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«Die Nachfrage nach Poulet kann nicht mehr durch die Inlandproduktion gedeckt werden», sagt Lutz von Strauss von Micarna

Die Geflügelproduktion von Micarna wird nach Saint-Aubin FR verlegt. Projektleiter Lutz von Strauss erklärt, warum neu gebaut werden soll und was das für die Schweizer Versorgungssicherheit bedeutet.

Micarna verlegt die Geflügelproduktion von Courtepin FR nach Saint-Aubin FR. Rund um den geplanten Ersatzneubau «Atelier de transformation de volaille» (New ATV) wird intensiv über die Zukunft der Schweizer Pouletproduktion diskutiert. Im Zentrum stehen Fragen zur Versorgungssicherheit, zu den Produktionsbedingungen und zur Zusammenarbeit mit den Produzenten. Lutz von Strauss, Projektleiter New ATV, ordnet ein.

Herr von Strauss, viele Produzenten fragen sich: Wie geht es mit der Pouletproduktion bei Micarna weiter?

Lutz von Strauss: Für unsere Partnerbetriebe ändert sich aktuell nichts. Wir bleiben eine verlässliche Partnerin und produzieren weiterhin in Courtepin im gleichen Umfang wie heute. Uns ist wichtig, dass unsere Produzenten Planungssicherheit haben. Deshalb stehen wir regelmässig im Austausch mit ihnen.

Courtepin ist seit Jahren ein zentraler Standort. Weshalb braucht es trotzdem einen Neubau?

Der Standort Courtepin ist am Ende seines Lebenszyklus angekommen und stösst infrastrukturell an seine Grenzen. Eine umfassende Sanierung wäre nur möglich, wenn die gesamte Produktion unterbrochen würde. Deshalb ist ein Neubau die einzige realistische Lösung. Der Standort in Courtepin wird erst geschlossen, wenn der neue in Betrieb ist. Mit Saint-Aubin ersetzen wir die bestehende Produktion. Es entstehen keine zusätzlichen Kapazitäten. Gleichzeitig ermöglicht uns der neue Standort langfristige Stabilität und wichtige Fortschritte, etwa beim Tierwohl, bei der Reduktion von Foodwaste sowie beim Energie- und Wasserverbrauch.[IMG 2]

Wie stabil ist die Versorgung mit Schweizer Poulet heute?

Die Nachfrage nach Poulet steigt seit Jahren und kann zunehmend nicht mehr durch die Inlandproduktion gedeckt werden. Der Inlandanteil liegt aktuell bei 61,9 Prozent. Die Inlandproduktion stösst strukturell an ihre Grenzen. Micarna verarbeitet rund 41 Prozent der Schweizer Geflügelproduktion und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung. Dank der integrierten Wertschöpfungskette kann die Migros einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Schweizer Poulet anbieten. Ganz im Einklang mit dem Bedürfnis von Herrn und Frau Schweizer, die Poulet aus heimischer Produktion bevorzugen und auch bereit sind, für besseres Tierwohl zu bezahlen. Mit Blick auf unsere Nachbarländer ist dies nicht selbstverständlich. Der Ersatzneubau trägt dazu bei, diese Versorgung mit Schweizer Poulet langfristig zu sichern und sie gleichzeitig in Richtung Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln.

Im Zusammenhang mit dem Projekt werden Klima, Baugrund und ein hoher Wasserbedarf von rund 650 000 Kubikmeter pro Jahr diskutiert. Weshalb wurden die Klimaauswirkungen im Umweltverträglichkeitsbericht nicht thematisiert?

Das Bauprojekt wurde im ordentlichen Verfahren sorgfältig geprüft. Die zuständigen Behörden haben die massgebenden Umweltfragen beurteilt und die Baubewilligung erteilt. [REL 2]

Micarna verspricht bei Verzögerungen «verlässliche Übergangslösungen». Was heisst das konkret: Gibt es vertragliche Garantien für die Produzenten oder ist das eine Absichtserklärung?

Wir haben nichts in dieser Form kommuniziert. Bei Infrastrukturprojekten dieser Art gibt es keine «Übergangslösungen». Bis der Ersatzneubau in Saint-Aubin realisiert ist, produzieren wir weiterhin in Courtepin im unveränderten Umfang. Für unsere Partnerbetriebe ergeben sich daraus keine Nachteile. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und investieren gezielt in eine stabile Wertschöpfungskette. Ich möchte hier nochmals betonen, dass es sich beim Ersatzneubau nicht um einen Ausbau der Produktion handelt, sondern um einen Ersatz mit Fokus auf Nachhaltigkeit.

