Andreas Bernhard redet Klartext. Der Präsident von Suisseporcs macht keinen Hehl daraus, wie ernst die Lage im Schweizer Schweinemarkt ist, und er hat keine Lust, das noch länger schönzureden. Ende Mai soll eine ausserordentliche Delegiertenversammlung über ein Konzept abstimmen, das die Branche so noch nicht gesehen hat: die freiwillige, finanzierte Stilllegung von Zuchtsauenplätzen. Es geht um viel Geld, um unternehmerische Freiheit, um Glaubwürdigkeit. Und um die Frage, ob eine Produzentenorganisation wirklich in der Lage ist, einen Markt zu steuern, den sie bislang nicht im Griff hatte.
Dabei ist das Stilllegungskonzept keine Idee, die Suisseporcs im Alleingang entwickelt hat. Es ist ein Auftrag von Proviande, getragen vom Zentralvorstand: Das Überangebot soll mit kurzfristigen Marktentlastungsmassnahmen rasch eingedämmt werden, und gleichzeitig braucht es eine mittel- bis langfristige Lösung, die den Markt strukturell stabilisiert. Dieser Doppelauftrag, kurzfristig Luft verschaffen und dauerhaft regulieren, prägt die Massnahmen in ihrer ganzen Anlage.
Ein Markt, der sich selbst überfordert
Die Ausgangslage ist nüchtern. Die Schweizer Schweineproduktion hat mit über 90 Prozent Inlandanteil einen hohen Selbstversorgungsgrad. Doch dieser Anteil ist auch ein Korsett: Ein Ventil wie in der EU, wo Überschüsse exportiert werden können, gibt es hierzulande kaum. Exporte kosten viel Geld, und der Schweizer Markt kann nur so viel Schweinefleisch aufnehmen, wie auch konsumiert wird. Wenn die Produktion die optimale Inlandsversorgung von 90 bis 92 Prozent überschreitet, gerät das gesamte Preisgefüge unter Druck. Im Seuchenfall würde sich das Problem noch zusätzlich verschärfen: Sind dann keine Exporte von überschüssigen Mengen möglich, gibt es schlicht gar kein Ventil mehr.[IMG 2]
Erschwerend kommt hinzu, dass Schweinehaltung lange Zyklen hat. Vom Belegen der Muttersau bis zum schlachtreifen Schwein vergehen zehn Monate. Das bedeutet: Produktionsreaktionen auf tiefe Preise sind langsam, viel zu langsam für einen Markt, der in Echtzeit reagiert. «Gegenüber 2025 verlieren wir 200 Millionen», sagt Bernhard.
Doch es geht nicht nur ums Geld. In Krisenzeiten verlieren die Produzenten laut Bernhard nicht nur Einkommen, sondern auch Image und Goodwill. Der grösste Hebel für die Rentabilität liege bei der Schlachtsau. Da könne man noch so viel optimieren: «Wenn der Preis nicht stimmt, da kann man noch so viel tun, es wird nicht besser.»
Das Jagerpreismodell: Preisfindung, kein Steuerungsinstrument
Suisseporcs hat im Herbst 2023 gemeinsam mit dem Handel das sogenannte Jagerpreismodell eingeführt. Es soll eine faire Preisfindung des Mastjagers zwischen Züchter und Mäster ermöglichen und basiert auf dem Erlös des Schlachtschweines. Doch Bernhard ist in diesem Punkt unmissverständlich: «Das ist klar kein Steuerungsinstrument.» Das Modell erfasse zudem nur gut die Hälfte der Jager, weil die anderen in geschlossenen Betrieben produziert oder privat gehandelt werden. Dort zählt vor allem der Erlös beim Schlachtschwein.
Damit beantwortet sich auch die kritische Frage, warum Fachkommission Markt im Frühsommer 2025 «zu wenig» reagiert hat, als die Indikatoren des Modells bereits auf ein Überangebot hindeuteten. «Die Forderung ist, dass der Preis bereits im Juli schnell und stark hätte reagieren müssen», räumt Bernhard ein. «Wie tief müsste der Jagerpreis sinken, damit es auf die Produktion Auswirkungen hat, wenn gleichzeitig der Schlachtschweinepreis auf einem guten Niveau ist? In der Praxis ist so etwas kaum umsetzbar.» Denn wenn der Preis auf ein Niveau sinkt, das Produzenten aus der Produktion treibt, ist der Markt schon längst überschwemmt. Strukturveränderungen über den Preis zu erzwingen, bedeutet de facto, dass der Schlachtschweinepreis kollabieren muss. Das sei, so Bernhard, langfristig und insbesondere in so kurzen Abständen keine Lösung.
