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Das Doppelleben des Bio-Eis: Warum meidet Bio das Zweinutzungshuhn?

Wie das Zweinutzungshuhn dreimal fast zum Durchbruch kam und warum Bio Suisse auch nach 30 Jahren noch immer keine verbindliche Roadmap dafür hat.

Das Bild ist idyllisch: Hühner, die über eine grüne Weide spazieren, das Knospe-Logo auf dem Karton und das gute Gewissen im Einkaufswagen. Was kaum jemand weiss: Der überwiegende Teil der Schweizer Bio-Eier stammt nach wie vor von denselben Hochleistungs-Hybridrassen, die auch konventionelle Betriebe einsetzen.

Dreimal hatte die Schweiz in den letzten drei Jahrzehnten die Chance, das zu ändern. Dreimal verlief der Versuch im Sand. Eine Geschichte über hartnäckige Träume, ökonomische Realitäten und darüber, wie viel Bio das Bio-Ei wirklich ist.

Ein Erfolgsprodukt mit einem Makel

Das Bio-Ei ist das erfolgreichste Schweizer Bio-Produkt. Kein anderes Lebensmittel schafft es, dass so viele Konsumentinnen freiwillig den Mehrpreis bezahlen. Dieser Erfolg ist verdient. Bio-Eier stehen für Freilandhaltung, artgerechtes Futter und kleinere Herden.

Und dennoch: Wer genauer hinschaut, stösst auf eine Diskrepanz. Das Gros der Biolegehennen in der Schweiz entstammt trotz aller edlen Knospe-Grundsätze zur Tierzucht denselben global operierenden Zuchtkonzernen, die auch die konventionelle Eierproduktion beliefern.

Hybride, selektiert auf maximale Legeeffizienz. Lukas Inderfurth, Bereichsleiter Kommunikation bei Bio Suisse, räumt das auf Anfrage der BauernZeitung selbst ein: Die wenigen grossen, weltweit operierenden Zuchtunternehmen richteten ihr Angebot nicht spezifisch auf die Anforderungen des Biolandbaus aus, und dennoch würden in der Bio-Eierproduktion grossmehrheitlich Hennen dieser Anbieter gehalten.

Aber die Alternative existiert

Die Alternative, das Zweinutzungshuhn oder Dualhuhn, existiert. Sie ist biologisch sinnvoll, tierschützerisch überzeugend und wäre wirtschaftlich machbar.

Der Anteil dieser Tiere an der Schweizer Bio-Eierproduktion liegt heute nach wie vor im einstelligen Prozentbereich, bestätigt Inderfurth. Das wirft Fragen auf.

Drei Anläufe, dreimal Sand

Es ist das Jahr 1996. Eine Arbeitsgruppe aus der KAG (Konsumentinnen-Arbeitsgruppe für tier- und umweltfreundliche Nutztierhaltung), dem FiBL, dem BVET-Zentrum für tiergerechte Haltung in Zollikofen, der Geflügelzucht Hermenhof und dem Geflügelberater Willy Baumann setzt sich ein damals noch wenig erprobtes Ziel: Können Hühner gleichzeitig vernünftig Eier legen und vernünftig als Masttiere genutzt werden?

Damit wäre das Problem der männlichen Eintagsküken, die damals unmittelbar nach dem Schlupf getötet wurden, mit einem Schlag gelöst. Finanziert wurde das Projekt von mehreren Tierschutzvereinen, hauptsächlich vom Tierschutzverein Bern.

Zweinutzungshuhn funktioniert

Die Pilotphase 1997/98, wissenschaftlich begleitet von Veronika Maurer (FiBL) und Ernst Fröhlich (BVET) unter der Projektleitung von Peter Schlup (KAG), verlief vielversprechend. Auf neun Biobetrieben in der ganzen Schweiz wurden zwei Kreuzungslinien aus ISA-Stammeltern getestet.

Die Masthähne zeigten sich vital und mobil, nutzten ihre Ausläufe intensiv und bereiteten den Landwirten deutlich weniger Beinprobleme als andere Mastlinien. Auch die Legehennen überzeugten mit gutem Tierzustand, intaktem Gefieder und ansprechenden Leistungen. Die Ergebnisse belegten: Die Idee des Zweinutzungshuhns funktioniert grundsätzlich.

Dem Anschlussprojekt fehlten die Ressourcen

Es gab ein Anschlussprojekt. Aber dort lief es nicht mehr rund. Die verbesserten Kreuzungen, die man eigentlich einsetzen wollte, kamen nicht wie geplant zum Zug, zudem traten gesundheitliche Probleme auf.

Schliesslich fehlten dem Projektteam schlicht die Ressourcen: zu wenig Personal, zu wenig Know-how, zu wenig Finanzierung. So schildert es Veronika Maurer, die das Projekt von Anfang an begleitet hat, auf Anfrage der BauernZeitung. Bio Suisse war an diesem Entscheid nicht beteiligt, das Projekt war nie ein Bio-Suisse-Projekt. Den Abbruch beschloss das Projektteam gemeinsam.