Jede Verzögerung – egal durch wen ausgelöst – führt dazu, dass Verbesserungen, beispielsweise im Tierwohl sowie beim Energie- und Wasserverbrauch, erst später wirksam werden. Wir sind überzeugt, dass unser Bauprojekt nicht nur ökologisch deutlich vorteilhafter ist, sondern auch unseren Mitarbeitenden einen klaren Mehrwert bietet – etwa durch bessere Ergonomie, hellere Räumlichkeiten und weniger repetitive Arbeiten.

Optigal wird auf eine semi-extensive Rasse umgestellt. Gleichzeitig ist von einer hohen Jahresmenge in Saint-Aubin die Rede. Wie passt das zusammen? Und was bedeutet das für die Produzenten?

Die Nachfrage nach Poulet wächst. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis nach mehr Tierwohl. Mit der Umstellung auf eine semi-extensive Rasse reagieren wir auf diese Entwicklung und schaffen ein Angebot aus Schweizer Produktion, das unseren Kundinnen und Kunden mehr Wahlfreiheit bietet. Gleichzeitig eröffnen wir auch unseren Produzenten eine Alternative und entwickeln das Programm gemeinsam mit ihnen weiter. Unser Ziel ist, mehr Tierwohl nicht nur in einer Nische, sondern für eine breite Kundschaft zugänglich zu machen. Dafür braucht es Partnerbetriebe, die diesen Weg mitgehen.[REL 1]

Ist die Pouletproduktion damit auch für Schweinehalter eine Option? Schliesslich herrscht in der Schweizer Schweinehaltung Strukturdruck vor, Margen sind eng.

Das hängt von der individuellen Situation des Betriebs ab. Für gewisse Schweinehalter kann die Pouletproduktion eine wirtschaftlich interessante Ergänzung oder Neuausrichtung sein. Geflügel weist pro Kilogramm Fleisch eine günstigere Ökobilanz auf, insbesondere bei den Klima- und Ressourcenwirkungen. Entscheidend bleibt jedoch immer der einzelne Betrieb und dessen Ausrichtung. Wenn wir damit die Landwirtschaft oder einzelne Betriebe unterstützen können, sind wir offen für Partnerschaften. Denn wir sind überzeugt, dass die Tierhaltung in der Schweiz gestärkt werden soll – insbesondere beim Poulet, das im Vergleich zu anderen Fleischarten den tiefsten Selbstversorgungsgrad aufweist.

Wie viele zusätzliche Produzenten braucht Micarna künftig konkret? Und gibt es ein Rekrutierungsprogramm?

Die Micarna braucht nicht aufgrund des Ersatzneubaus per se mehr Mäster im Sinne eines Einmaleffekts. Wir sind jedoch laufend auf der Suche nach neuen Partnerbetrieben, auch weil bestehende Produzenten aus unterschiedlichen Gründen aussteigen. Durch die Umstellung auf semi-extensive Rassen entstehen zusätzlich benötigte Kapazitäten. Eine konkrete Anzahl kommunizieren wir aus betrieblichen Gründen nicht.

Micarna und Migros arbeiten eng mit Schweizer Rohstoffen und profitieren von der Schweizer Agrarpolitik. Trotzdem schweigt man bei konkreten Fragen zur Zukunft der Produzenten. Ist das die Verlässlichkeit, die man von der grössten Kundin der Schweizer Bauern erwarten darf?

Wir stehen in engem und kontinuierlichem Austausch mit unseren Partnerbetrieben. Nicht nur punktuell, sondern laufend im Tagesgeschäft und in der Weiterentwicklung der Zusammenarbeit. Gerade in einem anspruchsvollen Marktumfeld braucht es Verlässlichkeit, Planungssicherheit und langfristige Partnerschaften. So stellen wir sicher, dass Entwicklungen frühzeitig besprochen und gemeinsam getragen werden können.

Immer wieder wird die Konzentration der Produktion an einem Standort thematisiert. Wie begegnen Sie dieser Einschätzung? Besteht hier kein Klumpenrisiko?

Versorgungssicherheit entsteht nicht allein durch die Anzahl Standorte. Entscheidend sind moderne Infrastruktur, robuste Prozesse, Tiergesundheit und verlässliche Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette. Genau darauf ist der neue Standort ausgelegt: um die Pouletproduktion zu stärken und die Versorgung mit Schweizer Poulet abzusichern.

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