Fünf Minuten vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL entfernt liegt der Hof von Stefan Jegge in Kaisten AG. Die geografische Nähe dürfte die langjährige Zusammenarbeit begünstigt haben.
Seit 2002 führt Jegge den Betrieb, den er von seinem Vater übernommen und nach der Übernahme auf Bio umgestellt hat. Heute ist es ein Vollweidebetrieb mit 50 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, saisonaler Abkalbung und Homöopathie statt Antibiotika.
Das Tier muss zum Standort passen
Tierzucht bedeutet Selektion. Das klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis laut Stefan Jegge aber nicht immer. «Zucht heisst, man selektiert», sagt er. Zu oft werde die Wahl des Stiers unterschätzt. «Nicht dem Besamer den Entscheid für die Nachzucht überlassen», sagt Jegge klar. Dahinter stehe schliesslich die Wirtschaftlichkeit des gesamten Produktionssystems.
Kühe mit hohen Zellen werden Ammen – und die Kälber werden gesünder
Seit 2013 zieht Stefan Jegge seine Kälber mutter- und ammengebunden auf. Was als Experiment begann, ist heute ein tragendes Element seines Antibiotika-minimierten Betriebssystems. Und es löst ein Problem, das viele Betriebe kennen, ohne es so zu benennen.Was bei gängigen Zuchtdefinitionen fehle, sei der Bezug zum Tier selbst. «Ein Wiederkäuer muss wiederkäuen. Das fördern, was da ist, das ist artgerechte Zucht», sagt er. Standortgerechte Zucht heisst für ihn, ein Tier zu züchten, das nutzen kann, was auf dem Hof vorhanden ist, und das idealerweise alle Nährstoffkreisläufe auf dem Betrieb möglichst schliesst.
Festhalten an Kühen, die sich bewähren
Zum Standortcharakter tragen viele Faktoren bei: Klima, Topographie und Technik ebenso wie Alpung, Futterqualität, Aufstallungsform, Arbeitskräfte und Absatzmärkte. Oder wie es das FiBL schreibt: «Der Tiertyp, also Milchleistung, Grösse und Flexibilität der Tiere, muss zu diesem Gesamtgefüge passen.» Für Jegge sind das keine abstrakten Kategorien, sondern gelebte Betriebsrealität.
Stefan Jegges Zuchtziele sind entsprechend präzis: unter 140 cm Kreuzbeinhöhe, gutes Fundament und Eutersitz, Substanz, Top-Fruchtbarkeit, genetisch hornlos. An Kühen, die sich bewähren, hält er fest. «So wenig als möglich aufziehen, damit man nicht zu früh Kühe aus dem Bestand geben muss. Wenn, dann als Nutzkuh weiterverkaufen, aber nicht ersetzen, nur weil viel Junges da ist», sagt er.
Dass er dabei klar hinter der Zweinutzungskuh steht, ist kein Zufall: Der Fleischmarkt ist für ihn ein wichtiger Absatzweg, und ein gewisses Fleischansatzvermögen hilft der Kuh auch in der Energiebilanz. Darum setzt er auch auf die Rasse Swiss Fleckvieh.

Keine Viehschauästhetik, keine gesexte Samen
Das Phänomen, dass viele Milchproduzenten gerne diese «Topstiere» aus dem KB-Katalog einsetzen, kennt er. «Das Viehschaudenken und die Verlockung, diesen Topstieren nicht widerstehen zu können, machen oft das Resultat, dass das Produkt nicht zum Betrieb passt», sagt er.
Aber genau dem zu widerstehen, hält er für entscheidend. Samensexing lehnt er ebenso grundsätzlich ab. «Ich bin ein bekennender Gegner von Spermasexing», sagt Jegge. Er sei sicher, dass das eher kontraproduktiv sei für die Entwicklung der Rassenbreite.
