Ein Muni frisst, steht auf, legt sich hin, steht wieder auf. Wechselt, wechselt, wechselt. Was wie Lebhaftigkeit aussieht, kann ein Warnsignal sein. Unruheverhalten bei Mastmunis steht im Verdacht, mit Pansenübersäuerung und Lahmheit zusammenzuhängen – zwei Probleme, die in der konventionellen Munimast als verbreitet gelten, aber kaum systematisch erfasst sind. Das will das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen jetzt ändern.
Ab dem 1. Juli 2026 läuft das Forschungsprojekt «Einfluss von Raufutterangebot und Haltungsbedingungen auf Pansen-, Klauen- und mentale Gesundheit bei Mastmunis» am BLV-Zentrum für tiergerechte Haltung: Wiederkäuer und Schweine. Projektleiterin ist Christina Rufener. Das Budget beträgt knapp 384 000 Franken, die Laufzeit geht bis Ende Juni 2028.
Das Problem
Mastmuni fressen in der Schweiz meist eine Mischration aus überwiegend Maissilage, wenig Grassilage und noch weniger Heu oder Stroh. Das Kraftfutter wird meistens separat auf mehrere Gaben verteilt gefüttert, zum Beispiel mit einem Feed-Boy. Das Problem dabei: Rinder sind Wiederkäuer. Fehlt die Struktur in der Ration, sinkt die Kautätigkeit, damit der Speichelfluss und damit der natürliche Säurepuffer im Pansen. Der pH-Wert fällt, das Pansenmikrobiom gerät aus dem Gleichgewicht. Die Folgen reichen von Stoffwechselstörungen über Leberabszesse bis zu Klauenrehe. Im schlimmsten Fall gelangen Endotoxine in den Blutkreislauf.
Subakute Pansenazidose (SAPA) ist dabei besonders heimtückisch: Sie schleicht sich ein, zeigt kaum eindeutige Symptome – und wird deshalb oft erst am Schlachthof sichtbar, wenn Leber oder Klauen bereits Schaden genommen haben.
«Ein Muni ist keine Sau»
Franz Hagenbuch, Präsident von Swiss Beef CH und selbst Munimäster in Rottenschwil AG, reagiert auf das neue Projekt mit verhaltener Skepsis. Die Zusammenhänge zwischen Fütterung, Unruhe und Tiergesundheit seien unter Mästern «sehr wohl und erst noch seit Langem bekannt». Sein Kommentar dazu fällt knapp aus: «Muni, aber auch ein Rind oder eine Kuh, ist keine Sau.» Das Problem stelle sich vor allem bei Mastmuni, weil dort der Kraftfutteranteil in der Ration am höchsten sei. Und: «Muni können nun einmal nicht extensiv gemästet werden.»
Mäster, die mit ihren Tieren in eine chronische Pansenazidose liefen, hätten ein akutes Gesundheitsproblem – weshalb das laut Hagenbuch kaum mehr vorkomme. Die Verdauung der Tiere funktioniere «tadellos». Aber eben: nur für die Mastdauer. «Tatsache ist, dass die Muni mit dieser Fütterung nicht zehn Jahre alt würden. Das gäbe vorher gesundheitliche Probleme mit dem Pansen. Bekannterweise werden sie aber auch nicht zehn Jahre gemästet.»
Unruhe, Durchfall, Schwanzspitzennekrose
Aber wie bemerkt nun ein Mäster in der Praxis, dass er ein SAPA-Problem hat? Franz Hagenbuch nennt drei Zeichen: «Durch die Unruhe der Tiere, eventuell akuten Durchfall und durch die ‹Faktorenkrankheit› Schwanzspitzennekrose.»
Das Thema mentale Gesundheit und Langeweile lässt Hagenbuch wenig gelten: «Wenn sie genug wiederkäuen müssen, hält sich die Langeweile in Grenzen. Eben, ein Muni ist keine Sau.» Von den Forschungsergebnissen erwartet er wenig – und bringt seine Skepsis gegenüber praxisfremden Schlussfolgerungen auf den Punkt: «Ich erwarte einmal mehr nicht viel. Vielleicht kommt ja jemand auf die Idee, dass ein täglicher Weidegang in Begleitung noch bekömmlich wäre.»
Der Schweizer Sonderfall
Jonas Salzmann, Bereichsleiter Marketing bei der UFA AG in Herzogenbuchsee BE, erklärt zunächst, warum die Schweizer Munimast eine besondere Ausgangslage hat: «Da die Schweizer Konsumenten keine zu grossen Fleischstücke möchten, werden unsere Muni bereits mit 530 kg geschlachtet.»
Damit die Mast trotzdem wirtschaftlich bleibe, bräuchten die Tiere eine genügende Fettabdeckung der Klasse 3 bis 4 – sonst drohten Abzüge am Schlachthof. Der Haken: Fett setzen Rinder erst an, wenn der maximale Tageszuwachs an Muskel überschritten ist. «Die Kunst besteht darin, junge Tiere zu haben – rund 330 Masttage –, welche bereits die Fettabdeckung eines älteren Tieres aufweisen.» Im Ausland würden Muni erst ab 800 kg Lebendgewicht geschlachtet. Diesen Zeitdruck gebe es dort nicht.
Wie kraftfutterlastig sind Schweizer Rationen wirklich? Salzmann relativiert: Eine kraftfutterlastige Ration sei für ihn eine, bei der das Kraftfutter über 80 Prozent ausmache. «Auch die Munimäster sind sehr gute Raufutterproduzenten und setzen viel eigenes Grundfutter ein.» UFA teste seit rund zwei Jahren auf einem Betrieb ein Futter, das 75 Prozent der Ration abdecke. Die Nachfrage danach sei aber gering, weil die meisten Betriebe in maisanbaufähigen Lagen seien. «Die grössten Herausforderungen haben wir bei Betrieben, die immer noch Powermais produzieren.»
