Rund 800 bis 900 Lastwagen Mineralphosphat rollen jedes Jahr in die Schweiz. Monocalciumphosphat, Dicalciumphosphat – die Fachbegriffe klingen technisch, doch der Hintergrund ist simpel: Die Schweizer Landwirtschaft importiert Phosphor für die Tierfütterung, obwohl das Nährstoffkonto auf vielen Betrieben längst im Plus ist.
Patrick Schlegel von Agroscope hat das Problem an der Schweizer Tierärztetagung in Bern klar benannt. Sein Befund: Der Phosphorbedarf von Milchkühen wird in der Praxis überschätzt, Mineralfutter enthält fast immer Phosphatzusätze, und die Angst vor dem Festliegen nach dem Abkalben führt dazu, dass Bauern an der falschen Schraube drehen.
Schweiz im Defizit – auf nationaler Ebene
Der Kontext ist ernster als viele ahnen. Auf nationaler Ebene weist die Schweizer Landwirtschaft jährlich einen Phosphorüberschuss von rund 5000 Tonnen aus. Bis 2030 muss dieser Überschuss um 15 Prozent sinken – das ist der Absenkpfad, seit 2023 verbindlich. Jede Branche ist gefragt.
Bei der Tierhaltung ist das mineralische Futtermittel der grösste steuerbare Hebel. 2400 Tonnen Phosphor fliessen jährlich über die Tierernährung ins System – das entspricht 28 Prozent des gesamten Phosphoreintrags in der Landwirtschaft. Dieser Phosphor stammt aus Ländern wie Marokko, China oder den USA. Die Schweiz und die EU importieren 100 Prozent ihres mineralischen Phosphors. Die Preise sind volatil und tendenziell steigend. Ein strategischer Rohstoff, von dem die Schweizer Landwirtschaft abhängt, obwohl die Notwendigkeit des Zukaufs in vielen Situationen wissenschaftlich nicht belegt ist.
Was die Kuh wirklich braucht
Patrick Schlegel hat den Phosphorbedarf einer Milchkuh Schritt für Schritt aufgeschlüsselt. Massgeblich sind Erhaltungsbedarf, Milchproduktion, Wachstum und Trächtigkeit. Der Nettobedarf wird durch die Absorbierbarkeit geteilt – und genau hier liegt ein zentraler Punkt: Bisher wurde eine Absorbierbarkeit von 70 Prozent angenommen, was Schlegel als sicher, aber eher konservativ bezeichnet. Die neue Auflage des deutschen Referenzwerks GFE hat den Wert 2023 auf 80 Prozent angehoben. Das klingt nach wenig, hat aber eine direkte Konsequenz: Der Bruttobedarf – also die Menge, die man füttern muss – würde sich damit um rund 10 Prozent reduzieren.
Für eine Milchkuh mit 30 Kilogramm Tagesleistung empfiehlt Agroscope eine Phosphorkonzentration von 3.3 bis 3.6 Gramm pro Kilogramm Trockensubstanz in der Ration. Galtkühe brauchen nur 1.5 bis 2.0 Gramm – ein Wert, der in der Praxis häufig deutlich überschritten wird.
Das Futter liefert mehr als gedacht
Die entscheidende Frage ist: Was bringt das Grundfutter schon mit? «Es werden relativ wenige Mineralstoffe analysiert in der Fütterung. Dabei wäre das sehr wichtig – dann wüssten wir, was wir schon auf dem Betrieb haben», sagt Patrick Schlegel. Seine eigenen Forschungsarbeiten zeigen: Beim Wiesenfutter hängt der Phosphorgehalt stark vom Entwicklungsstadium, der botanischen Zusammensetzung und der Nutzung ab. Je älter das Gras beim Schnitt, desto tiefer der Phosphorgehalt. Je höher der Grasanteil im Bestand, desto tiefer der Gehalt. Silierte Wiesenaufwüchse weisen tendenziell höhere Werte auf als Heu. Region und Höhenlage spielen hingegen kaum eine Rolle, wenn Schnitt und Entwicklungsstadium gleich sind.
Ein Vollweideversuch in Posieux FR über die ganze Saison 2017 hat gezeigt: Kühe, die kein mineralisches Phosphat erhielten, produzierten gleich viel Milch wie Kühe mit Phosphatergänzung. Die Blutwerte lagen bei der phosphatfreien Gruppe zwar leicht tiefer, doch Knochenmarker – Indikatoren für Abbau und Aufbau von Knochenmineralen – zeigten keinen Unterschied. Die Knochen wurden nicht stärker belastet.
Noch deutlicher ist die Lage bei Winterrationen: In einer Diplomarbeit von Adrian Steinger, erarbeitet am Strickhof in Zusammenarbeit mit der HAFL, wurden neun Milchviehbetriebe analysiert. In allen neun Betrieben lag die Phosphorversorgung über 100 Prozent des Bedarfs – in mehreren Fällen weit darüber. Das Mineralfutter ist in diesen Rationen im Hinblick auf den Phosphor schlicht überflüssig.
Das Festliegen und das Missverständnis
Viele Betriebsleiter haben Angst vor dem Festliegen der Kuh nach dem Abkalben. Diese Angst ist berechtigt – aber die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, ist falsch. Wer Kühe kennt, die nach dem Kalben zu wenig Phosphor im Blut hatten, erhöht reflexartig die Phosphorgaben in der Laktation. Das bringe nichts, sagt Patrick Schlegel.
Der Grund: Eine peripartale Hypocalcämie – der Abfall des Calciums nach dem Abkalben – induziert häufig gleichzeitig eine Hypophosphatämie, also niedrige Phosphorwerte im Blut. Das ist ein biochemischer Mechanismus rund um das Abkalben selbst, kein Zeichen mangelhafter Phosphorversorgung in der vorausgegangenen Laktation. Der Phosphorgehalt der letzten Laktationsration hat mit diesem Ereignis nichts zu tun. Und die Phosphorgaben in der kommenden Laktation zu erhöhen, löst das Problem ebenfalls nicht. Schlegel richtet sich direkt an die anwesenden Tierärztinnen und Tierärzte: «Bitte die Kunden darüber beraten.»
Analyse als erster Schritt
Was also tun? Patrick Schlegel empfiehlt, das Grundfutter analysieren zu lassen. «Eine Mineralstoffanalyse kostet 70 Franken. Aber es ist eine weitere Rechnung», so Patrick Schlegel. Wer weiss, was sein Futter mitbringt, kann gezielt ergänzen, statt pauschal zufüttern.
Ein Problem bleibt: In der Schweiz gibt es aktuell kein Mineralfutter ohne Phosphat. Das sei, so Schlegel, sowohl eine Frage der Nachfrage als auch des Angebots. Solange Bauern und Beratung kein phosphatfreies Mineralfutter verlangen, wird es auch keines geben.
Der politische und der betriebliche Rahmen zeigen in dieselbe Richtung: weniger Phosphorimport, genauere Fütterung, bessere Grundfutteranalyse. Phosphor ist endlich, strategisch und teuer. Ihn zu vergeuden, ergibt weder agronomisch noch ökonomisch Sinn.

