Die Schweiz gilt international als vorbildlich im Umgang mit Veterinärantibiotika. Stimmt, wenn man die gesamte verkaufte Wirkstoffmenge anschaut. Wer aber im BLV-Dashboard gezielt nach Milchkühen filtert, sieht ein anderes Bild: 2021 wurden in der Schweiz rund 380 000 Antibiotikabehandlungen bei Milchkühen registriert. 2024 waren es 549 072. Pro 1000 Tiere stieg die Behandlungsrate im selben Zeitraum von 730 auf 1067.
Einen Teil dieses Anstiegs führt das BLV auf Änderungen im Meldesystem zurück. Seit 2023 können unspezifische Tierkategorien nicht mehr erfasst werden, und viele Praxen wechselten von der «Abgabe auf Vorrat» zur Therapiemeldung. Was nach dieser Bereinigung bleibt, hält das BLV im Bericht 2024 schwarz auf weiss fest: Die Entwicklungen bei Wirkstoffmenge und Behandlungszahlen zeigten «keinen abnehmenden Trend im Antibiotikaverbrauch bei Tieren der Rindergattung». Statistisch gesehen wird jede Schweizer Milchkuh heute mehr als einmal pro Jahr antibiotisch behandelt.
Eine schwedische Studie schlägt Alarm
In diese Situation platzt eine Studie aus Schweden, die aufhorchen lässt. Forscher der Universität Uppsala haben bei fast 15 000 Menschen nachgewiesen, dass eine einzige Antibiotikabehandlung die Zusammensetzung der Darmflora noch vier bis acht Jahre später messbar beeinflusst. Die Artenvielfalt der Darmbakterien nimmt ab. Bestimmte Arten fehlen oder sind in falschen Mengenverhältnissen vorhanden. Eine geringe Artenvielfalt im Darm ist mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Darmkrebs assoziiert. Beim Menschen. Was dasselbe für eine Milchkuh bedeutet, die im Laufe ihres Lebens dutzendfach behandelt und deren Milch täglich von Millionen Menschen konsumiert wird, hat die Forschung noch nicht beantwortet.

Nicht jedes Antibiotikum ist gleich
Die Studie, im März 2026 in der Fachzeitschrift «Nature Medicine» erschienen, zeigt klare Unterschiede zwischen den Wirkstoffen. Clindamycin, Fluorochinolone und Flucloxacillin hinterlassen die tiefsten Spuren. Wer einmal mit Clindamycin behandelt wurde, wies im Schnitt 47 weniger nachweisbare Bakterienarten im Darm auf als eine unbehandelte Person. Beim häufig eingesetzten Penicillin V waren kaum messbare Langzeiteffekte feststellbar.
Die schwedischen Forscher heben explizit hervor, dass ihr Land einen restriktiven Umgang mit Veterinärantibiotika pflegt. Das nennen sie als Stärke ihrer Studie, weil es die Ergebnisse weniger durch Rückstände in Lebensmitteln verfälscht.
Wie sieht es in der Schweiz aus? Auf Anfrage der BauernZeitung schreibt BLV-Mediensprecherin Tiziana Boebner-Lombardo, die Schweiz gehöre «im europäischen Vergleich zu den Ländern mit einem tiefen Antibiotikaeinsatz in der Veterinärmedizin». Insgesamt stimmt das: 2024 wurden 3,7 Prozent weniger Antibiotika verkauft als im Vorjahr, rund 44 Prozent weniger als 2015. Gemäss dem letzten verfügbaren europäischen Vergleichsbericht gehört die Schweiz zu den 25 Prozent der Länder mit den niedrigsten Verkaufsmengen. Bei den Milchkühen stimmt es aber nicht mehr uneingeschränkt.
Rückstände: mehrstufig kontrolliert, aber nicht restlos beantwortet
Was die Studie als offene Frage stehen lässt – ob Antibiotikarückstände in tierischen Lebensmitteln Mikrobiom-Effekte beim Menschen auslösen –, beantwortet das BLV mit Verweis auf ein mehrstufiges System. Tierarzneimittel werden nur zugelassen, wenn die Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit erfüllt sind. Absetzfristen schreiben vor, wie viel Zeit zwischen der letzten Behandlung und der Nutzung von Milch, Fleisch oder Eiern vergehen muss, damit allfällige Rückstände unter den gesetzlich festgelegten Höchstgehalten liegen. Die Einhaltung wird im Rahmen des Nationalen Fremdstoffuntersuchungsprogramms überwacht und durch risikobasierte Stichprobenkontrollen in Schlachthöfen ergänzt.
