Beim Rind gilt die Hypokalzämie seit Jahrzehnten als eines der zentralen Gesundheitsthemen. Beim Schwein dagegen fragt kaum jemand danach. Alexander Grahofer von der Vetsuisse-Fakultät der Universitäten Bern und Zürich hat am diesjährigen Schweizerischen Tierärztetag in Bern den aktuellen Forschungsstand präsentiert und gezeigt, dass das Desinteresse an Calcium beim Schwein nicht gerechtfertigt ist.
Grosse Würfe führen zu mehr Problemen
Mit der züchterischen Steigerung der Wurfgrösse in den vergangenen Jahrzehnten ist auch die Zahl der Geburten gestiegen, die aus dem Ruder laufen. Als kritische Grenze gilt in der Literatur eine Austreibungsphase von 300 Minuten. Rund 20 Prozent aller Geburten überschreiten diesen Wert.
Die Grafik, die Alexander Grahofer zeigte, macht den Zusammenhang deutlich: Je mehr Ferkel insgesamt geboren werden, desto länger dauert logischerweise auch die Geburt. Mit jedem zusätzlichen Ferkel steigt das Risiko einer problematischen Geburt weiter.
Dahinter steckt eine einfache Physiologie: Schwache und zu lange Wehen beeinträchtigen die Durchblutung von Plazenta und Nabelschnur. Den Feten fehlt Sauerstoff. Das führt zu Ferkeln, die zwar lebend auf die Welt kommen, aber vital geschwächt sind – oder eben zu Totgeburten.
Warum Calcium dabei eine Rolle spielt
Calcium ist der entscheidende Mineralstoff für die Muskelkontraktion, auch im Uterus. Nur die ionisierte Form ist biologisch aktiv und kann von der Sau direkt genutzt werden. Sie macht rund 50 Prozent des im Blut zirkulierenden Calciums aus. Die restlichen 45 Prozent sind an Proteine gebunden, weitere 5 Prozent sind an Anionen komplexiert. Beide Fraktionen stehen dem Körper nicht unmittelbar zur Verfügung.
Wie gut oder schlecht eine Sau mit ionisiertem Calcium versorgt ist, beeinflusst also direkt, wie kräftig und koordiniert sich der Uterus während der Geburt zusammenzieht. Schwache Wehen bedeuten längere Geburtsdauer, schlechtere Versorgung der Ferkel im Mutterleib und ein höheres Risiko, dass Ferkel mit Sauerstoffmangel zur Welt kommen.
Ein grundlegender Unterschied zwischen Kuh und Sau fiel Alexander Grahofer dabei auf: Beim Rind sinkt der Calciumspiegel nach der Geburt. Das ist die klassische Hypokalzämie, die Landwirte und Tierärzte gut kennen. Beim Schwein verhält es sich umgekehrt: Der Calciumspiegel steigt nach der Geburt. Warum das so ist, konnte Grahofer aber nicht erklären. Die Forschungslage gibt keine eindeutige Antwort.
Was die Daten sagen
Konkrete Messdaten zum Zusammenhang zwischen Calcium und Geburtsverlauf beim Schwein liefert eine Studie. Darin wird zwischen Sauen mit normaler Geburt und solchen mit Geburtsstörungen unterschieden. Das Ergebnis: Das totale Calcium ist über den gesamten Zeitraum rund um die Geburt bei Sauen mit Problemen signifikant tiefer als bei problemlosen Geburten. Als diagnostischer Schwellenwert lässt sich ein Wert von 2,38 mmol/l definieren – rund vier von fünf Fällen liessen sich auf dieser Basis korrekt zuordnen.
Beim ionisierten Calcium zeigt sich das Bild differenzierter: Der signifikante Unterschied zwischen Sauen mit und ohne Geburtsprobleme tritt erst am ersten Tag nach der Geburt auf. Während des Geburtsgeschehens selbst ist er statistisch noch nicht gesichert.
Auffälliger Zusammenhang zwischen Calcium und Nabelschnur
Besonders praxisrelevant ist ein weiterer Befund: Wird der Calciumgehalt zehn Stunden vor der Geburt gemessen und ist er tief, ist die Sterblichkeit der Ferkel signifikant höher. Das deutet darauf hin, dass der Calciumstatus der Sau bereits vor dem eigentlichen Geburtsgeschehen den Ausgang der Geburt beeinflusst.
Die Studie konnte keinen Einfluss auf die Totgeburtenrate und die Geburtsdauer insgesamt feststellen. Dafür war der Zusammenhang beim ionisierten Calcium und dem Zustand der Nabelschnüre auffällig: Sauen mit besserer ionisierter Calciumversorgung hatten seltener gerissene Nabelschnüre. Ein Zeichen dafür, dass die Ferkel während der Geburt besser mit Sauerstoff versorgt wurden.
Parität als Risikofaktor
Ein Befund, den Alexander Grahofer besonders hervorhob: Es gibt eine Korrelation zwischen der Parität (Anzahl bisheriger Würfe) und dem ionisierten Calciumgehalt. Ältere Sauen, also solche mit mehr Würfen, haben tiefere Werte an verfügbarem Calcium.