Zweiter Anlauf scheitert auch

Damit war der erste Anlauf beendet. Doch es gab einen zweiten: Ab 1999 startete das FiBL unter Günter Postler und Helen Hirt ein weiteres Projekt zur Eruierung geeigneter Zweinutzungsrassen für Biobetriebe, diesmal finanziell mitgetragen vom Schweizer Tierschutz.

Diverse vielversprechende Zweinutzungsrassen wurden identifiziert. Doch auch daraus folgte keine offizielle Empfehlung des FiBL für Zweinutzungsrassen. «Ich vermute, dass es primär wirtschaftliche Gründe waren, dass FiBL und Bio Suisse die Sache damals nicht weiter verfolgten», sagt Hansuli Huber, der in jener Zeit Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes war und das Projekt mitfinanziert hat.

«Denn es gibt nur wenige tierische Produktionszweige, die trotz Preisdruck durch Grossverteiler bezogen auf den Aufwand einen derart guten finanziellen Return ergeben wie die Legehennenhaltung mit konventionellen Hybriden.»

Eiergeschäft ist lukrativ

Damit ist ein Punkt angesprochen, der in der öffentlichen Diskussion selten offen ausgesprochen wird: Das Eiergeschäft ist für den Detailhandel ausgesprochen lukrativ, gemessen an Aufwand und Ertrag.

«Jeder Einkäufer bei den Grossverteilern wird Ihnen das sagen können», so Huber. «Es dürfte also von dieser Seite her auch kaum Druck auf Veränderung zugunsten des Zweinutzungshuhns geben.»

Veronika Maurer macht dabei auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Die Hochleistungs-Hybride waren auch auf Biobetrieben bereits vorher Standard. Es gab also keine Kehrtwende, keine bewusste Entscheidung für die Hybriden gegen das Zweinutzungshuhn. Das Zweinutzungshuhn hatte schlicht noch nicht funktioniert und wurde nicht weiterverfolgt. Das ist ein Unterschied, der im öffentlichen Diskurs oft verwischt wird.

Bruderhahnmast: der zweitbeste Weg als Dauerlösung?

Statt auf das Zweinutzungshuhn zu setzen, wählte die Bio-Branche einen anderen Weg aus dem Kükentöten-Dilemma: die Aufzucht der Bruderhähne. Seit dem 1. Januar 2026 gilt unter der Knospe, dass alle Hähne aufgezogen werden. Das ist ein echter ethischer Meilenstein. Lukas Inderfurth betont, die Branche habe zahlreiche Herausforderungen gemeistert und ein ganzer Markt sei transformiert worden.

Was ist ein Zweinutzungshuhn?

Ein Zweinutzungshuhn (auch Dualhuhn) ist eine Geflügelrasse oder -linie, bei der sowohl die weiblichen als auch die männlichen Tiere wirtschaftlich genutzt werden können: die Hennen als Legehennen, die Hähne als Masttiere. Im Gegensatz dazu sind moderne Legehybride ausschliesslich auf Eiproduktion optimiert, ihre Brüder sind zu klein und zu ineffizient für die Mast. Diese Spezialisierung, die die Geflügelwirtschaft seit den 1950er-Jahren dominiert, schuf das ethische Grundproblem: Millionen männliche Eintagsküken aus Legelinien hatten lange keinen wirtschaftlichen Wert und wurden getötet. Seit dem 1. Januar 2026 müssen unter der Knospe alle Hähne aufgezogen werden. Das wichtigste Zweinutzungshuhn in der Schweiz ist heute der Lohmann Dual. Noch ist sein Anteil an der Bio-Eierproduktion einstellig.

Aber ist die Bruderhahnmast wirklich die bessere Lösung? Die Bruderhähne aus Legelinien sind nicht für die Mast gemacht. Ihre Körper sind auf Legeeffizienz ausgerichtet, nicht auf Fleischansatz. Sie wachsen langsam und fressen viel Futter für wenig Fleisch, was höhere Produktionskosten bedeutet.

Auch das Tierwohl ist keine Selbstverständlichkeit: Das Einfangen und Verpacken dieser vitalen, agilen Tiere in Transportkäfige, der Transport zum Schlachthof – das Handling ist kein Spaziergang.

Keine Strategie für das Zweinutzungshuhn

Bio Suisse erklärt, für sie seien beide Wege gleichwertig: die Bruderhahnaufzucht und das Zweinutzungshuhn, so Lukas Inderfurth. Diese Offenheit ist begrüssenswert.

Aber sie ist auch unverbindlich. Solange es keine Strategie und keinen Zeithorizont für den Ausbau des Zweinutzungsanteils gibt, bleibt das eine Absichtserklärung.