Notfallmodus: 20 Rappen Einzug und Marktentlastung
Die Konsequenzen des Zögerns sind heute sichtbar. Wöchentlich werden 47 000 bis 48 000 Schlachtschweine verarbeitet, der Zielwert in einem gesunden Markt liegt bei rund 44 000. Seit dem 16. Februar wird darum über einen Marktentlastungsfonds gegengesteuert: Die zehn grössten Schlachtauftraggeber ziehen 20 Rappen pro Kilo Schlachtgewicht ein, was rund 90 Prozent der Schlachtschweine erfasst und wöchentlich gut 800 000 Franken in die Entlastungskasse spült. Geplant sind Marktentlastungsmassnahmen, um die drohenden Übermengen im Herbst frühzeitig abzubauen.
Für Bernhard ist die Situation sehr unschön und keine Dauerlösung. «Die Kritik am Einzug auf Grund des Notfallkonzepts ist gross. Dabei muss auch erwähnt werden, dass es unbedingt nötig ist. Das Ziel ist, die Schlachtungen aufrechtzuerhalten, den Preiszerfall zu verhindern und den Markt zu stabilisieren. Künftig müsse man vor der Krise handeln, nicht mittendrin. Aktuell befinde man sich in einer Überproduktion von rund 5 Prozent. Saisonal könne der Markt das verkraften. «Im Herbst stehen wir wieder vor einem Problem. Deswegen sind wir in diesem Notfallmodus.»
Das Stilllegungskonzept: Investition in stabile Preise
Vor diesem Hintergrund hat Suisseporcs das Stilllegungskonzept entwickelt. Die Idee: Durch die vorzeitige Stilllegung veralteter Strukturen soll die Anzahl der Muttersauen dem Marktpotential angepasst werden. Der Zucht- und Produktionsfortschritt liegt bei rund 1,5 Prozent jährlich, was bedeutet, dass jedes Jahr rund 1500 Muttersauen aus der Produktion eliminiert werden müssten, um das Angebot stabil zu halten. Finanziert werden sollen die Stilllegungsprämien durch die Produzenten selbst, über einen Fonds bei Proviande.
Bernhard rechnet vor: 5 bis 10 Millionen Franken Entschädigung stehen rund 100 Millionen Franken Mehrerlös gegenüber, wenn der Inlandanteil bei 90 bis 92 Prozent stabilisiert werden kann. In der Vergangenheit konnten mit diesem Inlandanteil immer kostendeckende Preise erzielt werden. «Die Investition jedes Einzelnen lohnt sich durch stabile Marktverhältnisse markant», ist Bernhard überzeugt.
Dabei betont er, dass das Konzept ohne Kontingente, ohne Verträge und ohne Lieferrechte auskomme. Die unternehmerische Freiheit jedes einzelnen Betriebs bleibe bestehen. «Der, der produzieren will, kann den Stall voll ausnutzen. Er bleibt freier Unternehmer.» In einem Stall, der stillgelegt wird, können weder Mastschweine noch Zuchtsauen gehalten werden.
Warum nur Zucht und nicht auch Mast?
Eine der zentralen Schwachstellen des Konzepts aus Sicht von Kritikern: Rund die Hälfte der Überproduktion stammt nicht aus der Zucht, sondern aus ausgebauten Mastkapazitäten. Das Stilllegungskonzept greift aber ausschliesslich bei den Zuchtsauenplätzen an. Bernhard erklärt das mit dem Hebel: «Massgebend ist, wie viele Ferkel wir produzieren. Der Ansatz muss dort sein.» Er räumt aber ein, dass man die Mastseite im Blick habe: «In einer zweiten Phase muss das Stilllegen von Mastplätzen auch möglich sein. Wenn man beides auf einmal machen würde, würden wir das Fuder überladen.»