Als verlässlichstes Frühwarnsignal für SAPA gilt Salzmann ebenfalls die Unruhe: «Das ist oft ein Warnsignal für übersäuerte Muni.» Die Unruhe beeinflusse danach auch den Trockensubstanzverzehr und damit die Tageszunahmen. Gleichzeitig warnt er vor zu einseitigen Gegenmassnahmen: «Wenn die Gegenmassnahme mit zu viel Struktur und Fasern zu extrem ist, leidet wiederum der Verzehr und durch den Verdünnungseffekt die Leistung.»
Wenn der Mais «schneller» wird
Das UFA-Fütterungssystem TORO W-FOS erlaubt laut Jonas Salzmann, die Vorgänge im Pansen abzubilden und zu optimieren. Besonders zentral seien zwei Parameter: die schnell fermentierbaren Kohlenhydrate sowie der Anteil an Bypass-Stärke. «Werden diese zwei Parameter kontrolliert – mit Raufutteranalysen und passendem Ergänzungsfutter – haben wir die Muni im Griff.» Entscheidend seien dabei regelmässige Analysen der Maissilage, denn: «Diese verändert sich mit der Lagerdauer. Umgangssprachlich reden wir davon, dass der Mais ‹schneller› wird – der Bypass-Anteil nimmt ab und der Anteil an schnell fermentierbaren Kohlenhydraten zu.» Auch spiele es eine Rolle, ob Hart- oder Zahnmaissorten eingesetzt würden. Als zusätzliche Sicherheit enthielten alle UFA-Mastfutter sowohl Lebendhefen als auch Puffersubstanzen.
Hitzestress als Herausforderung
Dass die Haltungsumwelt Leistung und Gesundheit beeinflusst, belegt Salzmann mit Daten aus internen Studien. Eine Diplomarbeit aus dem Jahr 2015 habe gezeigt, dass Gruppenwechsel ab einem Lebendgewicht von 350 kg die Futterverwertung deutlich verschlechterten: «Rangkämpfe und die Unruhe verbrauchen viel Energie. Die Muni fressen ordentlich, wachsen aber nicht so, wie wir das normalerweise erwarten.» Auch Hitzestress sei eine zunehmende Herausforderung: «Wir stellen einen tieferen Verzehr, weniger Wiederkauen und mehr Unruhe durch Pansenazidose fest.»
Eine weitere Diplomarbeit hat Unterschiede zwischen Stallsystemen aufgezeigt: Muni in Tiefstrohsystemen wiesen eine etwas schlechtere Fettabdeckung auf als Tiere in Liegeboxen. Salzmann erklärt das einerseits mit einem Verdünnungseffekt – die Muni fressen etwas Stroh aus dem Liegebereich –, andererseits mit längeren Liegezeiten in Liegeboxen: «Im Tiefstroh reicht ein ‹Tubeli›, der die anderen immer beim Liegen stört.»
Dass das BLV-Projekt die Fütterungsempfehlungen grundlegend verändern würde, glaubt Salzmann nicht: «Unsere Rationen bestehen vor allem aus Raufuttern wie Mais- und Grassilage, meist im Verhältnis 80 zu 20. Ehrlich gesagt gehe ich davon aus, dass die Resultate unsere Fütterungsempfehlungen noch stärken und untermauern.»
Branche bleibt abwartend
Christophe Hutmacher, stellvertretender Leiter Geschäftsbereich Kommunikation und Leiter Fachbereich Online-Medien bei Proviande, verweist bei Schlachthofbefunden an die Kantone: «Die Erfassung von Schlachthofbefunden ist Aufgabe der kantonalen Veterinärämter.»
Zum Zusammenhang zwischen Tiergesundheit und Fleischqualität hält er fest: «Es gibt einen Konsens in der Branche darüber, dass unter anderem Aufzucht, Tiergesundheit und Haltungsform eine entscheidende Rolle spielen, wenn es um die Erzielung einer möglichst optimalen Fleischqualität geht.»
Ob neue Standards aus dem BLV-Projekt in bestehende Qualitätsprogramme übernommen würden, lässt er offen: Proviande werde sich damit auseinandersetzen und prüfen, ob und wie diese integriert werden könnten. Stärkere Qualitätsindikatoren, die Tiergesundheit direkt messen, hält Hutmacher für wenig zielführend: «Kranke Tiere erzielen in der Regel einen tieferen Ausmastgrad und eine geringere Ausbeute, wodurch die bereits bestehenden Qualitätsindikatoren ohnehin greifen.»
Drei Arbeitspakete, zwei Jahre
Das Projekt gliedert sich in drei Phasen. Zunächst wird erhoben, wie die aktuelle Fütterungs- und Haltungssituation bei Schweizer Munimästern aussieht. Dann folgt eine Feldstudie: Welchen Einfluss haben Raufutteranteil und Reizangebote in der Praxis auf Pansen-, Klauen- und Verhaltensgesundheit? Im dritten Teil wird in einem kontrollierten Experiment getestet, wie die beiden Faktoren miteinander interagieren. Neu am Ansatz ist die Kombination aus körperlicher und mentaler Gesundheit. Die Ergebnisse sollen konkrete Leitlinien für Fütterung und Haltung liefern – frühestens 2028.

