Die Rinder grasen in kleinen Grüppchen verstreut auf der ausgedehnten Weide, als ob sie schon längst hierhergehören. Dabei sind sie erst ein paar Tage zuvor angekommen, am 8. Mai. «Wir hatten Glück, es braucht dazu zwei schöne Tage», erzählt Martin Küpfer, Hirt der Alp Lägernweide oberhalb von Schleinikon im Zürcher Unterland.
Heuer wird auf den 35 ha Weiden 84 Stück Jungvieh gesömmert, bei einer Zahl von 46 Normalstössen. Die mehrheitlich ein- bis zweijährigen Aufzuchtrinder gehören verschiedenen Rassen an. Holstein und Red Holstein überwiegen, dazu kommen einige Mutterkuhrassen wie etwa Galloway.
Alpgenossenschaft Lägernweide wurde 1904 gegründet
Die Durchmischung ist keine Selbstverständlichkeit: Die Alp gehört der Alpgenossenschaft Lägernweide. Diese wurde 1904 als «Genossenschaft für Fleckviehweiden an der Lägern» gegründet, nachdem eine entsprechende Aktiengesellschaft von 1893 aufgelöst worden war. Zweck war damals – wie bereits der Name andeutet – die Sömmerung von jungem Fleckvieh.
«Als manche Genossenschafter im Laufe der Zeit auch Braunviehrinder auf die Alp holten, war dies zunächst nicht gern gesehen», erzählt Martin Küpfer mit einem Augenzwinkern.

Immer weniger Tiere auf der Alp
Dies dürfte heute kein Problem mehr darstellen. Hingegen ist es eine Herausforderung, dass immer weniger der heute 250–300 Genossenschafter ihre Tiere auf die Alp bringen. Dies, weil sie ins Pensionsalter kommen und die jüngere Generation das Jungvieh oftmals gar nicht mehr sömmert.
«Dieses Jahr sind es noch 11 Genossenschafter, die Tiere angemeldet haben», erzählt Martin Küpfer, der die Lägernweide seit 2014 in dritter Generation bewirtschaftet. Diese liegt auf einer Höhenlage zwischen 700 und knapp 800 m ü. M. am Nordhang der Lägern und ist damit eine der tiefsten Alpen der Schweiz.
Noch niedriger liegt wohl nur die Alp Babental im Kanton Schaffhausen mit rund 600 m ü. M. Die meisten Genossenschafter kommen aus der Region Zürich und aus dem angrenzenden Aargau.

Besamungsdienst und Tierarztkontrollen gehören dazu
Einst fand jeden Frühling ein Alpaufzug statt. «Der sich zu einem wahren Festtag gestaltete», heisst es in der Chronik. Heute dagegen kommt das Vieh per Transporter auf die Alp. Vor Ort ist jeweils ein Tierarzt, der die Tiere gegen Gamsblindheit impft. Die ansteckende Bindehaut- und Hornhauterkrankung trat auf der Lägernweide erstmals im Sommer 2002 bei einigen Tieren auf.
«Dass die Alp so bequem über eine Teerstrasse befahrbar ist, ist ein grosser Vorteil», hält Martin Küpfer fest. Dazu komme, dass es während der Sömmerung einfach sei, den Tierarzt und den Besamungsdienst zu bestellen.
Diejenigen Rinder, die zur Besamung angemeldet seien, würden einfachheitshalber eine extra Gruppe bilden. Zudem sei es möglich, das Vieh bereits vor dem offiziellen Saisonende im September abzuholen.
Das Gebiet ist sehr übersichtlich
Martin Küpfer zählt auch die Vorzüge auf, die ihn als Bewirtschafter selbst betreffen: So ist die Alp nur 10 Fahrminuten von seinem eigenen Betrieb in Schleinikon ZH entfernt und ist deswegen gut mit diesem kombinierbar. Zudem hält er einige seiner Aufzuchtkälber auf der Lägernweide.
Für die täglichen Kontrollen, die morgens und abends stattfinden, läuft Küpfer durch die Weide. «Dabei lässt sich jedes Tier erfassen», sagt er. «Das Gebiet ist sehr übersichtlich». Ausserdem steht auf der Lägernweide keine Alphütte, sondern ein Wohnhaus, in dem er aufgewachsen ist und in dem nach wie vor seine Eltern leben.

Der drohenden Verbuschung Einhalt gebieten
Jeden Frühling bereitet die Familie Küpfer die Alpweiden auf die Sommersaison vor. Nebst dem Instandhalten der Zäune gilt es etwa, Blacken zu stechen, Äste wegzuräumen und Ackerkratzdisteln am Versamen zu hindern.
«Die Disteln verbreiten sich besonders hartnäckig», stellt Martin Küpfer fest. Auch der drohenden Verbuschung entlang der Waldränder und entlang der Baumhecken müsse man Einhalt gebieten. Zudem: «Zu nasse Witterung sehen wir hier nicht gern», hält der Landwirt fest.
Bereits ab einer Regenmenge von 100 mm müsse mit Trittschäden gerechnet werden. Dann sei es notwendig, die Rinder kurzzeitig im Stall unterzubringen, den die Genossenschaft vor 26 Jahren errichten liess. In den letzten Jahren hatte man es dagegen häufiger mit Trockenperioden zu tun.
Tradition der Lägernweide erhalten
«Manche Tiere müssen sich zunächst an die mageren Weiden hier gewöhnen», so der 54-Jährige. Interessant sei auch das Verhalten der Tiere während Hitzetagen: So beobachte er, dass sie sich dann nicht unter die Bäume zurückziehen würden, sondern an einem Ort dicht aneinander versammelten. «Erst abends oder bei Regen suchen sie den Schutz der Bäume», stellt er fest.

Martin Küpfer hofft, dass die Jungviehsömmerung auf der Lägernweide erhalten bleibt. «Es wäre schön, wenn auch die jüngere Generation den Wert dieser Tradition schätzen kann.»
Weitere Informationen: Am 22. und 23. August 2026 findet auf der Lägernweide eine Älplerchilbi statt.

