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Milchfieber bei der Kuh: Was hilft wirklich – und was hilft nicht?

Viele Strategien gegen Hypokalzämie haben einen Haken. Was Forschung und Praxis heute wissen und worauf die Tierhaltenden achten müssen.

Jede Kuh erlebt rund um die Kalbung einen Calciumabfall. Das ist physiologisch unvermeidbar. Der Calciumbedarf steigt mit dem Milcheinschuss schlagartig von 35 bis 40 Gramm pro Tag auf ein Vielfaches davon, der Körper kommt zunächst nicht nach. Die meisten Kühe gleichen das still aus. Manche werden krank: subklinisch mit Leistungseinbussen und geschwächter Immunabwehr, klinisch mit Festliegen. Was kann man sinnvoll tun, und was kostet mehr, als es bringt?

Die falsche Versuchung: jeder Kuh eine Flasche

An den Schweizerischen Tierärztetagen in Bern rechnete Walter Grünberg, geschäftsführender Direktor der Klinik für Wiederkäuer mit Bestandsmedizin der Justus-Liebig-Universität Giessen (D), das klar durch: Von zehn Kühen, denen man nach der Kalbung prophylaktisch Calcium intravenös gibt, verhindert man bei einer das Festliegen, bei den anderen neun induziert man eine künstliche Hypokalzämie. Der Körper stellt die Eigenregulation ab, wenn er Calcium von aussen bekommt. Genau das will man nicht. Die intravenöse Calciuminfusion ist das richtige Mittel, wenn eine Kuh bereits liegt, nicht davor.

Ein ähnlicher Denkfehler steckt hinter der Vitamin-D3-Injektion. Sie verhindert tatsächlich das Festliegen. Doch die Milchleistung sinkt, die Fruchtbarkeit leidet, und neuere Studien zeigen ein doppelt so hohes Risiko für Nachgeburtsverhaltung. «Der Preiszettel ist zu hoch», so Grünberg.

Trockensteher: Calciumarm ist besser

In der Galtphase gilt das Gegenteil von dem, was viele Bauern intuitiv tun. Wer die Kühe calciumarm füttert, regt die körpereigene Gegenregulation an. Der Calciumstoffwechsel läuft auf Hochtouren, bevor er gebraucht wird. Calciumüberversorgung hingegen erhöht das Risiko einer Hypokalzämie nach der Kalbung. Der Bedarf zum Ende der Trächtigkeit liegt bei 35 bis 40 Gramm pro Tag. Für eine calciumarme Fütterung braucht es weit unter 3 Gramm Ca pro Kilogramm Trockenmasse. 5 bis 6 Gramm pro Kilogramm Trockenmasse sind bereits mehr als bedarfsdeckend.

Phosphor hat in der Galtration nichts verloren. Was hinein muss: Magnesium, am besten als MgSO4 oder MgCl2. Nach der Kalbung braucht die Kuh hingegen so viel Phosphor wie möglich.

Zeolith: heute ein Phosphorbinder

Zeolith-A war lange als Calciumbinder bekannt. Das Mineral bindet im Pansen Calcium und senkt damit den Blut-Ca-Spiegel gezielt, was wiederum die körpereigene Knochenmobilisation stimuliert. Grünberg nennt es trocken «Calgon für Kühe». Das Prinzip funktioniert, aber Zeolith bindet auch Phosphor und Magnesium. Genau das erklärt, warum es heute primär als Phosphorbinder eingesetzt wird. Weniger Phosphor in der Galtphase ist therapeutisch erwünscht. Produkte wie X-Zelit passen die Dosierung heute an den Phosphorgehalt der Ration an, die Wirksamkeit ist damit deutlich besser als früher. Wichtig: die Anwendung auf maximal drei Wochen begrenzen, Überdosierung vermeiden wegen Fressdepressionsgefahr, und nach der Kalbung sofort absetzen.

Calcium oral: nur für die richtige Kuh

Orale Calciumpräparate wirken rasch. Innerhalb von 30 Minuten steigt der Blutcalciumspiegel um rund 30 Prozent, sofern der Pansen läuft. Empfohlene Dosis sind 40 bis 50 Gramm elementares Calcium pro Gabe. Die Produkte unterscheiden sich stark: Calciumchlorid hat die höchste Löslichkeit und Absorption, wirkt aber auch am kürzesten. Calciumpropionat wirkt etwas langsamer und länger. Produkte sind deshalb nicht ohne Weiteres vergleichbar.

Das zentrale Dilemma: Nur Kühe, die tatsächlich hypokalzämisch sind, profitieren von einem oralen Bolus. Kühe ohne Hypokalzämie profitieren nicht. Und der Blut-Ca-Wert in den ersten 24 Stunden nach der Kalbung sagt wenig darüber aus, wer später Probleme bekommt. Klinische Hypokalzämie tritt meist in den ersten 48 Stunden auf. «Oral ist noch eine Einzelfallgeschichte», sagt Walter Grünberg.

Ein Bolus reicht nicht. Die Calciumproblematik zieht sich über ein bis zwei Tage. Wer Boli einsetzt, muss im Abstand von 12 Stunden einen zweiten geben. Und: Ein Bolus funktioniert nur, wenn der Pansen läuft. Liegt die Kuh bereits, hilft er nicht.

Subkutanes Calcium: billiger, aber nicht für den Bauern

Calcium subkutan ist deutlich günstiger als ein Bolus. Studien zeigen, dass zwei Injektionen à 10 Gramm im 24-Stunden-Abstand den nachhaltigsten Effekt haben, nachhaltiger als eine Einzeldosis mit 20 Gramm. Das Problem aus Sicht des Betriebs: Die Verabreichung braucht den Tierarzt.

Was tun, wenn die Kuh liegt?

Erste Anzeichen einer Hypokalzämie: Die Kuh ist kalt, reagiert langsam, ist schlapp. Wer sie noch auf den Beinen erwischt, kann mit einem oralen Bolus reagieren. Liegt sie bereits, führt kein Weg an der intravenösen Infusion vorbei. Erst wenn sie wieder steht, kommt der Bolus, bereits zwei Stunden nach der IV-Gabe. Ein zweiter folgt nach 12 Stunden.

Walter Grünberg bringt es auf den Punkt: «Die Latte liegt höher als in den Siebzigerjahren, als man begann, gegen das Festliegen anzutreten.» Das Ziel ist heute nicht mehr nur, das Festliegen zu verhindern. Es geht darum, die Hypokalzämie rund um die Kalbung so kurz und so gering wie möglich zu halten. Denn die meisten Kühe liegen gar nicht. Aber viele leiden still.

In Zahlen

35–40 g Calcium pro Kuh und Tag: Das ist der Bedarf zum Ende der Trächtigkeit. Weit unter 3 g Ca pro kg Trockenmasse: So calciumarm muss die Galtration sein, um die körpereigene Gegenregulation zu aktivieren. 40–50 g elementares Calcium pro Gabe: Das ist die empfohlene Dosis beim oralen Bolus. 30 Minuten, 30 Prozent: So schnell steigt der Blutcalciumspiegel nach einem oralen Bolus, vorausgesetzt, der Pansen läuft. 12 Stunden: Abstand zwischen erstem und zweitem Bolus. Einer reicht nicht. 2 × 10 g subkutan im 24-Stunden-Abstand: wirkungsvoller als eine Einzeldosis mit 20 g. Maximal 3 Wochen: Länger sollte Zeolith nicht gegeben werden. Dosierung nach Phosphorgehalt der Ration, sofort absetzen nach der Kalbung.