ABO

Obstsorte 2026: Margrith Vogelsanger bereichert ihre Schwarzwäldertorte mit «Hallauer Aemli»

Die Sauerkirsche «Hallauer Aemli» ist Obstsorte des Jahres 2026. Zu finden ist sie hauptsächlich vereinzelt in Obstgärten. So auch bei der Familie Vogelsanger im schaffhausischen Beggingen. Margrith Vogelsanger schwört bei der Schwarzwäldertorte auf die alte Sauerkirsche und einen Schuss mehr Kirsch.

Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Kirschen: Die Bäume im Obstgarten der Familie Vogelsanger im schaffhausischen Beggingen blühen um die Wette. In voller Pracht stehen derzeit die zwei Vertreter der Obstsorte des Jahres – der Sauerkirsche «Hallauer Aemli». Der jüngere der beiden wurde vor rund fünf Jahren gepflanzt, der ältere stammt aus den Sechzigerjahren. «Einige der über 100 Obstbäume sind sogar noch älter, einige sind sicher rund ein Jahrhundert alt», erzählt Margrith Vogelsanger.

Am liebsten frisch vom Baum

Damals galt das Klettgau als Beerenanbaugebiet, und in Hallau gab es eine Konservenfabrik, welche die Beeren und Obst der Region verarbeitete. Dabei waren auch Sauerkirschen gefragt. Heute dagegen spielen diese in der hiesigen Landwirtschaft nur noch eine Nebenrolle.

Vogelsangers beispielsweise haben ihre «Hallauer Aemli» allein schon wegen der geringen Menge nie vermarktet, sondern immer für sich selbst genutzt. Mit verschiedenen Verwendungszwecken: Während Hans Vogelsanger die Sauerkirschen am liebsten frisch vom Baum mag, kocht seine Frau daraus Konfitüre und friert sie für den späteren Gebrauch ein.

Obstsorte 2026: Margrith Vogelsanger bereichert ihre Schwarzwäldertorte mit «Hallauer Aemli»
Ende April 2026 standen die Blüten des «Hallauer Aemli» in voller Pracht.

Ein Schuss mehr Kirsch als angegeben

Besonders gut machen sich die Sauerkirschen in der Schwarzwäldertorte, die Margrith Vogelsanger seit Jahrzehnten regelmässig zu besonderen Anlässen zaubert. Das Rezept stamme aus dem ersten Backbuch von Betty Bossi, verrät sie. Allerdings füge sie etwas mehr Kirsch dazu als angegeben, diesen vermenge sie mit dem Saft der Aemli.

«Die Sauerkirschen kommen bei mir nur in die Füllung und keinesfalls als Verzierung auf die Torte», betont die Bäuerin. Häufig würden zur Dekoration Sauerkirschen aus dem Glas verwendet, die formstabiler seien als solche aus dem Tiefkühler. Doch die Eingemachten würden nicht so gut schmecken, findet sie. Lieber streue sie geriebene Schokolade auf die Schwarzwäldertorte, das sehe auch schön aus.

Obstsorte 2026: Margrith Vogelsanger bereichert ihre Schwarzwäldertorte mit «Hallauer Aemli»
Vogelsanger haben etwa 100 Bäume in ihrem Obstgarten. Einige davon sind rund ein Jahrhundert alt.

Manchmal vermisst sie ein «Schwumm» im See

Die gelernte Buchhändlerin lebt seit 51 Jahren oberhalb von Beggingen, einem Dorf im Randental, das direkt an der Grenze zu Deutschland liegt. Aufgewachsen ist sie in Uetikon am Zürichsee. «Manchmal vermisse ich einen Schwumm im See. Daher tut es mir gut, ab und zu einen Tag lang in der alten Heimat zu verbringen», erzählt die 77-Jährige, die während circa 25 Jahren Präsidentin des Landfrauenvereins Beggingen war. Als einer der Söhne vor 12 Jahren den Familienbetrieb mit Mastpoulets und Ackerbau übernahm, zog sie mit ihrem Mann in das Stöckli des Nachbarbetriebs, den sie zusätzlich erwerben konnten.

Obstsorte 2026: Margrith Vogelsanger bereichert ihre Schwarzwäldertorte mit «Hallauer Aemli»
Blick auf Beggingen im Randental.

Ein Obstgarten mit vielen alten Sorten

In ihrem Obstgarten sind verschiedene alte Sorten zu finden. So etwa Sauergrauech, Glockenapfel oder Augustapfel. Bei letzterem handelt es sich um einen kleinen roten Apfel, der, wie der Name andeutet, bereits im August reif ist. Die Familie verzichtet beim Obst weitgehend auf Pflanzenschutzmassnahmen wie Spritzen.

«Mal ist die Ernte klein, mal grösser», so Margrith Vogelsanger. «Bei den alten Bäumen fällt manchmal kaum mehr etwas ab». Das Obst lassen sie von einer Mosterei in Wilchingen verarbeiten. «Das Resultat ist kein allgemeines Gemisch, sondern der Saft der eigenen Äpfel», freut sie sich. Der Most wird selbst getrunken oder verschenkt. «Direktvermarktung mit einem Hofladen war bei uns nie ein Thema», sagt Vogelsanger. «Dazu sind wir hier zu abgelegen».

Das «Hallauer Aemli»

[IMG 3] Fructus, die Vereinigung zur Förderung alter Obstsorten, hat das «Hallauer Aemli» zur Schweizer Obstsorte 2026 gewählt. Dabei handelt es sich um eine alte Schweizer Sauerkirschensorte aus der Gruppe der Amarellen, von denen sich ihr Name ableitet. Laut Fructus steht das «Hallauer Aemli» exemplarisch für das Potenzial alter Sauerkirschensorten in einer für den Obstbau herausfordernden Zeit. Besonders im Kontext der Kirschessigfliege erhält sie eine neue Bedeutung: Der gedrungene Wuchs der Sauerkirchensorte erlaubt ein einfaches Einnetzen. Die Sorte gedeiht auch im Halbschatten und ist widerstandsfähig gegen Frost, zudem gelten die Früchte als wenig fäulnisanfällig. Synonyme des «Hallauer Aemli» sind beispielsweise «Aemli», «Landschäftler Weichsel», «Klettgauer Perle» oder «Ömeli». Laut Fructus kursierten zahlreiche, kaum unterscheidbare Formen unter diesen Namen. Das «Hallauer Aemli» hat sich dabei als die am weitesten verbreitete Sorte in der Schweiz herausgestellt.

Weiterlesen