Was die schwedische Studie damit aber nicht beantwortet – nämlich ob Rückstände knapp unterhalb der Grenzwerte auf Dauer die menschliche Darmflora beeinflussen –, bleibt offen. Das Kontrollsystem ist auf zugelassene Höchstgehalte ausgerichtet, nicht auf Langzeiteffekte im Mikrobiom.
Kein Mikrobiom, das sich erholen kann
Eine Milchkuh, die statistisch mehr als einmal pro Jahr antibiotisch behandelt wird, hat kaum Zeit, ihr Darmmikrobiom zwischen den Behandlungen wieder aufzubauen. Die Studie zeigt, dass sich die Darmflora nach einer Behandlung teilweise erholt, am schnellsten in den ersten zwei Jahren, danach sehr viel langsamer. Bei mehrfachen Behandlungen in kurzer Folge kommt dieser Erholungsprozess kaum zum Abschluss. Was das für Leistungsfähigkeit, Immunabwehr und Fruchtbarkeit eines Tieres bedeutet, das sein Mikrobiom nie vollständig regeneriert, ist noch kaum erforscht. Im Schweizer Monitoring wird es überhaupt nicht erfasst: Das BLV bestätigt auf Anfrage, dass Effekte von Antibiotika auf die Darmflora von Nutztieren im nationalen Überwachungssystem nicht abgebildet werden. Die Frage scheint berechtigt und dringend – aber sie stellt noch niemand systematisch.
Auf vielen Betrieben gibt es schon heute Antworten, auch wenn die meisten Bäuerinnen und Bauern sie nicht Mikrobiom-Management nennen. Wer auf konsequentes Herdenmanagement, Prophylaxe und im Krankheitsfall zunächst auf pflanzliche Mittel setzt, berichtet regelmässig, dass seine Tiere robuster sind, seltener Rückfälle erleiden und insgesamt weniger Behandlungen brauchen. Der Zusammenhang zur Mikrobiom-Forschung ist derselbe: Ein intakter Darm ist keine Begleiterscheinung der Tiergesundheit, er ist ihre Grundlage.
Antibiotika retten Leben
Klar muss auch sein: Antibiotika retten Leben. Bei einer schweren Euterentzündung, einer Gebärmutterinfektion oder einer Kälberpneumonie ist Verzicht keine Option. Die Frage lautet nicht, ob Antibiotika eingesetzt werden. Die Frage lautet, ob jede Behandlung wirklich notwendig ist, ob das richtige Mittel gewählt wird und ob der Betrieb systematisch daran arbeitet, die Behandlungsfrequenz zu senken.
Bestandestierärzte, die prophylaktisch beraten und Schwachstellen im Stall identifizieren, leisten genau das. Qualitätsprogramme wie IP-Suisse und Bio Suisse fordern es. Die BLV-Daten zeigen, wie selten es Realität ist.
BLV benennt das Problem
Das BLV benennt das Problem klar. «Besonders bei Milchvieh und in der Kälbermast müssen Ansätze entwickelt werden, die den Antibiotikaverbrauch ohne negative Effekte auf die Tiergesundheit und das Tierwohl senken», schreibt die Behörde im Bericht 2024. Anders als bei den Schweinen, wo der Verbrauch seit Jahren sinkt, zeige sich bei den Rindern kein abnehmender Trend.
Auf die Frage, welche Wirkstoffe in der Nutztierhaltung am häufigsten eingesetzt werden und wie die drei in der schwedischen Studie als besonders problematisch identifizierten Substanzen in der Schweiz geregelt sind, antwortet Tiziana Boebner-Lombardo differenziert. Clindamycin sei «nur für Hunde zugelassen; Einsatz bei Nutztieren nicht erlaubt». Flucloxacillin sei «nur in der Humanmedizin zugelassen». Beide fallen für Schweizer Nutztiere also weg.
