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Eine tote Rasse und ein lebendiges Muster – wiederholt sich eine Geschichte?

Die Freiburger Kuh ist ausgestorben, still, unter allgemeiner Gleichgültigkeit, Tier um Tier. Wer die Zahlen zur Simmentaler Rasse liest, fragt sich: Läuft das gerade wieder?

Im Januar 2026 grub das Westschweizer Tamedia-Blatt «24 heures» die Geschichte der Freiburger Kuh noch einmal aus. Der Artikel beginnt mit einem 84-jährigen ehemaligen Käseveredler aus Châtelard FR. Louis Barby sah in den 1970er-Jahren noch die letzten «echten» Freiburger Kühe auf der Weide. Dann kamen die Holsteiner aus Kanada. Die «Fribourgeoise» verschwand.

Einst grasten rund 40 000 schwarz-weiss gefleckte Kühe in den Regionen Sense, Glâne und Gruyère. Laut Pro Specia Rara haben von den ursprünglich 35 dokumentierten Schweizer Kuhrassen bloss fünf überlebt: das Original Braunvieh, das Eringer Rind, das Original Simmentaler Fleckvieh, das Evolèner Rind sowie das Rätische Grauvieh. Die Freiburger ist nicht dabei. Heute lebt sie nur noch in den Erinnerungen der alten Sennen weiter.

Kein Plan, kein Verbot, nur das Geld

Anne Philipona, Historikerin und Direktorin der «Cahiers du Musée gruérien», hat sich als eine von wenigen wissenschaftlich mit dem Verschwinden der «Fribourgeoise» befasst. 2017 veröffentlichte sie in dieser Greyerzer Fachpublikation einen Artikel, der die Geschichte der Rasse über zwei Jahrhunderte nachzeichnet. Es ist keine triumphale Geschichte. Es ist eine Geschichte des langsamen Verlusts, getrieben von Rivalität, Inzucht, Gesetzgebung und am Ende vom schieren Ertragskalkül.

Philipona beschreibt, wie die Freiburger Züchter Ende des 19. Jahrhunderts durchaus Ehrgeiz entwickelten. Ihre schwarz-weissen Tiere glänzten an internationalen Messen, eine erbitterte Rivalität mit den Berner Züchtern prägte die Zucht. Die Berner setzten auf die rot-weisse Kuh, aus der auch die Simmentaler hervorging. Die Freiburger behielten die Schwarz-weisse für sich. Die Behörden versuchten, mit Prämien und Bullenkooperation gegenzusteuern, organisierten Fachveranstaltungen, ermutigten die Bauern zur gegenseitigen Nutzung der besten Tiere. Doch weil eine Herde im Durchschnitt selten mehr als vier Tiere pro Betrieb umfasste, drohte Inzucht. Und sie kam.

Zwischen 1925 und 1950 verlor die Freiburger Rasse laut Philipona 25 Prozent ihres Bestandes, weil ein einziger Zuchtbulle einen genetischen Defekt trug. Viele Tiere wiesen Fehlbildungen der Hinterbeine auf und wurden bei der Geburt getötet. Das Schweizer Gesetz, das bis 1967 die künstliche Befruchtung und den Import von Vieh verbot, tat sein Übriges. Die Züchter sassen in der Falle. Als die Öffnung kam, strömten die Holsteiner herein. Die geschwächte Lokalrasse hatte keine Chance mehr.

«Unter allgemeiner Gleichgültigkeit» verschwunden

Was Philipona in ihrer Analyse besonders herausarbeitet, ist der soziologische Aspekt des Scheiterns. Die Freiburger Kuh verschwand nicht über Nacht und nicht unter lautem Protest. Sie verschwand, wie sie schreibt, «unter allgemeiner Gleichgültigkeit». Und sie fügt eine Beobachtung an, die nachwirkt: «Das Ironische ist, dass die Nostalgiker von heute nicht unbedingt aus den Familien stammen, die vor 50 Jahren die Freiburger Kuh verteidigten.» Die damaligen Züchter gaben die Rasse auf – nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das System sie dazu zwang. Die Trauer kam erst danach, als nichts mehr zu retten war.

Louis Barby, der alte Käseveredler aus Glâne, sagt im «24 heures»-Artikel, das Verschwinden sei von der Milchindustrie «aus rein wirtschaftlichen Gründen» geplant worden. Ob so geplant oder nicht: die Richtung stimmte. Es war das Geld, das entschied. Mehr Milch, mehr Effizienz, mehr Ertrag. Der Rest war Beiwerk. Der letzte reinrassige Freiburger Stier wurde 1975 geschlachtet. Danach war die Sache erledigt.

Und wie sieht es heute aus?

Die 7. Vereinsversammlung von Simmentaler Original, die Anfang Mai 2026 in Aeschiried BE stattfand, legte Zahlen vor, die nachdenklich stimmen. Der Herdebuchbestand der Simmentaler Rasse bei Swissherdbook sank von 23 361 Tieren im Jahr 2019 auf 21 827 im Jahr 2025. Der Rassenanteil am Gesamtherdebuch fiel im selben Zeitraum von 10,1 auf 9,4 Prozent. Kein Einbruch, keine Katastrophe, aber eine klare Richtung über sieben Jahre. Und eine Richtung, die in dieselbe Ecke zeigt wie damals im Freiburgerland.

