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Rinderexporte für 1,3 Milliarden Euro, doch die Frage bleibt: Braucht Europa den Viehhandel noch?

Mobile Schlachthöfe, Transportverbote, Tierärztemangel, Seuchen und ein globaler Rindermarkt unter Druck. Europas Viehhändler kämpfen an mehreren Fronten gleichzeitig und dennoch oder gerade deshalb: Ihr Geschäft scheint unverzichtbarer denn je.

Wer in der EU die Interessen von Viehhändlern vertritt, braucht ein dickes Fell. Roland Ackermann kennt die Gesprächspartner in Brüssel. Er kennt die Argumente der Gegenseite. Und er weiss, dass sachliche Korrektheit allein nicht reicht, wenn das Bild eines Tiertransporters in sozialen Medien mehr Empörung auslöst als jedes Positionspapier Überzeugungskraft hat. Als Geschäftsführer der österreichischen Alpenrind GmbH und Präsident der UECBV, Union européenne du commerce du bétail et de la viande, also Europäische Union des Vieh- und Fleischhandels, hat er sich auf diese Realität eingestellt. Vor den Delegierten des Schweizerischen Viehhändlerverbands sprach er offen darüber, wie gross der Druck geworden ist und warum der Lebendviehhandel trotzdem unverzichtbar bleibt.

Mobile Schlachthöfe: Bild schlägt Wirklichkeit

Der Anlass zur Grundsatzfrage ist ein neues Narrativ, das in europäischen Medien und Parlamenten seit Monaten kursiert: Mobile Schlachthöfe als Antwort auf alles. Ein Lastwagen fährt vor, klappt seine Seitenwände auf – und schon ist der Schlachthof da, direkt auf dem Hof, ohne Transport, ohne Stress, ohne schlechtes Gewissen. Die Botschaft ist einfach, die Bilder sind gut.

Hinter dem hochglänzenden Narrativ steckt kein tragfähiges System: keine behördliche Überwachung für Tierschutz, Hygiene, Kühlung, Sortierung und Lebensmittelsicherheit, keine Kapazität, die auch nur annähernd den realen Bedarf decken könnte. Mobile Schlachthöfe seien eine medial attraktive, sachlich aber ungenügende Antwort auf echte Herausforderungen. Roland Ackermanns Antwort auf die Grundsatzfrage war unmissverständlich: Der Lebendviehhandel bleibt auf jeden Fall notwendig, auch in Zukunft.

Rinderexporte für 1,3 Milliarden Euro, doch die Frage bleibt: Braucht Europa den Viehhandel noch?
Die Schweiz im Zentrum von Europa. Ein Blick auf die Karte zeigt die Handelsflüsse und die tiefen Vernetzungen der tierischen Produktion unter den Ländern. Verschiedene Länder haben sich entlang der Wertschöpfungskette spezialisiert.

Spezialisierung braucht Verbindung

Der Grund liegt in der Art, wie moderne Tierhaltung funktioniert. Die Lebendviehhaltung findet längst nicht mehr auf einem einzigen Betrieb statt, «sie ist eine spezialisierte und zunehmend arbeitsteilige Wertschöpfungskette, an der verschiedene Länder unterschiedliche Rollen übernehmen.» Der Handel schafft laut Roland Ackermann die notwendige Verbindung: Er gleicht regionale Überschüsse mit Unterversorgung aus, stellt kontinuierliche Anlieferungen sicher, unterstützt genetische Diversität und Zucht und schafft Resilienz für Krisenlagen, sei es ein Seuchenausbruch, eine Dürre oder ein regionales Produktionsdefizit.

Dass Lebendtierexporte nicht durch Fleischtransporte ersetzt werden können, belegte Roland Ackermann mit einem konkreten Beispiel: Ein Exportverbot von Lebendrindern nach Marokko würde nicht dazu führen, dass Marokko europäisches Fleisch kauft — die Nachfrage würde schlicht durch Rinder aus Südafrika gedeckt. Kulturelle Präferenzen, Probleme mit der Kühlkette, eigene Zurichtung und Importzölle machen Lebendtiere für viele Importländer zur einzig praktikablen Option. Gleichzeitig leisten diese Exporte einen positiven Beitrag zur EU-Handelsbilanz — allein bei Rindern im Umfang von 1,328 Milliarden Euro, bei Schafen und Ziegen von 465 Millionen Euro.

