Der Schweizer Appetit auf Poulet kennt kaum Grenzen. Laut Proviande stieg das Geflügelfleischangebot 2024 um 9,1 Prozent – stärker als jede andere Fleischart. Das Pro-Kopf-Angebot lag bei 15,9 Kilogramm. Gegenüber rund 9,2 Kilogramm im Jahr 2000 entspricht das einer Zunahme von über 70 Prozent innert einem Vierteljahrhundert. Trotzdem reicht die inländische Produktion nicht aus: Die Schweiz musste 2024 deutlich mehr Geflügelfleisch importieren als im Vorjahr (+15,5 %), der Selbstversorgungsgrad sank auf 63,7 Prozent.

Optigal stellt auf andere Rasse um

Auf diesen Boom reagiert nun die Migros. Ihre Marke Optigal, das Herzstück des Migros-Geflügelangebots, wird auf eine semi-extensive Rasse umgestellt. Die Kooperation mit IP-Suisse soll dabei den Rahmen liefern. «Die Migros gestaltet einen beträchtlichen Teil ihrer Poulet-Produktion noch nachhaltiger, indem sie ihre Marke Optigal auf eine semi-extensive Rasse umstellt», erklärt Andy Zesiger, Mediensprecher des Migros-Genossenschafts-Bundes, auf Anfrage. Im Fokus stehe «eine Rassenwahl mit weniger intensiven, d. h. langsamer wachsenden und robusteren Linien mit längerer Mastdauer».

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Kein Totalausstieg aus Ross 308

Die Schlagzeile klingt nach einem Paradigmenwechsel. Tatsächlich ist es ein erster Schritt – und ein bewusst begrenzter. Die umstrittene Hochleistungsrasse Ross 308, die im Zentrum einer Strafanzeige des Observatoire du spécisme beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) liegt, und wegen extremer Wachstumsraten, Knochenverformungen und Atemnot in der Kritik steht, bleibt im Sortiment. «Um die Versorgung und Abdeckung der Nachfrage zu gewährleisten, wird auf einen kompletten Ausstieg im Moment verzichtet», sagt Zesiger. Und weiter: «Wir wollen unserer Kundschaft die ganze Sortimentsbreite ermöglichen und die freie Wahl lassen.»

Abo Masthybriden wie die der Rasse Ross-308 würden Qualen erleiden während der Mast, so TIF. Migros und Aviforum nehmen Stellung zu den Vorwürfen. Pouletmast Qualzucht bei der Migros? Ross-308-Masthühner in Kritik Dienstag, 2. September 2025 Dahinter steckt ein handfestes Versorgungsargument. Christophe Eggenschwiler, Geschäftsführer von IP-Suisse, bringt es auf den Punkt: «Durch die längere Mastdauer sinkt die Menge der im Inland produzierten Poulets. Bei gleichbleibender oder steigender Nachfrage kann der Importanteil steigen. Im Sinne der Versorgungssicherheit sowie der Tierhaltung, die hierzulande und gerade bei der Migros höheren Standards entspricht, wäre dies das falsche Signal.» Mit anderen Worten: Ein vollständiger Umstieg auf langsam wachsende Rassen riskiert, die Schweizer Produktion zu schwächen und die Importabhängigkeit weiter zu erhöhen. Ein Argument, das in Bern angesichts der laufenden Debatten um die Ernährungssicherheit niemand gerne ignoriert.

Die Weide fällt weg – und das hat seinen Grund

Ein Detail im neuen IP-Suisse-Programm fällt Kennern der Branche auf: Die Weide ist kein Pflichtkriterium mehr. Wer bisher für die Migros mit Weidepoulets produziert hat, ist damit nicht mehr zwingend gefragt. Eggenschwiler verteidigt diesen Entscheid: «Die Richtlinien für ‹IP-Suisse Mastpoulet BTS und halbextensive Rasse› garantieren mehr Tierwohl durch die breite Umsetzung und stellen die notwendige Warenverfügbarkeit sicher.» 

