Seit der Einführung des Impf-Obligatoriums gegen Atemwegserkrankungen in der Kälbermast ziehen Grossviehmäster Thomas Fehr aus dem St. Galler Rheintal und Michael Gilgen, Betriebsleiter eines Geburtsbetriebs aus Oberwangen bei Bern, Bilanz.

«Beim alten System wusste ich, dass die Kälber geimpft sind»

Der Grossviehmäster Thomas Fehr erhält Kälber, die bereits geimpft sind, und erlebt dadurch eine veränderte Arbeitsweise. «Beim alten System wusste ich, dass die Kälber geimpft sind, weil ich die Impfung selbst durchgeführt habe», sagt er. Heute müsse er darauf vertrauen, dass auf dem Geburtsbetrieb korrekt geimpft werde. Diese Umstellung führt für ihn zu einem gewissen Unbehagen: «Man fragt sich schon, ob wirklich alle Masttiere korrekt geimpft sind.» Er schlägt vor, die Impfung verbindlich im Begleitdokument zu vermerken, um Nachvollziehbarkeit und Vertrauen zu stärken.

Michael Gilgen beurteilt die Zusammenarbeit mit den Tierärzt(innen) hingegen positiv. Der Impfstoff sei stets verfügbar gewesen. Zwar sei mit dem neuen System ein deutlicher Mehraufwand verbunden – sowohl finanziell als auch arbeitstechnisch. Doch er betont: «Wenn es einen Erfolg beim Antibiotika-Einsatz bringt, sind wir bereit, den Mehraufwand einzugehen.»

Unterschiedliche Erfahrungen gemacht

Thomas Fehr beurteilt die gesundheitlichen Auswirkungen zurückhaltend: «Die Gesundheit der Kälber hat sich seit der Einführung nicht verändert, sie ist gleich geblieben.» Auch eine Reduktion des Antibiotika-Einsatzes sei bisher nicht sichtbar: «Das System kann vielleicht helfen, aber ich rechne nicht mit einer grundlegenden Veränderung.»

Auch Michael Gilgen erklärt, dass sich die Gesundheit der Kälber auf seinem Betrieb nicht relevant verändert habe. Saisonale Zunahmen von Krankheitsfällen seien normal. Einzelne Fälle wie Lungenentzündungen oder Nasenausfluss träten weiterhin auf, bewegten sich jedoch in einem tiefen, normalen Rahmen. Da die Kälber seinen Betrieb spätestens mit 50 Tagen verlassen und kein direkter Austausch mit Mastbetrieben besteht, könne er den Einfluss der Impfung in der Mast nur begrenzt beurteilen.

Langfristig zeigt er sich dennoch zuversichtlich: «Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass wir einen Fortschritt erzielen können.»

Impfung als Baustein im Gesamtsystem

Für Thomas Fehr ist die Impfung nur ein Teil eines komplexen Gesamtsystems: «Das Wichtigste ist ein gesundes und vitales Kalb, um einen gesunden Muni auszumästen.» Besonders die frühe Kolostrumversorgung spiele eine zentrale Rolle für die Widerstandskraft der Tiere.

Auch Michael Gilgen betont, dass die Impfung allein nicht ausreiche: «Ich glaube jedoch auch, dass noch mehr Massnahmen nötig sein werden – wie eben die regionalere Zusammenarbeit zwischen Milchvieh- und Mastbetrieben.» Sein Ansatz sei klar: «Die Tränkekälber vom Geburtsbetrieb gehen immer direkt zum gleichen Mastbetrieb. Kein Kontakt mit vielen anderen Kälbern an Märkten und auch keine langen Transportwege, was viel Stress auslöst.»

Kosten und Nutzen aus Sicht der Betriebe

Für Thomas Fehr bringt die Umstellung einen kleinen finanziellen Vorteil, da er Impfungen nicht mehr selbst durchführen muss. Grössere wirtschaftliche Veränderungen hat er bisher nicht festgestellt.

Michael Gilgen nennt konkrete Zahlen: «Die Impfung kostet etwa 13 Franken pro Kalb. Bei rund 45 Tränkekälbern pro Jahr sind das rund 600 Franken.» Er sieht dies als bewusste Investition in die Antibiotikareduktion und in die Imagepflege der Landwirtschaft – auch wenn der Mehraufwand deutlich spürbar ist.