ein grösserer Stellenabbau soll jedoch möglichst über natürliche Abgänge und Pensionierungen erfolgen.
Bauern müssen Vertrauen in den Milchmarkt haben können
Für die Schweizer Milchproduzenten bleibt die Entwicklung von Cremo von grosser Bedeutung. Das Unternehmen ist nicht nur ein bedeutender Milchabnehmer, sondern auch ein wichtiger Pfeiler für die Verwertung von Industriemilch und für die Stabilität des Milchmarktes.
Die Verantwortlichen vermitteln deshalb Zuversicht. Erste positive Signale gebe es bereits: Die Budgetziele des ersten Quartals 2026 seien erreicht worden, und auch von Kunden gebe es ermutigende Rückmeldungen.

