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Kühe mit hohen Zellen werden Ammen – und die Kälber werden gesünder

Seit 2013 zieht Stefan Jegge seine Kälber mutter- und ammengebunden auf. Was als Experiment begann, ist heute ein tragendes Element seines Antibiotika-minimierten Betriebssystems. Und es löst ein Problem, das viele Betriebe kennen, ohne es so zu benennen.

Stefan Jegge hat auf seinem Vollweidebetrieb in Kaisten AG keine Kühe mit besonders hohen Zellzahlen. Er hat Ammen. Seit 2013 dienen jene Kühe, deren Eutergesundheit nicht mehr für den Tank taugt, als Milchlieferantinnen für die Kälber. Die Kuh bleibt im Betrieb, gibt ihre Leistung weiter, und das Kalb bekommt, was es braucht: Kuhmilch, Sozialkontakt, Zeit.

Schrittweise, nicht von heute auf morgen

Der Weg zur ammengebundenen Aufzucht begann nicht mit einem Plan, sondern mit einem Prozess. Nach der Betriebsübernahme besuchte Stefan Jegge zwischen 2002 und 2008 diverse Homöopathiekurse und nahm am Pro-Q-Projekt des FiBL teil, das Biobetriebe bei der Reduktion von Antibiotika begleitete. Der Antibiotikaverbrauch sank schrittweise. Gleichzeitig musste Jegge lernen, mit dem umzugehen, was ohne Antibiotika sichtbar wird: Zum Beispiel Drei-Strich-Euter oder auch einmal erhöhte Zellzahlen im ersten Monat nach der Abkalbung. Oder eben Tiere, die nicht mehr vollständig melkbar sind, aber deshalb noch lange nicht abgehen müssen.

2013 kam der entscheidende Schritt: Statt diese Kühe abzustossen oder auf Teufel komm raus zu behandeln, werden sie seither als Ammen eingesetzt. Das entlastet das Melksystem, hält die Kuh produktiv und gibt dem Kalb den bestmöglichen Start.

Vom ersten Tag an bei der Mutter

Das erste Lebensjahr beginnt für jedes Kalb auf dem Hof Jegge mit einem Tag in der Abkalbebox bei der Mutter. Vom zweiten bis etwa zum 14. Lebenstag ist das Kalb frei im Laufstall und hat 24 Stunden Mutterkontakt mit freiem Säugen. Die Kühe werden weiterhin zweimal täglich gemolken. Danach übernehmen die Ammen, die drei bis vier Kälber ernähren. Was die Kuh produziert, geht je nach Eutergesundheit entweder in den Tank oder in die Kälber.

Das Resultat: deutlich weniger Milch im Tank als bei konventioneller Aufzucht. Aber Jegge rechnet anders. Die Investition fliesst in Kälber, die seit 13 Jahren weitgehend gesund sind. Kein Tränkepulver, keine Elektrolyte, möglichst keine Behandlungen.

Eine Zitze stilllegen, drei weiter melken

Ein weiteres Element des Eutergesundheitsmanagements ohne Antibiotika: Wenn ein Viertel Probleme macht, wird er trockengestellt, während die Kuh an den übrigen drei Zitzen weiter gemolken wird. Was in konventionellen Betrieben oft mit einem Antibiotikum gelöst wird, löst Stefan Jegge mit Zeit, Beobachtung und gezielter Homöopathie. Nicht jede Kuh schafft das. Wer es schafft, bleibt. Wer es nicht schafft, wird Amme.

Zucht und Ammensystem denken zusammen

Die ammengebundene Aufzucht ist kein Inselsystem. Sie greift tief in die Zuchtentscheidungen ein. Wer Kühe als Ammen einsetzt, braucht Tiere mit genug Milch, weil mehrere Kälber an ihr saugen, aber eben keine Hochleistungskühe, die auf Kraftfutter angewiesen sind. Stefan Jegge hat das genetische Milchleistungspotenzial und den Kuhtyp über 15 Jahre schrittweise angepasst: weg vom hohen Spitzenpotenzial, hin zu Persistenz, Substanz und Eutergesundheit.

Mut zur Umstellung braucht es

Ammengebundene Aufzucht braucht Zeit und eine passende Stallstruktur. Die Kälber müssen Zugang zu den Kühen haben, ohne das Melkmanagement zu stören. Und der Landwirt muss bereit sein, kurzfristig weniger Milch im Tank zu akzeptieren, um mittel- und langfristig an Tiergesundheit und Arbeitsentlastung zu gewinnen. Jegge hat diese Rechnung gemacht. Sein Fazit nach über zehn Jahren ist eindeutig: Es lohnt sich.

Ammengebundene Aufzucht Schritt für Schritt

Tag 1: Kalb bei der Mutter in der Abkalbebox. Tag 2 bis ca. 14: Kalb frei im Laufstall, 24-stündiger Mutterkontakt, freies Säugen. Ab Tag 14: Ammen übernehmen. Als Ammen dienen gezielt Kühe mit erhöhten Zellzahlen, die vorübergehend für die Tankablieferung nicht mehr taugen. Melken: Die Kühe werden in den 14 Tagen Mutterzeit weiterhin zweimal täglich gemolken. Eutergesundheit: Viertel mit Problemen werden einzeln trockengestellt; die Kuh bleibt an den übrigen Zitzen im Melkbetrieb. Behandlung mit Homöopathie statt Antibiotika. Ergebnis auf dem Betrieb Jegge: Seit 13 Jahren kaum Kälberkrankheiten, antibiotikafrei im Euterbereich seit über 10 Jahren, deutlich weniger Milch im Tank in der Startphase, aber keine Kosten für Kälberbehandlungen. Voraussetzungen: Passende Stallstruktur mit Kälberzugang zu den Ammen, Kühe mit ausreichend Milch, Bereitschaft zu kurzfristigen Tankmengeneinbussen, schrittweise genetische Anpassung des Kuhtyps.

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