Vergiftung in Schnottwil: Biozide können Bienen töten – auch ausserhalb des Ackerbaus
Der Fall aus Schnottwil SO sorgte für Schlagzeilen. Ende August und Anfang September 2025 stellte der Imker Ernst Ruchti bei drei seiner Bienenvölker grosse Mengen toter Bienen fest. Die Laboranalyse bestätigte später eine akute Vergiftung mit dem Wirkstoff Thiamethoxam sowie dessen Abbauprodukt Clothianidin. Beide Stoffe gehören zu den hochwirksamen Neonicotinoiden.
Für viele Landwirte überraschend: Die Wirkstoffe stammen heute nicht mehr aus regulär eingesetzten Pflanzenschutzmitteln im Feldbau. Seit mehreren Jahren sind entsprechende Anwendungen in der Schweiz verboten. Dennoch gelangen diese Stoffe weiterhin in die Umwelt – nämlich über Biozid-Produkte zur Fliegenbekämpfung in Ställen.
Der Verdachtsfall in Schnottwil
Der Bienengesundheitsdienst erhielt im September 2025 Proben von betroffenen Bienenvölkern aus dem Raum Schnottwil. Die Untersuchung zeigte hohe Rückstände von Thiamethoxam und Clothianidin. Die gemessenen Konzentrationen lagen deutlich über den bekannten tödlichen Dosen für Honigbienen. Die Fachstellen stuften den Fall deshalb als «sehr starke akute Vergiftung» ein.

Da Thiamethoxam im Pflanzenschutz nicht mehr regulär verwendet werden darf, richtete sich der Verdacht auf mögliche verbotene Anwendungen in Gärten und auf Biozide gegen Fliegen. Diese Produkte werden in Ställen eingesetzt und enthalten neben dem Wirkstoff oft Zucker oder andere Lockstoffe. Dadurch können nicht nur Fliegen, sondern auch Bienen angelockt werden.
Biozide sind nicht harmlos
Viele Tierhalter unterscheiden gedanklich klar zwischen Pflanzenschutzmitteln und Stallprodukten. Genau hier liegt ein Problem. Biozide gelten oft als «weniger kritisch», obwohl sie ebenfalls hochwirksame Insektizide enthalten können.
Ein Beispiel ist das Produkt Agita 10 WG. Dieses Mittel darf weiterhin offiziell verkauft werden (unter anderen bei Landi oder Swissgenetics) und enthält 100 Gramm Thiamethoxam pro Kilogramm Produkt. Beworben wird es als schnell wirkendes Frass- und Kontaktinsektizid gegen Fliegen im Stall. Gleichzeitig weist das Sicherheitsdatenblatt ausdrücklich darauf hin, dass der Wirkstoff «giftig für Bienen» ist.
Die Anwendung erfolgt durch Streichen oder Sprühen auf Stallflächen. Besonders problematisch ist dabei die Kombination aus Insektizid und Zucker-Lockstoff. Gelangen solche Produkte an bienenzugängliche Stellen oder in die Umgebung von Ställen, können Bienen die Stoffe aufnehmen. Bereits kleinste Mengen reichen aus, um massive Schäden zu verursachen.
Gefahr von ausserhalb der Landwirtschaft
Die Problematik betrifft nicht nur Bauernhöfe. Biozide werden heute breit eingesetzt: in Hausgärten, auf Terrassen, in öffentlichen Anlagen oder im Holzschutz. Fachleute weisen darauf hin, dass der Siedlungsraum inzwischen ein wichtiger Rückzugsort für Wildbienen und andere Bestäuber geworden ist. Gerade dort kommen aber häufig Insektensprays, Fliegenmittel oder Holzschutzprodukte zum Einsatz.

Organisationen wie der Verein «ohne Gift» kritisieren deshalb, dass Wirkstoffe als Pflanzenschutzmittel verboten werden, als Biozide jedoch weiterhin erlaubt bleiben.
Was Landwirte beachten müssen
Der Fall in Schnottwil zeigt, dass nicht nur Pflanzenschutzmittel ein Risiko für Bestäuber darstellen. Auch Stallprodukte können gefährlich werden, wenn sie unsachgemäss angewendet werden.
Besonders wichtig sind deshalb einige Vorsichtsmassnahmen:
- Fliegenmittel niemals offen oder bienenzugänglich ausbringen.
- Keine Anwendung im Aussenbereich oder an Stellen, die von Bienen erreicht werden können.
- Verschüttete Produkte sofort entfernen.
- Sicherheitsdatenblatt und Anwendungsvorschriften konsequent beachten.
- Fliegenbekämpfung möglichst mit vorbeugenden Massnahmen kombinieren: Stallhygiene, Mistmanagement, Lüftung und Larvenbekämpfung.
- Im Zweifelsfall Rücksprache mit Fachstellen halten.
Der Bienengesundheitsdienst weist zudem darauf hin, dass Anwendungen von Bioziden oft nicht dokumentiert werden müssen. Dadurch lassen sich spätere Ursachenabklärungen nur schwer durchführen.
Verantwortung für Bestäuber geht alle etwas an
Bienen und andere Bestäuber sind für Landwirtschaft und Ernährung unverzichtbar. Viele Kulturen sind direkt auf ihre Bestäubungsleistung angewiesen. Entsprechend gross ist die Verantwortung aller Beteiligten – von Imkern über Landwirte bis zu Schädlingsbekämpfern und Privatpersonen.
Der Fall aus Schnottwil zeigt deutlich: Auch Stoffe, die im Ackerbau längst verschwunden sind, können über andere Wege weiterhin in die Umwelt gelangen. Umso wichtiger ist ein sorgfältiger Umgang mit Bioziden – gerade auch im Umfeld von Tierhaltungsbetrieben.

