Sie haben Ihren Betrieb Anfang des letzten Jahres an Ihren Sohn übergeben. Wie sieht Ihr Leben als Pensionär momentan aus?

Franz Hagenbuch: Eigentlich hat sich nach der Betriebsübergabe nicht viel verändert. Es gab einzig einen Rollentausch. Nun bin ich angestellt und mein Sohn ist der Betriebsleiter. Ich lebe jetzt nach dem Motto: «Arbeit gibt zu tun – Freizeit aber auch!»

Sie sind seit zehn Jahren Präsident von der Vereinigung Swiss Beef. Nun haben Sie angekündigt, 2027 auf Ende der Amtsperiode zurückzutreten. Wie ist Ihr Verband aufgestellt?

Swiss Beef hat total 520 stimmberechtigte Aktivmitglieder und hat drei regionale Sektionen. Unsere Vereinigung setzt sich im Interesse der Rindermäster für optimale Rahmenbedingungen für die Produktion und am Markt ein und ist Ansprechpartner für Politik, Handel, Verarbeiter sowie Forschung und Ausbildung. Bei der Mehrheit unserer Mitglieder ist die Rindermast der Hauptbetriebszweig. Entsprechend sind sie stark dem Markt ausgesetzt, arbeiten effizient und sind vielfach im Verband stark engagiert.

Warum setzen Sie auf Ihrem Hof in Rottenschwil AG auf die Grossviehmast?

Schon der Vorgänger, von welchem mein Vater den Betrieb kaufen konnte, mästete Grossvieh. Entsprechend sind die Stallungen darauf ausgerichtet. Die Region ist ideal für den Anbau von Silomais, welcher zwei Drittel der Ration unserer Tiere ausmacht. Muni zu mästen ist eine professionelle und effiziente Fleischproduktion. 

Erreichen die Tiere eine gute Taxation, macht uns das stolz und die Abnehmer zufrieden. Die Grossviehmast ist aber nur ein Betriebszweig auf unserem 50 Hektaren grossen Hof. Wir halten auch rund 25 Pferde. Zudem produzieren wir nebst Silomais auf jeweils mehreren Hektaren auch Kartoffeln, Raps, Getreide, Bimi-Broccoli und Süsskartoffeln. Rund acht Hektaren sind Biodiversitätsförderflächen mit zahlreichen Obstbäumen.[IMG 2]

Aus der Bevölkerung und der Politik häufen sich die Forderungen, dass auf Ackerflächen nicht mehr Futter für Tiere produziert, sondern Kulturen für die direkte menschliche Ernährung angebaut werden sollen. Was ist der Grund, dass Sie bei der Tierhaltung verbleiben?

Auf einem grossen Teil der Betriebsfläche bauen wir heute schon Kulturen für die direkte menschliche Ernährung an. Dank der Tierhaltung erhalten wir wertvollen Mist, der für die Bodenstruktur auf unseren Ackerböden wichtig ist. 

Wir und auch viele andere Tierhalter in Ackerbaugebieten haben zudem in den letzten Jahren immer wieder in Stallungen investiert. Ob ein Milchbauer oder ein Grossviehmäster – wer in den letzten Jahren einen Stall baute, der hat Millionen in die Hand genommen und kann nicht einfach aus dieser Produktion aussteigen. 

Der Hauptgrund für die Tierhaltung in Ackerbaugebieten ist aber schlichtweg die Marktsituation. Der Fleischkonsum steigt tendenziell. Kartoffeln oder Brotgetreide produzieren wir in der Schweiz schon genug und das Marktvolumen von Nischenprodukten wie Soja, Lupinen oder Kichererbsen ist auch beschränkt.

Auf der aktualisierten Schweizer Lebensmittelpyramide wurde das Rindsteak durch das Pouletschnitzel ersetzt. Was halten Sie davon?