Die Wirtschaftlichkeit: Was die Zahlen sagen

Zweinutzungshühner erzeugen einen doppelten Ertragsstrom: Eier und Fleisch. Das Fleisch eines langsam gewachsenen Zweinutzungstieres hat einen eigenständigen Wert, der sich vermarkten lässt. Viele Konsumentinnen seien bereit, den ethischen Aufpreis zu bezahlen, hält Lukas Inderfurth fest, und Eier von Zweinutzungs- oder Rassehühnern seien ohnehin teurer als konventionelle Bio-Eier.

Züchterisch gibt es freilich eine biologische Grenze: Lege- und Mastleistung seien entgegengesetzte Merkmale, weshalb der Zucht Grenzen gesetzt seien, räumt Inderfurth ein. Das ist kein Argument gegen das Zweinutzungshuhn, aber ein ehrliches.

Die Bruderhahnaufzucht ist teurer, als das Zweinutzungshuhn

Hansuli Huber schätzt das wirtschaftliche Risiko eines Umschwungs heute als deutlich geringer ein als noch vor 25 Jahren: «Mit dem heutigen Zweinutzungshuhn dürfte der Mehrpreis für Eier weit geringer geworden sein als damals, als man es mit Zweinutzungsrassen versuchte. Und das Fleisch von Bruderhähnen dürfte deutlich teurer sein und mit mehr Bio-Futter erzeugt werden als das Fleisch heutiger männlicher Zweinutzungshühner.»

Sein Fazit: «Mit Blick auf das einzigartige Alleinstellungsmerkmal und die tierschützerischen Argumente wäre das Risiko eines Wechsels bei Poulets und Eiern auf das heutige Zweinutzungshuhn höchstwahrscheinlich relativ gering im Vergleich zu dessen Chancen.»

Transparenz: Was weiss der Konsument wirklich?

Biokonsumentinnen zahlen für Bio-Eier einen deutlichen Aufpreis, weil sie wissen möchten, woher das Ei kommt und wie das Tier lebt. Das ist das Versprechen, für das die Knospe steht. Aber wie viele dieser Konsumentinnen wissen, dass hinter der Knospe in den meisten Fällen eine Hybridlinie steckt, die von einem der weltweit dominanten Geflügelzuchtkonzerne stammt?

Bio Suisse kommuniziere auf allen Kanälen transparent, erklärt Inderfurth, etwa über den Newsletter an 50 000 Abonnentinnen oder auf der Website. Das mag stimmen. Aber Transparenz auf einer Website ist nicht dasselbe wie Transparenz am Regal.

Delegierte stimmten Ja zum Spermasexing

Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist eine aktuelle Debatte, die auf den ersten Blick nichts mit Hühnern zu tun hat: An der letzten Bio-Suisse-Delegiertenversammlung im April 2026 stimmten 72 von 101 Delegierten für die Zulassung von Spermasexing in der Rindviehzucht. Befürworter nannten es ein sinnvolles Werkzeug für eine tierfreundliche Landwirtschaft, Gegner befürchteten den Verlust eines weiteren Knospe-Alleinstellungsmerkmals.

Das Muster ist vertraut: pragmatische Produktionsvorteile einerseits, das idealisierte Bild der Knospe andererseits. Und die Frage, wessen Stimme dabei letztlich den Ausschlag gibt, ist auch beim Zweinutzungshuhn nicht so klar beantwortet, wie man meinen könnte.

Was jetzt nötig wäre

Das Thema ist nicht gestorben. 2014/15 testete das Aviforum erste Zweinutzungshühner des Typs Lohmann Dual, der heute laut FiBL mit Abstand das wichtigste Zweinutzungshuhn in der Schweiz ist.

Und soeben hat das FiBL ein Begleitprojekt zum Ausstieg aus dem Kükentöten abgeschlossen, co-finanziert von Migros, Coop und Bio Suisse, das sich unter anderem mit Zweinutzungstieren befasst hat. Die Resultate werden derzeit für wissenschaftliche Publikationen aufgearbeitet und sollen demnächst vorgestellt werden, wie Veronika Maurer mitteilt.

Es gibt also Bewegung. Und es gibt in der Schweizer Bio-Eierproduktion zudem eine kleine, bemerkenswerte Gruppe von Pionieren, die zeigen, dass das Zweinutzungshuhn keine Utopie ist.

Lukas Inderfurth verweist auf die Ökologische Tierzucht GmbH (ÖTZ) in Deutschland, ein bäuerliches Zuchtunternehmen, das seine Linien nach den Anforderungen des Ökolandbaus entwickelt. Die wissenschaftliche Begleitstudie zur Bruderhahnaufzucht hat laut Inderfurth gezeigt, dass alle im Biolandbau üblichen Genotypen bei 26 Tierwohlindikatoren sehr gut abschneiden.

Der Schritt zum Zweinutzungshuhn wäre tierschützerisch problemlos. Der einzige echte Bremsfaktor scheint der ökonomische zu sein. Scheint.

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