Plus

Das Richtige auswählen ist gar nicht so einfach!

Unsere Autorin ist der Meinung, dass eine grosse Auswahl von Lebensmittel im Detailhandel nicht immer nur Vorteile hat.

Wer heute durch die Schweizer Supermärkte streift und – sagen wir einmal – Milch kaufen will, ist gefordert. Fast so wie vor Jahrzehnten in den französischen Supermärkten wie Rallye, Leclerc, Super U, Carrefour und wie sie alle heissen. Ich erinnere mich gut an meine Teenagerferien bei einer französischen Familie, die mit den Jahren zu Freunden mutierte. «La Petite», also ich, wollte immer zum Einkaufen mitfahren. Wie fasziniert war ich von dieser unglaublichen Auswahl. Nicht fünf, nicht zehn, sondern vierzig verschiedene Buttersorten! Nicht drei, nicht acht, sondern dreissig Rahmvarianten! Nicht eine, nicht drei, sondern dreizehn unterschiedliche Kichererbsendosen, aus den unterschiedlichsten Ländern zusammengetragen! Stundenlang hätte ich durch die Gänge streifen und die Regale inspizieren wollen. Was es da nicht alles zu entdecken gab, während meine Gastfamilie «rapidement» den Einkauf erledigen wollte, um anschliessend an den bretonischen Strand zu fahren.

Daheim, beim orangen Detailhändler, dessen Fläche etwa zwanzigmal in die meines bevorzugten «Géant Casino» passte, gabs dann wieder «Erdbeer, Schoggi, Nature» zur Joghurtauswahl. Was den Einkauf nicht spannend, aber sehr viel einfacher machte. Wir sind trotzdem unbeschadet gross geworden und hatten kaum den Eindruck, es fehle uns etwas. Auch wenn ich manchmal etwas wehmütig an diese gewaltige Auswahl zurückdachte. Heute haben sich auch unsere Detailhändler an die unterschiedlichsten Bedürfnisse angepasst (sofern die Nachfrage gross genug ist, andernfalls verschwinden gewisse Produkte auf Nimmerwiedersehen aus den Regalen) und ihr Sortiment massiv erweitert. Was früher nur in Spezialgeschäften oder Reformhäusern erhältlich war und wofür man grosse Umwege in Kauf nehmen musste, findet sich heute wie selbstverständlich im Sortiment eines gut assortierten Ladens. Bio, Charcuterie ohne Schweinefleisch, Weizenkeimfreie Produkte, Diabetikernahrung, Nahrungsmittelergänzung, Balkan und Fernost und vieles mehr. Das alles wird offensichtlich freudig eingekauft.

Aber zurück zur anfangs zitierten Milch. Ich stehe also vor dem Kühlregal und habe meine Wahl zu treffen. Vollmilch, halbfett, viertelfett, totalentrahmt, kalziumangereichert, hocherhitzt, Bio, Demeter, M-Budget, Geissen- und Schafmilch, laktosefrei… Klar, wir wissen meist ganz genau, was wir brauchen, schnappen uns im Vorbeigehen unser Produkt und hasten weiter. Und stossen auf weitere «Milch»-Auswahl. Da stehen sie, all die Ersatzprodukte: Mandelmilch, Hafermilch, Sojamilch und so weiter. Ist unsere Milch nicht mehr gut genug? Wie nötig ist es, ein gutes und bewährtes Produkt dem Lifestyle anzupassen? Ich meine damit explizit nicht medizinische Gründe wie zum Beispiel Laktoseintoleranz. Es ist begrüssenswert, dass Menschen mit diesem Befund ihre gewünschten Produkte ebenfalls zu günstigem Preis und beim Detailhändler beziehen können. Das bringt mich gleich zu einem weiteren Punkt:

«Von Lebensmittelintoleranzen ist nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung betroffen», sagt Beda Stadler, schweizweit bekannter Immunologe und Kämpfer gegen Halbwahrheiten. Das betrifft auch die Glutenunverträglichkeit. Woran erkennt man den echten Patienten? Er sagt, wie der Herr Doktor auch, «Gluteeeen», und nicht, wie man immer wieder hört, «Gluuuuten». So, nun ist auch das wieder einmal gesagt.

Nun also, Mandelmilch. Gerade durften wir der Presse entnehmen, dass diese alles andere als ökologisch ist: Der Wasserverbrauch für die Mandelbäume ist exorbitant hoch. Gemäss einer WWF-Studie können Veganer somit der Umwelt mehr schaden als ein Omnivore, ein Allesfresser. Sollten Sie also im Bewusstsein, etwas für die Umwelt zu tun, zur Mandelmilch greifen, lassen Sie das besser sein – denn ein besserer Mensch werden Sie damit nicht!