Ökotourismus ist in aller Munde. Doch meinen da alle dasselbe? Sind das wandernde Vegetarier(innen) mit Zelt und Schlafsack oder Stadtflüchtende, die mit schnittigem E-Auto ins Bergdorf fahren, um zu wellnessen?
«Öko» kann Vieles bedeuten
Wie dem auch sei, die Bandbreite ist gross. Denn Öko kann sich sowohl auf die konsumierten Lebensmittel, die ökologische Fortbewegung oder den Aufenthalt in der Natur beziehen – am besten gleich alles zusammen. Viele dieser Gäste suchen Inspiration in der Natur, möchten sich von Hektik und Stress erholen, freuen sich auf spannende Beobachtungen und geniessen Gastfreundschaft und lokale Produkte.
Jedes Jahr besuchen rund 120'000 Menschen den Schweizerischen Nationalpark (SNP), den ältesten Nationalpark der Alpen. Im Jahr 2020 waren es Corona-bedingt sogar rund 50 Prozent mehr Gäste, die in die Nationalpark-Region gekommen sind und die Natur im Park wandernd entdeckt haben. Offenbar liegt diese Art von Urlaub im Trend und der Begriff Ökotourismus passt da durchaus. Auch wenn sich nicht alle Gäste gleichermassen Gedanken zu ihrem ökologischen Fussabdruck machen.
Zusammenhänge erklären und Freude wecken
Wie so Vieles birgt auch der Ökotourismus Chancen und Risiken. Der SNP wurde vor über 100 Jahren gegründet, um ein Stück Gebirgslandschaft seiner natürlichen Entwicklung zu überlassen und die Veränderungen zu erforschen. Den Gründern war es von Beginn an auch ein Anliegen, den Menschen die Zusammenhänge in der Natur zu erklären. Diese drei Aufgaben – Naturschutz, Forschung und Information – bilden auch nach über einem Jahrhundert das Credo des SNP.
Ökotourismus bietet die Chance, die Gäste für eine nachhaltige Lebensweise zu sensibilisieren. Viele Menschen leben heute in Städten und Agglomerationen und haben den direkten Kontakt zur Natur und zur Landwirtschaft weitestgehend verloren. Immer wieder erleben wir auf Exkursionen mit Schulklassen Kinder, die noch kaum je auf einem unebenen Wanderweg durch einen Wald gegangen sind.
Genau hier können wir ansetzen: Indem wir Freude an der Natur wecken, Zusammenhänge erklären, Geschichten erzählen, den Austausch fördern. Hier spielen Pärke eine wichtige Rolle in der Vermittlung. Im vergangenen Jahr durften unsere Guides über 4000 Personen in den Nationalpark begleiten und ihnen zeigen, wie sich die Natur entwickelt, wenn der Mensch nicht eingreift.
Ökotourismus muss nachhaltig sein
Selbstverständlich gilt es auch hier, die richtige Balance zwischen schützen und nutzen zu finden. Dank den Schutzbestimmungen ist es möglich, die Besucherströme zu steuern und Beeinträchtigungen in der Natur zu vermeiden. Denn von Ökotourismus dürfen wir nur sprechen, wenn diese Form des Reisens nachhaltig ist – sprich wenn weder die Natur noch die Kulturlandschaft dabei zu Schaden kommen.
Heute sind Wildnisgebiete wie der Nationalpark in der Schweiz selten geworden. Mit zunehmender Bevölkerungszahl und Nutzungsintensität spielen solche Totalreservate allerdings eine immer wichtigere Rolle in der Umweltbildung, indem sie Menschen den Einblick in eine vom Menschen unberührte Naturlandschaft ermöglichen.
Parallel dazu bieten beispielsweise die regionalen Naturpärke eine breite Palette an Aktivitäten, bei denen Gäste mehr über die nachhaltige Nutzung unserer Kulturlandschaft erfahren. Denn intakte Natur- und Kulturlandschaften bilden unsere Lebensgrundlage.
Zum Autor
Hans Lozza ist Leiter Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit beim Schweizerischen Nationalpark. Er schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