Die Stossrichtung ist Breite statt Nische: Lieber möglichst viele Betriebe auf eine robustere Rasse umstellen, als nur eine Handvoll Weidebetriebe in einer Premiumlinie zu halten.  Für Mäster, die heute bereits mit Weide produzieren, bedeutet das keine Benachteiligung – und sie erhalten eine Garantie. «Diese Mäster können selbstverständlich weiter für die Migros produzieren», versichert Andy Zesiger von der Migros. «Auch unter dem Label IP-Suisse», ergänzt IP-Geschäftsführer Christophe Eggenschwiler. Die Umstellung bedeute lediglich, dass die Weide keine Pflicht mehr darstelle. Für die veränderte Lohnstruktur – den Wegfall des Entgelts für den Arbeitsaufwand der Weide – würden «individuelle Lösungen in der Übergangsphase» gefunden. 

Faire Entlöhnung für Mäster  

Wer umstellt, soll wirtschaftlich nicht bluten. Das ist das zentrale Versprechen des neuen Modells. «Der Wechsel auf die neue Rasse darf keinen finanziellen Nachteil für die Bauern verursachen», hält Andy Zesiger fest. Mäster, die auf das IP-Suisse-Programm wechseln, erhalten eine Prämie, die den Mengenausfall aufgrund der längeren Mastzeit ausgleicht – das jährliche Einkommen soll trotz eines Umtriebs weniger pro Jahr stabil bleiben. «Wir sind bestrebt, ein Vergütungsmodell zu entwerfen, das den Verdienst mit der semi-extensiven Rasse gegenüber einer Intensivrasse stabil hält», führt Zesiger aus. Wer nicht ins IP-Suisse-Programm wechseln will, kann das laut Zesiger auch lassen: «Für Mäster, die nicht dem IP-Suisse-Programm beitreten wollen, ändert sich nichts. Sie können weiter unter der Marke Migros nach dem BTS-Bundesprogramm Poulets produzieren.» Die Stallanforderungen für das neue Programm bleiben überschaubar: Die Hallen müssen den BTS-Anforderungen entsprechen, grössere bauliche Anpassungen sind kaum nötig.  

Vertragsproduktion als Sicherheitsnetz  

Ein strukturelles Merkmal der Migros-Geflügelproduktion bleibt unverändert und soll den Betrieben Halt geben: «Schweizer Poulets für die Migros werden immer im Vertrag produziert», betont Andy Zesiger. Das ermögliche den Betrieben die wichtige Planungssicherheit. In einem Markt, der stark von Importdruck und Preisschwankungen geprägt ist, ist das nicht zu unterschätzen, zumal der Trend zu langsamer wachsenden Rassen die Produktionskosten strukturell erhöht.  

St. Aubin als strategischer Anker  

Im Hintergrund läuft ein Grossprojekt, das den Umbau der Migros-Geflügelproduktion langfristig abstützen soll: der neue Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb in St. Aubin im Kanton Freiburg. Andy Zesiger nennt ihn explizit als Teil der Strategie: Er «unterstützt diese Ziele langfristig zusätzlich». Der Bau ist nicht unumstritten, Tierschutzorganisationen haben gegen das Projekt mobilisiert, doch für Migros ist er ein Baustein in der Neuausrichtung der Optigal-Linie.    

Die Ankündigung erfolgt vor einem brisanten Branchenhintergrund: Seit Herbst 2025 liegt beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen eine Strafanzeige des Observatoire du spécisme gegen den Einsatz von Ross-308-Masthybriden vor; Tier im Fokus hat sich der Anzeige angeschlossen. Videoaufnahmen aus einem Betrieb in der Waadt zeigten Tiere, die kaum noch stehen konnten. Migros hatte die Authentizität dieser Aufnahmen damals angezweifelt und auf Branchenstandards verwiesen.  

Klar ist: Mit der Umstellung von Optigal auf eine semi-extensive Rasse bekennt sich die Migros erstmals konkret zu einem Richtungswechsel. Ob dieser in einigen Jahren auch das übrige Sortiment erfasst, hängt – wie so oft in der Schweizer Landwirtschaft – davon ab, was die Konsumentinnen und Konsumenten am Ende bereit sind zu bezahlen.