Es ist eine Entscheidung mit grosser Tragweite für die Schweizer Geflügelproduktion. Das Oberamt des Broyebezirks hat der Micarna-Gruppe Ende März 2026 die Baubewilligung für den geplanten Ersatzneubau des Geflügelschlachthofs in Saint-Aubin FR erteilt. Alle 1817 Einsprachen wurden abgewiesen, wie Micarna und der Kanton Freiburg bestätigen.
Thomas Garcke, CEO der Micarna-Gruppe, sagt: «Die Erteilung der Baubewilligung für das neue ATV in Saint-Aubin stellt einen wichtigen Schritt für die Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Tätigkeit in der Region dar. Dank dieses Neubaus, der unsere Anlage in Courtepin ersetzen soll, kann Micarna das Land weiterhin mit Schweizer Poulet versorgen und zugleich dazu beitragen, den Fleischkonsum nachhaltiger zu gestalten, indem wir das Tierwohl verbessern, den Ressourceneinsatz optimieren und die Importe eindämmen.»
Auch die Freiburger Kantonsregierung begrüsst den Entscheid. Laut einer Mitteilung des Kantons bezeichnete Staatsrat Olivier Curty, Direktor für Wirtschaft, Arbeit und Berufsbildung, den Agrico-Campus als «Projekt von aussergewöhnlichem Umfang, das in der Schweiz seinesgleichen sucht».
Was auf dem Spiel steht
Der neue Schlachthof soll den bestehenden, seit den 1960er-Jahren betriebenen Standort in Courtepin ersetzen, der das Ende seiner Lebensdauer erreicht hat. Geplant sind vier Produktionslinien auf einer 95 000 Quadratmeter grossen Parzelle auf dem Agrico-Areal, einem ehemaligen Forschungsgelände des Chemiekonzerns Geigy, das der Kanton Freiburg 2017 erworben hat, wie Gemeindepräsident Michael Willimann gegenüber der BauernZeitung erläuterte. Laut Micarna investiert das Unternehmen rund 400 Millionen Franken in den Neubau. Zusammen mit den übrigen Agrico-Campus-Projekten belaufen sich die öffentlichen und privaten Investitionen auf insgesamt rund 500 Millionen Franken, wie der Kanton Freiburg mitteilt. Die Zahl der Arbeitsplätze auf dem Areal soll von derzeit 150 auf über 700 im Jahr 2029 wachsen, langfristig sind 1600 Stellen das Ziel, ebenfalls gemäss Kantonsangaben.
Für die Schweizer Landwirtschaft geht es um mehr als einen Baurechtsstreit. Rund 500 Schweizer Pouletproduzenten liefern heute in den Micarna-Kanal, davon allein 175 Betriebe im Kanton Freiburg, wie Micarna-Mediensprecher Tristan Cerf gegenüber der BauernZeitung ausgeführt hatte. Bricht diese Schlachtkapazität weg, ist Import die einzige Alternative, so Micarna. Dieser erfülle weder die Schweizer Tierschutz- noch die Umweltstandards.
Der Widerstand gibt nicht auf
Der Entscheid ist gefallen, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Greenpeace Schweiz prüft laut eigener Medienmitteilung vom 1. April 2026 eine Beschwerde. Nico Frommherz, Konsumexperte bei Greenpeace, kritisiert darin, dass fast vier Fünftel der Futtermittel für Masthühner aus dem Ausland stammten. Die Organisation fordert vom Detailhandel, bis 2035 mindestens 60 Prozent pflanzliche Proteine zu verkaufen.
Greenpeace hatte das Verfahren bereits in früheren Phasen rechtlich angefochten. Die Organisation kritisierte, dass die sieben Baubewilligungen für den Agrico-Campus in getrennten Verfahren behandelt wurden, was das Einspracherecht der Öffentlichkeit erschwere und gegen das Koordinationsprinzip verstosse, wie Greenpeace in einer früheren Mitteilung festhielt. Auch der Kaufvertrag zwischen dem Kanton Freiburg und Micarna war lange umstritten: Greenpeace musste sich den Zugang gerichtlich erstreiten, nachdem der Kanton einer Empfehlung der kantonalen Öffentlichkeitsbeauftragten zur Herausgabe des Dokuments nicht gefolgt war, wie die Organisation dokumentiert.
Lokale Anwohner und der Verein EcoTransition – La Broye kämpfen ebenfalls weiter und wollen die Baubewilligung anfechten, wie aus mehreren Medienberichten hervorgeht. Ihre Sorgen betreffen insbesondere Wasserverbrauch, Lärm und die Nähe zu einem Naturschutzgebiet direkt neben dem geplanten Standort.
Micarna hält dagegen: Der Wasserverbrauch pro Poulet soll im Neubau gegenüber Courtepin um ein Drittel sinken, wie Mediensprecher Tristan Cerf gegenüber der BauernZeitung bereits in einer früheren Recherche erläuterte. Wasser werde mehrfach genutzt, für die technische Kühlung komme Regenwasser und aufbereitetes Wasser aus der Kläranlage zum Einsatz.
Für die Bauern zählt das Ergebnis
Das Bewilligungsverfahren hat Jahre gedauert und viel Energie verschlungen. In weiten Teilen der Medien wird das Projekt als «Mega-Schlachthof» dargestellt, die Gegner kommen breit zu Wort. Was dabei zu kurz kommt: Die Schweizer Geflügelproduktion braucht diesen Standort, wenn sie die steigende Nachfrage zumindest in Teilen decken will.
Die Baubewilligung ist ein wichtiger Meilenstein. Ob gebaut werden kann, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Greenpeace und lokale Vereine haben noch Zeit, Beschwerde einzureichen.
