Die Alpauffahrt ist für die Familie Wüthrich aus Arni BE nicht nur eine Tradition, sondern auch ein grosser Festtag. So auch am Samstag, den 23. Mai 2026, als für Wüthrichs der 27. Alpsommer auf der Alp Längenberg oberhalb Reutigen im Berner Oberland begann. 

Seit dem Jahr 2000 gehen Wüthrichs hier oben z Bärg. «Mir chöi nid angers, mir his im Bluet», meint Arnold Wüthrich im breiten Emmentaler-Dialekt. Oben auf der Alp wird die Milch, welche nicht für die Mastkälber verwertet wird, verkäst. Mutschli und Berner Alpkäse AOP stellen sie her. Auch die Milch der 15 Ziegen wird zu Ziegenkäse verarbeitet.

Ein Augenschmaus und Paradies für Geniesser

So ist der Alpaufzug von Arnold und Tanja Wüthrich nicht nur ein Augenschmaus, sondern auch ein Paradies für Geniesser: Auf 1270 m ü. M. verbringt die Familie Wüthrich mit ihren Tieren den Alpsommer. 

Von ihrem Heimbetrieb in Arni führen sie jeweils ihre Kühe und Rinder per Viehtransporter an den Dorfeingang nach Reutigen. Die letzten acht Kilometer geht es dann aber noch zu Fuss und sennisch zu. «Wir schmücken die Tiere mit Blumen, Treicheln und Glocken und nehmen so den letzten gut zweistündigen Aufstieg auf die Alp zu Fuss in Angriff», sagt Arnold Wüthrich.

[IMG 1-9]

Simmentalerkühe mit Hörnern

Nach dem Ausladen der Tiere aus dem Transporter werden die Kühe und Rinder noch gewaschen. Denn schliesslich will man mit sauberen Tieren z Bärg. Wüthrichs sind begeisterte Reinzüchter. Die Kühe sind gut bei Leib mit einem Top-Fundament – ideal für auf den Berg. 

Alle Tiere tragen bei Wüthrichs noch Hörner. Schön geschwungen müssen sie sein, das gehöre zu einer Simmentalerkuh dazu. Jetzt werden der Blumenschmuck, die Treicheln und die Glocken montiert. 

Die Tiere wissen, worum es geht. «Sie haben es schon zu Hause bemerkt, dass es bald z Bärg geht», sagt der Landwirt. Stolz hängt Wüthrich der Leitkuh eine alte und handgeschmiedete Morier-Treichel, eine 13, um den Hals. 

Der Treichelklang geht durch Mark und Bein

«Die konnte ich einmal vor vielen Jahren kaufen», sagt Arnold Wüthrich stolz. Diese Treichel, mit einem Ton, der unter die Haut geht, ist nicht das einzige Prachtstück, das er hat. Wüthrich hat eine grosse Sammlung von eindrücklichen Morier-Treicheln, die sein Eigen sind. 

Nun sind die Tiere geschmückt, alle sind parat. «Wir nehmen jetzt noch einen Schnupf», meint Nöudu. Jetzt werden die Tiere von ihren Halftern befreit. Die Treichelkühe vorneweg, die Rinder mit ihren Glocken bilden das Schlusslicht. Die Leitkuh, mit ihrer grossen Treichel und dem tiefen Ton, gibt das Tempo vor. 

Zügig marschiert die Herde durch Reutigen, der imposante Treichelklang geht durch Mark und Bein. Von überall winken die Leute zu, einige kommen noch angerannt und wollen das Spektakel nicht verpassen. 

«Wunderschön, einfach wunderschön», sagen sie. Tatsächlich geht der Alpaufzug unter die Haut, nichts kann man dagegen tun. Ein Brauch, der nicht verloren gehen darf, ein Brauch, der noch Hunderte von Jahren weiterleben soll.

[IMG 10-17]

Es geht steil bergauf

Am Dorfende geht es dann rechts bergauf. Jetzt heisst es, zwei Stunden lang den Berg hinaufmarschieren. Der meiste Weg führt durch den Wald. Ideal bei diesen sommerlichen Temperaturen. 

Wer von den Treibern meinte, jetzt könne er es gemütlich nehmen, hat sich getäuscht. Die Kühe wollen z Berg, zügig schreiten sie voran. Die Leitkuh vorneweg, vier weitere Kühe ziehen nach. Der Treichelklang hallt durch den Wald. Nach gut einer Stunde gibt es endlich die erste Pause. 

Doch den Tieren passt es nicht, sie möchten weiterziehen. Fast im gleichen Tempo werden noch die restlichen vier Kilometer in Angriff genommen. Endlich hat man die Höhe erreicht. Hier können die Tiere aus einem grossen Brunnen trinken. Der Hirte von der Nachbarsalp wartet schon mit Getränken auf uns.

