Anfang Februar schaltete Proviande auf dem Newsportal «Watson» eine bezahlte Publireportage – im Branchenjargon «Native Post» genannt, weil die Reportage optisch wie ein normaler redaktioneller Artikel aussieht, aber von einem Auftraggeber bezahlt und inhaltlich mitbestimmt wird. Der Titel: «So schneidet die Schweiz im Tierschutz-Vergleich mit der EU ab». Darin stand: «Über drei Viertel aller Nutztiere profitieren vom Bundesprogramm RAUS (regelmässiger Auslauf im Freien)».
Masthühner fallen kaum ins Gewicht
Am 12. März 2026 reichten die Organisationen Animal Rights Switzerland, Sentience, Stiftung für das Tier im Recht und Tier im Fokus gemeinsam Beschwerde bei der Schweizerischen Lauterkeitskommission ein. Die Kommission ist eine privatrechtliche Institution, die unlautere Werbung ahndet – ohne staatliche Sanktionsmöglichkeit, aber mit erheblicher Öffentlichkeitswirkung. Ihr Vorwurf: Die 75-Prozent-Zahl beruht auf der Berechnung nach GVE an einem Stichtag. Wer stattdessen Individuen zählt, kommt auf 15 Prozent – weil Masthühner in der GVE-Rechnung kaum ins Gewicht fallen, aber den Löwenanteil der tatsächlich gehaltenen Tiere ausmachen.
Organisationen wollten nicht mit Proviande reden
Die BauernZeitung hat Philippe Haeberli, Leiter Kommunikation bei Proviande, mit den Vorwürfen konfrontiert. Im Gespräch sagte er, die Diskussion drehe sich «nur um eine Präzisierung» und die Berechnungsmethode sei eine «akademische Übung». «Wir waren da nicht ganz präzise, das muss man fairerweise zugeben», so Haeberli. Die Tierschutzorganisationen hätten nach der Platzierung ihrer Kritik bei «Watson» direkt die Lauterkeitskommission eingeschaltet, anstatt das Gespräch mit Proviande zu suchen. «Reden wollen sie nicht mit uns», sagt er.
Philippe Haeberli hält weiter fest, es handle sich um ein laufendes Verfahren. Auch bei früheren Rügen sei es «immer nur um die Bereinigung von Details, also um die Präzisierung von Aussagen oder Botschaften» gegangen – «dabei konnten uns keine gravierenden Verstösse nachgewiesen werden». Die Frage dieser Zeitung nach den jährlich über fünf Millionen Franken Bundesgeldern für die Absatzförderung bezeichnet Haeberli als «rein politische Frage», die mit diesen Fällen «nichts zu tun» habe.
Formulierung wird «so nicht mehr verwendet»
In der Stellungnahme, die Proviande an die Lauterkeitskommission geschickt hat und die der BauernZeitung vorliegt, ist eine klare Haltung zu erkennen. Darin schreibt Proviande: «Die von Proviande diesbezüglich ausgewiesene Formulierung über alle Tiergattungen ist unpräzise.» Und weiter: «Für die Öffentlichkeit ist diese Zahl schwierig zu verstehen, deshalb haben wir den Text nun anders formuliert.» Die Formulierung von «Nutztieren im RAUS-Standard» werde «so nicht mehr verwendet».
Statt einer Gesamtaussage über alle Nutztiere kommuniziert Proviande nun tiergruppenspezifisch: 68 Prozent der Rinderviehbetriebe halten ihre Tiere im RAUS-Programm, über 52 Prozent der Schweinehaltungsbetriebe gewähren regelmässigen Auslauf, 85 Prozent der Pouletmäster halten nach BTS-Standard und gewähren damit «97 Prozent aller Mastpoulets eine besonders tierfreundliche Stallhaltung mit einem geschützten Aussenklimabereich». Den Vorwurf, Konsumierende in die Irre zu führen, weist Proviande aber in aller Form zurück. Der «Native Post» auf «Watson» wurde inzwischen gelöscht.
Schon mehrfach gerügt
Es ist nicht das erste Mal, dass Proviande vor der Lauterkeitskommission landet. In den Jahren 2018, 2022 und 2025 wurde die Branchenorganisation bereits gerügt. Die Schweizerische Lauterkeitskommission kann keine Bussen verhängen, aber ihre Entscheide sind öffentlich.