Fluorochinolone hingegen sind in der Veterinärmedizin zugelassen, gelten aber als kritische Antibiotika. Der Verbrauch bei Nutztieren sei von 169 Kilogramm im Jahr 2021 auf 123 Kilogramm 2024 gesunken, schreibt das BLV. Der Einsatz kritischer Antibiotika insgesamt – darunter neben Fluorchinolonen auch Makrolide und Cephalosporine der dritten und vierten Generation – sei seit 2015 um 79 Prozent zurückgegangen. Fluorchinolone würden «nur zum eingeschränkten Gebrauch nach Antibiogramm empfohlen, wenn andere Antibiotika nicht wirken».
Auf die Frage, ob Leitlinien den Mikrobiom-Impact bei der Wirkstoffwahl berücksichtigen, ist die Antwort knapp: «Die Leitlinien sind allerdings nicht auf das Mikrobiom ausgerichtet.» Das könnte sich ändern. Der Nutztierleitfaden werde voraussichtlich im Juni 2026 aktualisiert, schreibt Tiziana Boebner-Lombardo, und sehe für fast alle Indikationen neu andere First- und Second-Line-Antibiotika vor.
Das BLV führt Gespräche mit den betroffenen Branchenverbänden. Parallel berät das Parlament 2026 über die Revision des Epidemiengesetzes, das auch im Veterinärbereich neue Instrumente schafft. Was dabei konkret vereinbart und beschlossen wird, zeigen die nächsten Berichte. Bis dahin steigt die Kurve weiter.
Am Ende ihrer Studie formulieren die schwedischen Forscher eine klare Empfehlung: Die Ergebnisse sollten zukünftige Leitlinien beeinflussen und, wo immer möglich, sollte der Einsatz von Antibiotika mit geringerem Mikrobiom-Impact bevorzugt werden. Für die Humanmedizin. Genauso gilt das für die Tiermedizin. Und für jeden Schweizer Milchviehstall, in dem 2024 mehr Antibiotikabehandlungen stattgefunden haben als je zuvor.
Was das revidierte Epidemiengesetz bringen soll
Das Parlament berät 2026 über die Teilrevision des Epidemiengesetzes. Der Bundesrat hat die Botschaft am 20. August 2025 verabschiedet. Ziel sind verbindliche Massnahmen gegen Antibiotikaresistenzen im Rahmen des nationalen Aktionsplans StAR 2024–2027. Spitäler müssen ihren Antibiotikaverbrauch künftig verpflichtend melden. Bisher geschah das freiwillig. Arztpraxen erhalten regelmässig ein vertrauliches Benchmarking ihres Verschreibungsverhaltens, ohne dass Behörden daraus Sanktionen ableiten können. Spitäler werden verpflichtet, eigene Screening-Richtlinien für resistente Erreger einzuführen. Bei ungenügender Umsetzung kann der Bundesrat verbindliche Vorgaben erlassen. Bei Patiententransfers muss die aufnehmende Einrichtung vorab über eine bekannte oder vermutete Kolonisation informiert werden. Für neue Antibiotika soll ein Subskriptionsmodell geschaffen werden. Unternehmen erhalten Jahrespauschalen, wenn sie wirksame neue Mittel bereitstellen, unabhängig davon, wie oft das Medikament eingesetzt wird. Das soll den sparsamen Gebrauch fördern, weil der Unternehmensertrag nicht mehr vom Absatzvolumen abhängt. Genetische Sequenzierungen von Krankheitserregern aus Mensch, Tier und Umwelt sollen in einem nationalen Informationssystem zusammengeführt werden, damit Übertragungswege von Resistenzen besser erkannt werden können.
Neuer Benchmark für Schafe und Ziegen
Auf der Plattform Abidat können Tierhalterinnen und Tierhalter ihren Antibiotikaverbrauch mit demjenigen anderer Betriebe vergleichen. Bisher war das nur für Rinder möglich. Seit Mitte April 2026 sind auch Schafe und Ziegen erfasst. Der Benchmark zeigt mit einfachen Grafiken, wie der eigene Tierbehandlungsindex und der Anteil der Wirkstoffabgabe auf Vorrat im Vergleich zu Betrieben mit derselben Tierart und Nutzungskategorie stehen. Beim Tierbehandlungsindex sind Signal- und Aktionswerte hinterlegt, die anzeigen, wo ein Betrieb steht und ab wann Handlungsbedarf besteht. Abidat ist eine Massnahme im Rahmen der Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR).