Die Hütte ist in Sicht

Jetzt geht es gemütlich und die Strasse eben weiter. Die Hütte ist schon in Sicht. Der lang gezogene Zügelzug, mit rund 30 Stück Vieh, ist schon von weither zu hören. Kurz vor Mittag ist man auf der Alp Längenberg angekommen. 

Die Kühe und Rinder kommen in den Stall, das Zügelgeläut wird durch die kleineren Alpglocken ersetzt. Die Tiere kommen dann bis zum Melken ins frische Gras. Nachher wird den ganzen Sommer hindurch nachts geweidet. «Wegen des Ungeziefers werden alle Tiere durch den Tag eingestallt», sagt Arnold Wüthrich, der Mitpächter und zugleich auch Hirte auf der Alp Längenberg ist. 

Die Alp gehört der Burgergemeine Reutigen und wird von drei Bauern gepachtet. Längenberg, mit 70 Stössen wird, als eine der melkigsten Alp der Gegend bezeichnet. Rund 130 Stück Vieh verbringen hier oben den Sommer.

[IMG 18-23]

Ein Chüjermutz gehört dazu

Ist der Alpaufzug nicht übertrieben und zu viel Aufwand? «Nein, nein», lachen alle. «Wir sind so angefressen. Und es gehört einfach dazu, mit Blumen, Treicheln und Chüjermutz z Alp zgah.» Nicht nur im Frühling, sondern auch im Herbst, wenn es wieder talwärts geht, gehört ein blumengeschmückter Alpabzug dazu. 

«Das Chüjerleben ist für uns nicht nur eine grosse Leidenschaft und Sehnsucht, sondern fast wie eine eigene Blutgruppe», fasst die Familie Wüthrich ihr Älplerleben zusammen. Diese Tradition möchten auch ihre drei Kinder weiterführen. «Für mich ist es wie ein Heimkommen, wenn wir auf die Alp gehen», sagt der Junior Samuel Wüthrich während des Alpaufzuges. 

Im dritten Lehrjahr sei er jetzt und er möchte später die Tradition der Familie weiterführen. «Als kleines Kind habe ich im Frühling meine Mutter immer gefragt: Wann gehen wir endlich nach Hause? Und im Herbst nach der Alpzeit dasselbe», sagt Arnold Wüthrich und lacht beim Erzählen der Geschichte.

[IMG 24-28]

Ein interessantes Vorstellungsgespräch

Im November 1999 haben Arnold und Tanja Wüthrich, damals 20 und 22 Jahre alt, die Alp Längenberg zum ersten Mal gesehen. Und bekamen prompt den Zuschlag. «Als wir hier oben um die Kurve kamen und die schöne Hütte sahen, wussten wir, das ist unsere Alp», weiss das Hirtenpaar noch. 

Beim Vorstellungsgespräch hiess es aber: «Cha di Fründin überhaupt Mäuche, Zunä und Schwiere ischla?», erinnern sich Tanja und Arnold Wüthrich lachend zurück. Wüthrichs haben mit der Alp Längenberg regelrecht ins Schwarze getroffen. Erstens konnten sie ihren Traum verwirklichen und zweitens können sie ihren ganzen Viehbestand mit auf die Alp nehmen. 

Heuen und Emden im Tal, während auf dem Berg gekäst wird

Doch sie haben dafür auch viel Zeit und Energie investiert. «In den Anfangsjahren mussten wir viel Arbeit in die Unkrautbekämpfung investieren», blicken sie zurück. Will man die Alp weiterhin sauber behalten, gehöre jedes Jahr die Bekämpfung von Disteln oder Blacken dazu.

 «Wenn das Wetter hält, dauert hier oben ein normaler Alpsommer bis Ende September», sagt der Landwirt Arnold Wüthrich. In dieser Zeit wird von der Älplerfamilie alles abverlangt. Müssen sie doch neben der Alp auch noch ihren Talbetrieb in Arni bewirtschaften. Arnold Wüthrich ist dann im Tal viel mit Heuen und Emden beschäftigt, während seine Frau Tanja auf dem Berg für das Käsen zuständig ist. 

«Wir haben dabei viele treue Helferinnen und Helfer», nicken beide anerkennend. Ihren heissbegehrten Käse verkaufen sie dann von der Hütte weg an die vielen Wanderer oder auch an verschiedene Läden. «Auch wenn wir dieses Jahr schon den 27. Alpsommer hier oben verbringen, ist es für uns keine Selbstverständlichkeit, wenn wir im Herbst alle gesund mit den Tieren wieder ins Tal zurückkehren können», sagt die Familie Wüthrich bestimmt.