Abo Mehrere Vorstösse Lebensmittel-Pyramide «irreführend»: Nationalrat fordert Alternativen Dienstag, 17. März 2026 In der Schweiz sind 70 Prozent der Flächen Grasland und darum nur vom Wiederkäuer verwertbar. Wenn in so einem Land Poulet anstelle von rotem Fleisch propagiert wird, läuft vieles falsch. Es wurde bei der Aktualisierung der Schweizer Lebensmittelpyramide ein völlig falscher Ansatz gewählt: Richtig wäre, erst einmal zu eruieren, was in unserem Land wächst, und dann die Empfehlungen danach auszurichten.

Sie halten auf Ihrem Hof 200 Mastmunis. Die älteren Tiere stehen auf gummierten Vollspaltenböden. Führt diese Tierhaltung bei Hofbesuchen nicht zu Diskussionen?

Unsere Stalltüren sind offen, wir kommunizieren offen und transparent. Die Haltung der Kälber im Tierstreustall wird mehrheitlich als vorbildlich wahrgenommen, die Haltung der grossen Munis auf den gummierten Spaltenböden muss man sachlich erklären. 

Zu Diskussionen kommt es meist, weil die Tiere nicht raus können. Gerade an heissen Sommertagen erkennen aber die Besucher, dass die Haltung im kühlen und fliegenfreien Stall für die Tiere angenehmer ist als an der prallen Sonne auf der Weide.

Warum ist eigentlich die konventionelle Grossviehmast in der Schweiz immer noch so erfolgreich? Es gäbe ja mit Natura Beef und anderen Labels Alternativen.

Ganz einfach, weil es eine grosse Nachfrage nach guter und konstanter Qualität gibt. Es ist eigentlich tragisch: Auch bei den Grossviehmästern gibt es viele Labelmäster mit Ställen mit eingestreuten Liegeflächen oder Liegeboxen und Auslauf. 

Leider können die Tiere von mehr als 100 Betrieben, welche für teures Geld Tierwohlställe gebaut haben, wegen mangelnder Nachfrage nicht im Label IP-Suisse abgesetzt werden. Das sind weit über 10 000 Banktiere, jedes Jahr! 

Auch wenn natürlich Produktionssysteme wie Natura Beef in vielen Bereichen vorbildlich sind und auch als Imageträger für uns Rindermäster sehr wertvoll sind, produzieren diese doch im Hochpreissegment. Es gibt aber nun mal auch in der Schweiz Menschen mit mittleren Einkommen, die sich gerne ein gutes Stück Fleisch leisten möchten.

Die konventionelle Grossviehmast ist aber nur infolge des hohen Grenzschutzes wirtschaftlich so interessant. Fürchten Sie angesichts Abkommen wie Mercosur nicht vor einem Preiszerfall?

Wir importieren jetzt schon mehr Fleisch zollfrei, als im Mercosur- und im Abkommen mit den USA vorgesehen ist. Dennoch müssen wir natürlich aufmerksam sein. Wenn zukünftig noch weitere Abkommen dazukommen, könnten wir ein Problem bekommen. Wichtig ist, dass Proviande auch zukünftig festlegen kann, wann die Importe stattfinden. Ansonsten kommt es zu einem kurzfristigen Überangebot und zu Preiseinbrüchen. Grenzschutz ist selbstverständlich nicht nur für die konventionelle Grossviehmast wichtig, sondern für das ganze Segment der Rind- und Kalbfleischproduktion.

Die Gefahr, dass es bei den Zöllen zu Veränderungen kommt und die Preise dadurch sinken, besteht natürlich: Momentan sehe ich aber weniger Druck vom Ausland, sondern eher von der Schweizer Politik und von der Marktseite her. Entsprechend muss unser Verband wachsam bleiben. Mögliche Zollanpassungen hätten aber grosse Auswirkungen auf die ganze Rindviehhaltung. Wenn es den Grossviehmästern schlechter geht, erodiert der ganze Rindfleischmarkt. Dann kämen auch der Schlachtkuhpreis und folglich auch der Nutzviehpreis stark unter Druck. Vielen ist gar nicht bewusst, dass auch praktisch alle Labelpreise direkt an den QM-Basispreis angebunden sind. Auch für Tränkerkälber würde dann wohl niemand mehr 1000 Franken zahlen.

