Es ist einer dieser Tage, an denen zwei Meldungen zusammentreffen, die nichts miteinander zu tun haben und doch dieselbe Geschichte erzählen – Mittwoch, 19. März 2026. Im Nationalrat reicht Ernst Wandfluh (SVP/BE) eine Interpellation ein: Die nächste Agrarpolitik ab 2030 (AP30+) soll die Graslandnutzung endlich ernst nehmen. Im Ständerat legt Maya Graf (Grüne/BL) gleichentags ein Postulat vor: graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion fördern, Weidemastbeiträge einführen und Nettoproteineffizienz messen.

Und die Proviande-Übersicht, datiert auf den 10. März 2026, liefert die Kulisse dazu.

Was die Zahlen wirklich sagen

Die Schweizer Rindfleischproduktion hat 2025 leicht zugelegt, und zwar von 81 621 auf 82 002 Tonnen, ein Plus von einem halben Prozent. Aber die Importe sind im selben Jahr um 22,6 Prozent auf 28 492 Tonnen gestiegen. Der Inlandanteil beim Rindfleisch fiel demnach von 81,8 auf 77,4 Prozent.

Das Problem ist nicht der Einbruch. Es ist die Stagnation. Die Schlachtzahlen beim Rind sind seit 2021 stabil – rund 400 000 Tiere jährlich, das Schlachtgewicht ebenso. Die Schweizer Rindfleischproduktion tritt auf der Stelle, während die Bevölkerung laut Proviande von 9,09 auf 9,18 Millionen gewachsen ist und die Nachfrage mit ihr. 

Das Gesamtangebot an Rindfleisch ist um 6,2 Prozent auf 105 954 Tonnen gestiegen. Die Lücke füllt das Ausland. Laut Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit stammt der Grossteil des Verarbeitungsfleisches aus den Nachbarländern.

Ein Land mit 70 Prozent Grünlandfläche importiert Rindfleisch. Das ist die Ausgangslage.

Die Milchkuh als Paradoxon

Warum wächst die Rindfleischproduktion nicht mit? Die Antwort liegt nicht in der Agrarpolitik allein. Sie liegt im Stall und im Markt dahinter.

Die BauernZeitung hat die Entwicklung in einer Analyse zur Holsteinisierung der Schweizer Herden beschrieben: Bei Swissherdbook hat die schwarze Holstein in zehn Jahren von 38 000 auf 62 000 Tiere zugelegt. Das ist ein Plus von über 60 Prozent. Standortangepasste Rassen verlieren. Die Betriebe haben diese Entwicklung nicht leichtfertig eingeschlagen. Sie haben auf das reagiert, was der Markt von ihnen verlangt: mehr Milch pro Tier.

Das Ergebnis ist ein Paradox, das niemand so geplant hat: Die Schweiz hat nicht zu wenig Milch – sie hat zu viel. Gleichzeitig fehlt Verarbeitungsfleisch. Eine Hochleistungskuh kommt in der Tendenz früher zur Schlachtung und liefert weniger Fleisch als eine Doppelnutzungskuh, die sieben Jahre lang gemolken wurde. Die Frage ist also nicht, ob die Bauern falsch entschieden haben. Die Frage ist: Hätten wir für mehr graslandbasierte Milch und mehr Weidemastfleisch überhaupt den Markt – und wenn ja, wer erschliesst ihn?

Zwei Vorstösse, eine Diagnose

Genau hier setzen der Nationalrat und die Ständerätin an. Wandfluhs Interpellation 26.3324 fragt den Bundesrat direkt: Mit welchen Massnahmen in der AP30+ wird der Netto-Selbstversorgungsgrad für Rindfleisch erhöht? Unterstützt der Bundesrat das Ziel, graslandbasierte Produktion ressourceneffizient auszurichten?

Die Fragen sind einfach. Die Antworten werden zeigen, ob das Bundesamt für Landwirtschaft den Zusammenhang zwischen Graslandnutzung und Fleischversorgung in seiner AP30+-Logik überhaupt verankert hat.

Branchenverbände ziehen an einem Strang

Maya Grafs Postulat 26.3245 will konkreter werden. Es fordert Abtränkprämien, also finanzielle Anreize dafür, dass Kälber länger auf dem Geburtsbetrieb aufgezogen werden, statt als Jungtiere weitergegeben zu werden. Das soll die Tiergesundheit verbessern und den Antibiotikaeinsatz weiter reduzieren. 

Das Postulat fordert Weidemastbeiträge für Rinder aus Milchviehherden, damit die Mast auf Grünland wieder attraktiver wird als die schnelle Schlachtung. Und es fordert einen Indikator zur Nettoproteineffizienz, eine Messgrösse dafür, wie viel essbares Protein ein Betrieb aus einer Fläche herausholt, die der Mensch sowieso nicht ackern kann. 

Dreizehn Ständeräte aus fünf Fraktionen, darunter die SVP-Vertreter Esther Friedli, Hannes Germann und Jakob Stark, haben mitunterzeichnet. Das Postulat wurde laut Graf gemeinsam mit Branchenverbänden wie Bio Suisse, SMP, Mutterkuh Schweiz und dem Schweizer Bauernverband erarbeitet.

Die eigentliche Frage

Auf die Frage der BauernZeitung, ob eine konsequente Graslandpolitik nicht auch die Zuchtstrategie adressieren müsste, antwortet Maya Graf: «Es geht selbstverständlich auch um die Diskussion der Genetik.» Das Postulat erwähne dies nicht explizit, aber es sei mit gemeint. Das Wort «insbesondere» in den Fördervorschlägen lasse bewusst Raum dafür, sagt sie.

Es ist eine wichtige Klarstellung. Weidemastbeiträge und Nettoprotein-Indikatoren können Anreize setzen. Sie können aber nicht die Grundfrage der Zuchtstrategie beantworten: Was für eine Kuh wollen wir auf dem Schweizer Grasland? Solange in der Tierzucht primär Milchleistung zählt, solange die Herdebuchtier-Statistiken Jahr für Jahr in dieselbe Richtung zeigen, und solange Kraftfutter günstiger bleibt als der Umbau auf extensivere Systeme – solange kurieren Wandfluhs Fragen und Grafs Prüfaufträge an einem Symptom, dessen Ursache tiefer liegt.

Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) hat bis zum dritten Quartal 2026 Zeit, eine Vernehmlassungsvorlage zur AP30+ auszuarbeiten. Wer dann nur Förderinstrumente für graslandbasierte Produktion präsentiert, ohne zu erklären, warum die Betriebe trotz Grünland immer weniger Gras verfüttern, hat die Diagnose gelesen – und die Therapie nicht verschrieben.