Kälber fehlen und Tierärzte auch

Konkret und drängend ist laut seinen Ausführungen der europaweite Kälbermangel. In Spanien, Irland, Frankreich und Deutschland fehlen Kälber. Ohne funktionierenden grenzüberschreitenden Lebendviehhandel lassen sich diese regionalen Ungleichgewichte nicht ausgleichen — wer Zuchttiere, Fresser oder Mastkälber braucht, braucht lebende Tiere, keine Pakete aus dem Kühlhaus. Dazu kommt ein strukturelles Problem, das die gesamte europäische Landwirtschaft betrifft: Europa hat deutlich zu wenige Tierärzte. Der amtliche Tierarzt am Schlachthof ist als Kontroll- und Überwachungsorgan unverzichtbar – für Tierschutz, Lebensmittelsicherheit und Rückverfolgbarkeit. Fehlt er, stockt die gesamte Kette.

Tierwohl als Grundprinzip, nicht als Schlagwort

«Tierwohl findet auf jedem Hof statt», betonte Roland Ackermann. Er meinte es nicht als Beruhigungsformel, sondern als Grundprinzip: Vom Produzenten über den Händler bis zum Schlachthof trage jeder Verantwortung dafür, dass Tiere auf dem gesamten Weg angemessen behandelt werden. Diese Botschaft müsse der Schlachthof immer wieder aktiv nach aussen tragen. Gleichzeitig warnte er davor, Tierwohlanforderungen als Instrument des Wettbewerbsnachteils einzusetzen: Was in der Verordnung festgelegt werde, müsse für alle gleich gelten. Sonst entstehe Marktverzerrung statt Fairness. «Niemand schafft Wettbewerb und Transparenz» wie ein gut regulierter, offener Viehmarkt. Die Konzentration auf wenige grosse Abnehmer ohne Gegenmacht durch mehrere Käufer sei für die Landwirtschaft keine Verbesserung.

Transportverordnung: Gefahr aus Brüssel

Besondere Aufmerksamkeit widmete Roland Ackermann der derzeit überarbeiteten EU-Tiertransportverordnung, deren parlamentarische Beratungen im Mai 2026 wiederaufgenommen wurden. Strittig sind die Limitierung der Transportzeiten zur Schlachtung inklusive Ladezeiten – was faktisch einer Wettbewerbsbeschränkung gleichkäme –, die Vergrösserung des Platzes im Transportfahrzeug sowie das Mindestalter für Jungtiere. Der Spagat zwischen den klimatischen Bedingungen von Finnland bis Sizilien mache einheitliche Regeln dabei besonders anspruchsvoll. Hinzu kommen das Wiederauftauchen von Maul- und Klauenseuche in Deutschland, Ungarn und der Slowakei sowie Lumpy Skin Disease in Italien, Frankreich und Spanien. Seuchenausbrüche, die den innereuropäischen Handel massiv stören und für die es bisher keine harmonisierten Bewegungsregeln innerhalb der EU gibt.

Ackermanns Schlussbotschaft: «Viehhandel ist die Verbindung von Landwirtschaft, Märkten und Abnehmern und ist auch die Basis der Versorgungssicherheit mit Fleisch.» Alle Beteiligten – vom Landwirt bis zum Schlachthof – trügen dabei gemeinsam Verantwortung. Tierwohl sei die Vertrauensbasis des Handelns. Und Nachhaltigkeit das Ergebnis eines Systems, das funktioniert.

UECBV und Alpenrind

Roland Ackermann ist Geschäftsführer der Alpenrind GmbH mit Sitz in Salzburg, einem der führenden Unternehmen im österreichischen Lebendviehhandel. Daneben präsidiert er die UECBV (Union européenne du commerce du bétail et de la viande), die 1952 gegründete europäische Dachorganisation des Vieh- und Fleischhandels. Sie vertritt die gesamte Wertschöpfungskette – von der Viehhaltung über den Transport bis zur Fleischproduktion – gegenüber den EU-Institutionen und ist massgeblich an der Ausgestaltung europäischer Regulierungen beteiligt. Der Schweizerische Viehhändlerverband (SVV) ist als assoziiertes Mitglied mit der UECBV verbunden. Die wichtigsten aktuellen Dossiers sind die Revision der EU-Tiertransportverordnung, die uneinheitlichen Bewegungsregeln im Seuchenfall sowie der europaweite Mangel an amtlichen Tierärzten.

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