Das ist dem bekannten Muster beim Rind verblüffend ähnlich, wo ältere Kühe ein höheres Milchfieberrisiko tragen. Wer im Betrieb einen hohen Anteil älterer Sauen hat, hat damit möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko für Geburtsprobleme, ohne dass er es bisher auf Calcium zurückgeführt hätte.
Dazu kommt ein Trend in den Daten: Sauen, die vor der Geburt tiefe Calciumwerte aufweisen, haben diese auch nach der Geburt noch. Der Calciumstatus verbessert sich bei diesen Tieren nicht automatisch mit dem Ende der Geburt. Das ist insofern relevant, als Calcium auch für die Kolostrumproduktion und die frühe Laktation wichtig ist.
Haltung beeinflusst Calciumwerte
Einen weiteren Befund aus der Studie Blim et al. (2020) nannte Alexander Grahofer ohne ausführlichen Kommentar, der aber in der heutigen Diskussion um Haltungssysteme an Gewicht gewinnt: Sauen in freier Abferkelung wiesen während der Geburt höhere ionisierte Calciumwerte auf als Sauen im Kastenstand.
Kalziumchlorid als Fütterungsintervention
Dass man mit gezielter Fütterung tatsächlich etwas bewegen kann, zeigt eine Studie aus Thailand: Ruampatana et al. (2025) haben in einem kontrollierten Versuch an einer kommerziellen Schweinefarm 58 Landrace-Yorkshire-Kreuzungsauen in zwei Gruppen eingeteilt. Die Kontrollgruppe erhielt eine Standardlaktationsdiät ohne Zusatz. Die Versuchsgruppe bekam dieselbe Ration plus täglich 25 Gramm Kalziumchlorid (CaCl₂) — beginnend ab dem 109. Trächtigkeitstag bis sieben Tage nach der Geburt, im Schnitt während knapp 14 Tagen.
Kalziumchlorid ist eine anionische Verbindung. Sie verschiebt das Mineralstoffgleichgewicht im Futter und fördert dadurch die Mobilisierung von Calcium aus den Knochen. Dieses Prinzip ist in der Milchkuhfütterung seit Jahren etabliert und gilt als wirksame Prophylaxe gegen Milchfieber. Bei Sauen wurde es bisher kaum untersucht.
Weniger Totgeburten, weniger Sauerstoffmangel bei den Ferkeln
Das Ergebnis der Studie ist bemerkenswert. Der entscheidende Unterschied zeigte sich ausserhalb der Arbeitszeiten, also genau dann, wenn keine Geburtsüberwachung und keine Geburtshilfe verfügbar sind: In der Kalziumchlorid-Gruppe wurden 5,5 Prozent der Ferkel tot geboren, in der Kontrollgruppe 13,9 Prozent.
Während der Arbeitszeiten mit verfügbarer Geburtshilfe zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen. Das legt nahe, dass Kalziumchlorid vor allem dort wirkt, wo keine externe Unterstützung den Mangel kompensiert: beim nächtlichen Abferkeln ohne Betreuung.
Ferner benötigten die Ferkel der supplementierten Sauen weniger Geburtshilfe. Besonders deutlich war der Effekt bei den ersten sieben Ferkeln eines Wurfes: Nur 17,9 Prozent dieser Ferkel brauchten Hilfe bei der Geburt, gegenüber 33,9 Prozent in der Kontrollgruppe.
Ein Wermutstropfen: Die Geburtsgewichte der Ferkel aus der Supplementierungsgruppe waren tiefer. Auf das Gewicht während der Säugezeit hatte die Kalziumchlorid-Gabe dagegen keinen negativen Einfluss, die Ferkel holten auf.
Was das für die Praxis bedeutet
Alexander Grahofer zog eine nüchterne Bilanz: Die Datenlage zu Calcium beim Schwein sei noch dünn, das Thema bisher wenig beachtet. Was vorhanden sei, zeige aber einen klaren Trend. Calcium spielt eine Rolle bei Geburtsverlauf, Ferkelvitalität und möglicherweise der Totgeburtenrate.
Betriebe mit grossen Würfen, hohem Anteil älterer Sauen und Problemen beim nächtlichen Abferkeln haben möglicherweise ein Calciumthema, ohne es zu wissen.
Die Intervention mit Kalziumchlorid ist einfach und in der Milchkuhfütterung seit Jahren etabliert. Die Studie aus Thailand liefert erste vielversprechende Daten — auch wenn sie an einer Versuchsgruppe von 58 Sauen unter tropischen Bedingungen gemacht wurde und die Übertragbarkeit auf Schweizer Verhältnisse noch zu bestätigen wäre.
Für Betriebe, die nachts viele Verluste beim Abferkeln haben und bisher keine klare Ursache gefunden haben, lohnt es sich, die Calciumversorgung der Sauen genauer anzuschauen.