Das liegt nicht an schlechten Tieren. Die Simmentaler Kuh ist robust, langlebig, zweiseitig nutzbar. Sie macht Milch und Fleisch, steht auf der Weide und braucht nicht im Wochentakt den Tierarzt, wie Vereinspräsident Josef Dähler weiss. «Genau das, was Konsumentinnen und Konsumenten heute von der Landwirtschaft verlangen: standortangepasst und ressourcenschonend.» Und trotzdem verliert die Rasse Boden. Weil, wer im Milchviehbetrieb auf maximale Kilogramm pro Kuh und Jahr optimiert, zu Holstein greift. Weil der Mehrwert der Simmentaler – Robustheit, Fleischansatz, Lebensleistung – in der konventionellen Milchpreisabrechnung schlicht nicht auftaucht. Weil das System noch immer dasselbe bleibt, das die Freiburger Kuh verschwinden liess.

Das Fleisch fehlt, und damit das Tier

Die Proviande-Zahlen, die an der Versammlung präsentiert wurden, zeigen das Resultat dieser Rechnung. Der Inlandanteil beim Rindfleisch sank 2025 auf 77,4 Prozent, die Importe stiegen gegenüber dem Vorjahr um fast 23 Prozent auf knapp 28 500 Tonnen. Das Fleisch fehlt nicht, weil die Nachfrage eingebrochen wäre. Es fehlt, weil die Tiere fehlen, die es liefern könnten. Zweinutzungsrassen, die beides können, werden in einem System, das nur eines bezahlt, verdrängt. Langsam, stetig, lautlos.

Ein Gegengewicht gibt es. In der Mutterkuhhaltung stieg der Simmentaler-Anteil am Herdebuch von 7,6 Prozent im Jahr 2019 auf 9,2 Prozent im Jahr 2025, der Bestand wuchs von 1087 auf 1277 Tiere. Unter dem Gütesiegel «Simmentaler Original» wurden 2025 insgesamt 3598 Banktiere vermarktet, mehr als je zuvor, mit wachsendem Absatz im Grosshandel und in der Gastronomie. Die Rasse hat eine Nische, die funktioniert und wächst.

Weltweit stark, und das macht den Schweizer Befund erst recht seltsam

Wer jetzt den Kopf schüttelt, hat recht, aber vielleicht aus dem falschen Grund. Die Simmentaler Kuh stirbt nicht aus. Weit davon entfernt. Weltweit gehört sie zu den am stärksten verbreiteten Rinderrassen überhaupt, mit Millionen von Tieren auf mehreren Kontinenten, von Südamerika über Afrika bis Osteuropa. In vielen Ländern ist die Simmentaler keine Nischenrasse, sondern schlicht «die» Kuh.

Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Die Frage ist eine andere: Warum verliert die Rasse ausgerechnet dort Boden, wo sie herkommt, wo sie über Jahrhunderte gezüchtet wurde, wo sie geografisch und kulturell ihr Zentrum hat? Das ist keine Frage des Überlebens. Es ist eine Frage des Systems.

Ein anderes Muster – aber auch ein Muster

Innerhalb der Reinzucht läuft derweil eine Entwicklung, die mit dem Aussterben der Freiburger Kuh nichts zu tun hat und trotzdem zu denken gibt. Martin Liechti, Präsident der Schweizerischen Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der reinen Simmentaler Rasse (SVS), sagte im Dezember 2025 in der BauernZeitung: «Weit über 50 Prozent der Besamungen und Belegungen in der Reinzucht beinhalten heute das Blut des Stiers Unic.» Ein einziges Tier, aus der Zucht von Hans-Rudolf Frautschi aus Turbach BE, hat mit seinen Söhnen Cyrill, Ariello und Unetto und inzwischen seinen Grosssöhnen Teo und Toni den Genpool der Reinzucht auf ein Mass verengt, das die Züchterschaft beunruhigt. «Es ist jetzt wichtig, dass wir die besten Kühe mit Stieren ohne Unic-Blut besamen, damit wir in Zukunft Nachkommen haben, die eine andere Blutlinie aufweisen», so Liechti.

Das ist kein Aussterbeszenario. Unic hat der Rasse Milch, Gehalt, Zentralband und gute Nacheuter gebracht. Er war züchterisch ein Erfolg, und genau das ist das Problem. Was sich bewährt, wird übernutzt. Was übernutzt wird, verengt. Das Muster ist nicht dasselbe wie das Freiburger Muster. Aber es ist verwandt.

Die Freiburger Kuh verschwand, weil das System nur auf Quantität setzte. Die Simmentaler Reinzucht riskiert etwas anderes: dass sie auf Qualität setzt, aber immer wieder dieselbe.

«Unter allgemeiner Gleichgültigkeit»

Anne Philipona hat ihre Freiburger Geschichte 2017 aufgeschrieben. Neun Jahre später zitiert sie ein Tamedia-Blatt. Das ist die gute Nachricht: Die Frage interessiert, auch ausserhalb der Landwirtschaft. Die schlechte Nachricht ist, dass Interesse allein noch keine Rasse gerettet hat. Geschichte wiederholt sich nicht automatisch. Aber sie wiederholt sich dann, wenn niemand das Muster erkennt. Das Muster ist bekannt.

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