Kritik an Bio Suisse
Die aktuelle Diskussion bei Bio Suisse gibt ihm Anlass zur Kritik. Im Swissgenetics-Standardangebot sind bei der Rasse Swiss Fleckvieh derzeit nur zwei Stiere mit gesextem Samen erhältlich, beide mit dem Kleeblatt-Label, aber keiner davon hornlos.
Beim Braunvieh erhalten teilweise auch Stiere das Kleeblatt, die über plus 1000 kg Milch vererben. Die Frage, die sich Jegge hier stellt: Wo bleibt die standortgerechte Zucht, wenn Beschlüsse gefasst werden, die in Richtung mehr Milch, weniger Kühe und mehr importiertes Fleisch führen?

Was die Zahlen aus Graubünden zeigen
Dass standortgerechte Zucht messbar auf die Betriebsergebnisse durchschlägt, zeigt für ihn das Projekt Biozucht Graubünden aus dem Jahr 2010. Die Auswertung von 99 Biobetrieben ergab: Betriebe, die ihre Milchviehzucht gut auf den Standort abgestimmt hatten, wiesen kürzere Zwischenkalbezeiten und eine längere Nutzungsdauer auf und mussten ihre Tiere seltener gegen Krankheiten behandeln.
Ob ein Betrieb standortgerecht aufgestellt ist, lasse sich systematisch erheben, sagt Stefan Jegge. Das FiBL hat dafür einen Einschätzungsbogen zur standortgerechten Milchviehzucht entwickelt, der unter bioaktuell.ch heruntergeladen werden kann. «Wenn der Bogen ergibt, dass Tier und Standort nicht harmonieren, gibt es verschiedene Ansätze», erklärt der Bio-Landwirt.
Auf der Betriebsseite kann man den Anteil der Raufutterverzehrer erhöhen, das betriebseigene Futter gezielter einsetzen und in den ersten 100 Laktationstagen nur das beste Futter verfüttern. Auf der Zuchtseite empfiehlt das FiBL absichtlich längere Zwischenkalbezeiten, ein etwas höheres Erstkalbealter, die Selektion auf funktionale Merkmale, den Wechsel zu robusteren Zweinutzungskühen oder zu kleineren Kühen.
Standortgerechte Besamungsstiere für Biobetriebe
Das FiBL hat 2019 auch auf der Ebene der Besamung reagiert und das Bio-KB-Projekt lanciert, das standortgerecht selektierte Stiere für Biobetriebe bereitstellt. Die Anforderungen an die Zuchtbetriebe sind klar: Biobetrieb, maximal 300 kg Kraftfutter pro Jahr für die Stierenmutter, möglichst keine Antibiotikagaben ausser im Notfall, und mindestens 50 Prozent der Futteraufnahme auf der Weide während der Vegetationszeit. Für die Auswahl der Stierenmütter gelten je nach Rasse differenzierte Kriterien: Kreuzbeinhöhe, Weide- und Gesamtzuchtwert, Fitness, Zellzahlen, Fruchtbarkeit, Milchleistung, Exterieur, Langlebigkeit und bei Swiss Fleckvieh und Simmental auch der Fleischwert. Von April 2019 bis Februar 2026 hat das Projekt 50 Jungstiere angekauft. Derzeit stehen 19 Bio-KB-Stiere bei Swissgenetics im Angebot. Bis Februar 2026 wurden insgesamt 10 569 Samendosen verkauft. Aufgezogen werden die Jungstiere kraftfutterfrei, im Sommer auf der Weide, im Winter mit Heu, Emd, Grassilage und weniger als 30 Prozent Maissilage. Ein kleiner Nachteil: Alle Bio-KB-Stiere sind derzeit als Reservationsstiere geführt.
Energie vor Protein, Ruhe vor Menge
«Die Energiebilanz ist das A und O, dass man eine gute Fruchtbarkeit hat», sagt Stefan Jegge weiter. Ob sich die Bauern dessen immer bewusst seien, bezweifelt er. Protein sei weniger das Problem: «Das mag eine Kuh recht gut wegstecken. Wenn sie genug Energie hat, dann ist vieles geritzt.» Mehr Protein bringe zwar etwas mehr Milch, aber die Frage sei, ob sich das schliesslich auch rechne.