Die von den Grossviehmästern bezahlten hohen Preise für Tränker sorgen aber auch für Unmut. Gerade bäuerliche Kälbermäster klagen, dass sie ihre Kälber überteuert einkaufen müssen.

Markt ist nun einmal Markt. Wenn im Sommer die Kälber rar sind, treiben die Kälbermäster die Preise nach oben, da sie von guten Preisen vor Weihnachten für ihre Mastkälber profitieren können. Und die Milchbauern sind ja auch froh, wenn sie ihre Kälber zu guten Preisen verkaufen können.

Apropos Tränkekälber: Wie stehen Sie zur obligatorischen Kälberimpfung?

Kälbermast Impf-Obligatorium in der Kälbermast: zwei Betriebe, zwei Bilanzen Mittwoch, 11. März 2026 Die obligatorische Kälberimpfung war überfällig, wir Grossviehmäster setzten uns für diese schon seit Jahren ein. Die Impfung ist bei der Kälbergesundheit sicher nicht das Ende der Fahnenstange, hat aber schon zu grossen Verbesserungen geführt. Kälber kommen jetzt vitaler auf den Mastbetrieb.

Wo sehen Sie denn bei der Kälbergesundheit noch Verbesserungspotenzial?

Erstens möchte ich erwähnen, dass die Kälber heute auf den Milchviehbetrieben mehrheitlich besser versorgt werden als früher. Die Tiere erhalten viel Milch und werden nicht, wie es früher auch gelehrt wurde, nur „grossgehungert“. 

Dass aber gemäss Untersuchungen immer noch 40 Prozent aller Kälber zu wenig Kolostrum erhalten, zeigt, dass es immer noch Verbesserungspotenzial gibt. Wir Rindviehhalter müssen gemeinsam an der Tiergesundheit weiterarbeiten und den Antibiotikaverbrauch weiter reduzieren.

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Der grösste Hebel bei der Kälbergesundheit wäre aber, diese auf den Geburtsbetrieben auszumästen.

Ja, wenn man das Problem bezüglich Gesundheit nachhaltig lösen will, müssen die Kälber auf den Milchbetrieben aufgezogen werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Die Strukturen und das Futterangebot sind auf den Geburtsbetrieben aber meistens nicht vorhanden. 

Dazu kommt: Wer kein gutes Gespür für Kälber hat und nicht über die nötige Zeit zur Beobachtung und Betreuung aufbringen kann, lässt besser die Finger davon. Es gibt seit Jahren Bestrebungen, daran etwas zu ändern, bisher ohne Erfolg.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Grossviehmäster? Wie wird sich die Anzahl Betriebe entwickeln?

Eines ist klar: Der Markt setzt sich immer durch. Ich habe aufgehört, Prognosen für die Zukunft zu machen, denn es kann so schnell zu Veränderungen kommen. In der BSE-Krise, als der Fleischkonsum einbrach, musste ich mit meinen Munis auf den öffentlichen Markt, damit ich noch einen Abnehmer fand. 

Ich löste damals nur noch gut fünf Franken pro Kilogramm Schlachtgewicht. Heute liegen die Preise doppelt so hoch. Trotz der guten Marktlage gehe ich nicht davon aus, dass die Anzahl Rindermastbetriebe gross ansteigen wird. Einerseits sind bei Stallbauten Investitionen von mehreren Millionen nötig, andererseits bedingt die Grossviehmast, ähnlich wie die Milchviehhaltung, eine intensive Tierbeobachtung und Betreuung. 

Gerade bei Gesundheitsproblemen von Kälbern muss schnell reagiert werden, ansonsten drohen Tierverluste und die Wirtschaftlichkeit sinkt. Für viele junge Bäuerinnen und Bauern ist eine so betreuungsintensive Tierhaltung heute zu wenig attraktiv.