Der globale und der inländische Milchmarkt befinden sich aktuell in einem speziellen Dilemma. Einerseits – und da waren sich alle anwesenden Branchenvertreter an der Delegiertenversammlung der Mittelland Milch einig – wächst der Absatz stetig, Milch wird als gesundes Lebensmittel geschätzt und findet den Weg in fast jeden Haushalt.
Jedoch sorgen immer wieder unvorhersehbare Ereignisse für massive Preisschwankungen. «Nicht zuletzt die Zollpolitik des US-Präsidenten», sagte Präsidentin Sabrina Schlegel in ihrer Eröffnungsrede vor 76 Delegierten der Mittelland Milch. Als weitere Ursachen nannte sie aufkommende Käseimporte, beschränkte Kapazitäten der Verarbeiter bei hohen Liefermengen, den zunehmenden Einkaufstourismus nach Corona und grosse Milchmengen im Veredelungsverkehr. «Und nicht zuletzt war 2025 ein sehr gutes Futterbaujahr und wir konnten alle hervorragend melken», so Schlegel weiter.
Wegkommen von der C-Milch
So befindet sich seit Dezember 2025 zu viel Milch auf dem Schweizer Markt. Für das überschüssige Gut – sogenannte C-Milch – wird für die Produzent(innen) kein kostendeckender Verkaufspreis erzielt. Ein Wort zog sich deshalb beinahe wie eine rote Linie durch die Wortmeldungen der anwesenden Delegierten: Man appellierte an die «Solidarität» untereinander. Unter den Landwirten (kein Übermelken) wie auch unter den Branchenorganisationen und Verarbeitern, von denen ein rasches Reagieren auf die Situation gewünscht wurde.
[IMG 2]
Segmentierungsmodell gestrichen
Ein Antrag der Wahlkreise Oberaargau und Burgdorf-Fraubrunnen nahm dabei den beinahe grössten Teil der Versammlung ein. Die unterzeichnenden Delegierten beantragen darin, dass Artikel 4 (Segmentierungsmodell Mengenreglement) in den Statuten ersatzlos gestrichen wird. Stattdessen solle für alle Produzenten von Mittelland Milch die Standardsegmentierung gelten. «In Jahren mit C-Milch kann anhand des Segmentierungsmodells Vorjahresreferenz (Artikel 3) auf C-Milch ganz oder teilweise verzichtet werden», so die Antragssteller in ihrem Schreiben.
Rund 180 Betriebe unter den 1700 Mitgliedern der Mittelland Milch wirtschaften noch unter diesem alten Lieferrecht. Auf den Wunsch von Daniel Frei (Wahlkreis Limmat-Rhein), den Antrag aufgrund von Formfehlern bei der Einreichung zurückzuziehen, ging die Versammlung nicht ein. Nach einer darauffolgenden rund 45 Minuten langen Diskussion mit emotionaler Argumentation wurde der Antrag (es war der dritte dieser Art in den letzten vier Jahren) schliesslich mit 57 Ja- zu 26 Nein-Stimmen angenommen. 56 Stimmen hatte es zum absoluten Mehr gebraucht.
[IMG 3]
Petra Garigliano ersetzt Paul Probst
Die angespannte Preislage auf dem Milchmarkt war während der Versammlung allgegenwärtig. Auch Manuel Hauser, Leiter des Geschäftsbereichs «Industrie» bei der Emmi, beantwortete nach seinem Vortrag kritische Rückfragen der Delegierten. «Wir haben noch nie so viel Milch verarbeitet wie 2025, investieren in den Standort Schweiz und meinen, unsere Hausaufgaben gemacht zu haben», sagte Hauser. Jedoch schätzt auch er die aktuellen Herausforderungen im Milchmarkt als gross ein – trotz steigendem Absatz.
Ging es nicht gerade um den Milchpreis, wurden die anstehenden Geschäfte weit weniger emotional abgehandelt. Bei Annahme der letztjährigen Traktandenliste, des Protokolls sowie des Jahresberichts, der Jahresrechnung und des Revisorenberichts 2025 herrschte Einstimmigkeit im Saal. Präsidentin Schlegel führte im Duett mit Geschäftsführer Marco Genoni souverän durch den Morgen und durfte – oder musste – am Ende noch das langjährige Vorstandsmitglied Paul Probst (Vizepräsident) verabschieden.
Als Nachfolgerin von Probst wurde Milchbäuerin und Sozialarbeiterin Petra Garigliano, Erlinsbach SO, einstimmig in den Vorstand gewählt, die sich für «Teamarbeit und Transparenz» im Gremium einsetzen will.