Das Konzept ziele bewusst auf jene Betriebe, die ohnehin nahe an einer Betriebsaufgabe stehen, sagt Bernhard, und sieht darin keinen Widerspruch: «Natürlich wird man die, die nahe dran sind, motivieren. Aber wir wollen den Strukturwandel beschleunigen, um den Markt abzubilden.» Letztlich sei das eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Insbesondere der professionelle Züchter würde von einer Mengenstabilisierung profitieren: «Der Aufwand für die Zucht ist gross und die Investitionen hoch, so dass man auf ein stabiles Einkommen hinarbeiten muss.» Zudem profitiert natürlich auch der Mäster von einer marktgerechten Produktion.
Handel, Politik und der Rattenschwanz der Negativschlagzeilen
Suisseporcs habe beim Stilllegungskonzept die Wertschöpfungskette von Anfang an eingebunden: Produzenten, Proviande, Verarbeiter und Handel sitzen an einem Tisch, um Entscheide zu treffen. Auch Nichtmitglieder wie die Qualiporc-Genossenschaft seien einbezogen worden. Der Handel habe eine wichtige Funktion, sei aber so individuell unterwegs, dass er nicht helfen könne, die Menge zu steuern, sagt Andreas Bernahrd.
Dabei wäre es im Interesse aller. Auch die Verarbeiter leiden unter den Preisschwankungen; stabile Preise erleichtern deren Arbeit massiv. «Es ist im Grunde die ganze Wertschöpfungskette, die Geld verliert.» Und wenn die Tierhaltung immer wieder in die Negativschlagzeilen gerate, habe das politische Auswirkungen, die Bernhard sichtlich beschäftigen: «Das nimmt die Politik natürlich auf. Wenn man immer wieder merkt, dass wir das selbst nicht im Griff haben, kommen Fragen bezüglich Futtermittelimporten, Nährstoffeinträgen, Ideen für Lenkungsabgaben. Wir werden stark infrage gestellt, auch die Gelder, die in die Absatzförderung fliessen.» Politisch werde die Extensivierung ohnehin vorangetrieben, und Überschüsse befeuerten diese Ideen zusätzlich. Umso wichtiger sei es, die Menge zu steuern, bevor andere es täten.
«Wir können das nicht den anderen überlassen»
Am Ende kommt Andreas Bernhard auf das zurück, was ihn antreibt. Er verweist auf die EU, wo 40 Prozent der Betriebe aufgehört haben, weil sie neue Stallvorschriften nicht finanzieren konnten. Er will, dass es in der Schweiz nicht so weit kommt. «Einfach zur Stalltüre rausschauen kann man nicht. Wir können den Markt nicht den anderen überlassen.»
Die ausserordentliche Delegiertenversammlung Ende Mai wird zeigen, ob die Branche das genauso sieht. Suisseporcs sieht sich dabei als Plattform, die Daten zusammenführt, Produzenten und Verarbeiter koordiniert und am Ende die Ertragskraft der Schweizer Schweinehaltung sichern will. «Wer, wenn nicht wir Produzenten selbst, will das an die Hand nehmen?»
Verträge als Lösung? Suisseporcs sagt Nein
Immer wieder taucht in der Diskussion um den Schweizer Schweinemarkt der Ruf nach Verträgen zwischen Produzenten und Verarbeitern auf. Klare Rahmenbedingungen, fixe Mengen, vereinbarte Preise. Klingt ordentlich. Doch Suisseporcs hält wenig davon, und Andreas Bernhard begründet das mit einer nüchternen Analyse der Nachteile.
Verträge schaffen Abhängigkeit und feste Bindung. Sie begünstigen grosse Betriebe, die die geforderten Mengen überhaupt liefern können, während kleine Betriebe strukturell im Nachteil bleiben. Dazu kommt, dass Vertragsmarkt und Spotmarkt nebeneinander existieren würden, zwei Marktsegmente mit unterschiedlichen Preislogiken. Das erschwert die Preisbildung und Preisverhandlung für alle, die nicht im Vertragssystem sind. Und wer Mengenhandel betreibt, verliert automatisch Flexibilität.
Für Bernhard ist die Konsequenz klar: Die gesamte Wertschöpfungskette hat ein Interesse an guten und stabilen Preisen. Aber stabile Preise erreicht man nicht über Verträge, die den Markt fragmentieren, sondern über eine Produktionsmenge, die zum tatsächlichen Inlandskonsum passt. Genau das ist das Ziel des Stilllegungskonzepts. Der freie Unternehmer, der seinen Stall voll ausnützen kann, ohne Kontingent und ohne Lieferverpflichtung, bleibt das Modell, für das Suisseporcs einsteht.
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