Beim Fütterungsmanagement ist er unmissverständlich: «Ein Futterzuschieber ist für mich das Dümmste, was es gibt.» Man bringe zwar viel Futter ins Tier, aber die Ausnutzung sei schlecht, weil das Tier durch das dauernde Zuschieben keine sinnvolle Ruhe habe. Er will der Kuh möglichst viel ungestörte Fresszeit geben, aber ihr beim Liegen auch nicht dauernd sagen: «Komm jetzt fressen.»
Acker für den Menschen, Gras für die Kuh
Stefan Jegge spricht in der Produktion von Lebensmitteln von einer klaren Aufgabenteilung. «Zum Standortgerechten gehört, dass man ackerbauliche Flächen auch wirklich dafür nutzt, aber nur für den Menschen, denn das Tier soll Gras fressen. Dafür ist die Kuh gebaut», sagt er.
Mit rund 900 mm Niederschlag pro Jahr sind die Bedingungen für Futterbau auf seinem Betrieb in Kaisten mässig gut, für den Ackerbau ist es in trockeneren Jahren problemloser, da man auf angepasste Kulturen setzt.
Im Schnitt beginnt Jegge Anfang März mit der Vorweide und zwischen dem 5. und 10. April mit der Vollweide.

Tafeltrauben: der stabilste Betriebszweig
Wer auf den Hof der Familie Jegge kommt, stösst neben der SF-Herde auf 0,4 ha Tafeltrauben. Den Entscheid traf der Bio-Landwirt für die Meisterprüfung: Er suchte einen Betriebszweig auf kleiner Fläche. Kirschen kannte er aus der Kindheit zur Genüge, Kiwis mochte er nicht und Aprikosen hatten ihn die Spätfröste schon früh gelehrt zu fürchten.
«Ich habe im Lehrjahr in der Westschweiz schon viele Trauben gegessen, das ist mir im Hinterkopf geblieben, dass man Trauben auch essen kann und nicht nur Wein daraus machen», sagt er. Nur rund drei Prozent des Schweizer Traubenangebots stammt aus inländischer Tafeltraubenproduktion, der Rest ist importiert.
Für Jegge ist es heute der stabilste seiner Betriebszweige. «Meist will man einen neuen Betriebszweig mit einer Maschine oder noch lieber mit einem Roboter lösen, aber lieber nicht mit Handarbeit», sagt er. Er hat es anders gemacht.
Betrieb Jegge in Zahlen
Fläche: 50 ha LN total, davon 19,5 ha Weiden, 10 ha Acker (je ¼ Ölsonnenblumen, Winterweizen, Öllein/Linsen), 7,5 ha Kunstwiesen, 5 ha Naturwiesen, 6,3 ha Extensivwiesen, 1,3 ha Hecken und Ufergehölz, 0,4 ha Tafeltrauben, 230 Hochstammbäume. Tiere: 50 Milchkühe Swiss Fleckvieh, saisonale Abkalbung Weihnachten bis Ende Februar, 5000–5500 kg Milch pro Laktation je nach Jahr. Weide: Vollweide mit wetterbedingten Zufütterungsphasen, 220–240 Weidetage. Ein Viertel der Herde wird 95 Tage gesömmert. Fütterung: Kraftfutterfrei seit 11 Jahren. Im Sommer Weide, im Winter Heu, Emd und Grassilage. Gesundheit: Antibiotikafrei im Euterbereich seit über 10 Jahren, Behandlung mit Homöopathie. Zucht: unter 140 cm Grösse, gutes Fundament und Eutersitz, Substanz, Top-Fruchtbarkeit, genetisch hornlos. Eigene Nachzucht auf Partnerbetrieb. Jahresablauf: Abkalbung Januar, Besamung April/Mai, Vollweide ab ca. 5.–10. April bis Oktober/November, Galtfütterung November/Dezember, Melkerferien November.

