Abgesehen von den drohenden Tierseuchen haben die Schweizer Rindviehproduzenten momentan nur wenig Grund dazu, besorgt zu sein. Entsprechend entspannt eröffnet Hugo Abt, Präsident der Schweizerischen Rindviehproduzenten (SRP) deren Delegiertenversammlung im SMP-Sitz in Bern.
Die Herren sitzen weit nach hinten gelehnt im Sessel – der eine oder der andere schien vom Nachmittags-Tief betroffen zu sein.
Hugo Abt führt aus: Die Preise seien gut, die Nachfrage nach inländischem Fleisch sei hoch, der Grenzschutz für Fleisch funktioniere. Zudem wachse – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – der Rindfleischkonsum weiter an, so der SRP-Präsident.
Der Pro-Kopf-Konsum von Rindfleisch steigt beispielsweise von 10,98 kg auf 11,55 kg. Beim Kalbfleisch ist der Konsum leicht sinkend, beim Schweine- und Geflügelfleisch steigend.
Kälber fehlen
Der SRP-Präsident hält an der Delegiertenversammlung in Bern fest, dass die Geburten weiter rückläufig sind, auch bei den Mutterkuhbetrieben. Dort liege der Grund aber nicht nur bei der Strukturentwicklung, sondern aktuell mehr bei der Blauzungenkrankheit.
Laut Zahlen, die Proviande-Direktor Donat Schneider an die Versammlung mitgebracht hat, nahm der Milchkuhbestand in den letzten zehn Jahren zweimal schneller ab als der Mutterkuhbestand und andere Kuhbestände nehmen zu. Ergo: Es fehlen Kälber.
Wer Tränker hat, hat Einfluss
Aus diesem Grund sind die Tränker momentan ein stark umworbenes Produkt und die Preise dafür gut. Sie sind sogar rar, was Auswirkungen bis in die Muni- und Grossviehmast hat. «Der Tränker ist ein strategisches Produkt; wer Tränker hat, hat Einfluss», so Abt.
Donat Schneider bekräftigt Abts Ausführungen mit Zahlen aus der Branchenorganisation: So ist das Fleischangebot 2025 erneut gestiegen. Mit einem Selbstversorgungsgrad von 92,2 % beim Schweinefleisch, 80,1 % beim Rindvieh und 61,9 % beim Geflügel bleibt das Saldo des Aussenhandels weiterhin bestehen.
2025 ist es demnach um 13,8 % gestiegen, während die Inlandproduktion gleichgeblieben ist (+0,5 %). Über das Gesamtangebot betrachtet beträgt das Saldo des Aussenhandels laut Zahlen von Proviande im Jahr 2025 104 341 Tonnen, während sich das Inlandangebot im selben Jahr 360 950 Tonnen verkaufsfertiges Fleisch beläuft.
«Der Konsum steigt momentan stärker als das Angebot», stellt Schneider fest. Entsprechend steigend ist der Importbedarf bei Geflügel und Rind. In diesem Zusammenhang nimmt Schneider die Grafik der Importfreigaben in Relation zu den realisierten Preisen (VK T3) für Kuhhälften zur Hand.
Die Grafik zeigt: Die hohen Importanträge spiegeln eine beschränkte Inlandversorgung wider und gehen deshalb trotz zusätzlicher Importmengen mit hohen Marktpreisen einher. «Ein gutes Zeichen dafür, dass diese Justierung innerhalb der Branche funktioniert», so Schneiders Schlussfolgerung.
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Abkommen lässt Rindfleisch zu
Donat Schneider stellt an der Delegiertenversammlung die provisorisch vereinbarten zollfreien Kontingente der verschiedenen Fleischkategorien in Relation zum bereits bestehenden Importanteil.
So betrug die Importmenge aus den Mercosur-Staaten von Rind und Kalb 2025 4915 Tonnen – das zollfreie Importkontingent im Rahmen des Mercosur-Abkommens beträgt für Rindfleisch 3000 Tonnen. Dasjenige für Geflügel 1000 Tonnen, während für diese Fleischkategorie der Importanteil 60 000 Tonnen beträgt, das Kontingent für Schweinefleisch 200 Tonnen, 200 Tonnen für Lammfleisch. Von daher sei nicht die importierbare Menge das Problem. «Die Herausforderung ist, dass dieses Kontingent ausserhalb des WTO-Kontingents vereinbart wurde», so Schneider.
Nationalrat wird im Juni beraten
In der Sommersession, die am 1. Juni 2026 startet, wird der Nationalrat über das Freihandelsabkommen beraten. Klar ist, dass bei einer frühstmöglichen Einführung im Januar 2027 «ein zweistelliger Millionenbetrag» durch fehlende Zolleinnahmen wegbrechen wird, so Donat Schneider. Und dennoch: Der Versteigerungspreis könnte diesen Verlust mehr oder weniger kompensieren.
Das Bundesamt für Landwirtschaft führt die Importfreigaben und diese Versteigerungen durch. Die Branche, vertreten durch den Verwaltungsrat von Proviande, stellt Anträge für die jeweilige Freigabeperiode an das BLW. Deshalb ist die Branche für die Umsetzung des Abkommens auf das Bundesamt für Landwirtschaft angewiesen, wie Schneider in Erinnerung ruft.
Fleischherkunft ist der Konsumentenschaft wichtig
«Sofern das BLW die technische Umsetzung des Abkommens gemäss dem Vorschlag der Branche vollzieht, kann das Abkommen umgesetzt werden, ohne dass die inländischen Fleischproduzenten wirtschaftlichen Schaden nehmen.»
Sofern das BLW die technische Umsetzung des Abkommens gemäss dem Vorschlag der Branche vollzieht, kann das Abkommen umgesetzt werden, ohne dass die inländischen Fleischproduzenten wirtschaftlichen Schaden nehmen, so seine Einschätzung. Denn: Laut einer Umfrage der Firma Agro Marketing Suisse ist der Konsumentenschaft die Herkunft von Fleisch und Fleischprodukten nach wie vor wichtig.