Im Brotgestell von Coop reihen sich die Naturaplan-Knospe-Brote aneinander. Bio, Bio, Bio. Coop ist die nachhaltigste Detailhändlerin mit dem grössten Bio-Sortiment: knapp 5000 Bioprodukte, 3000 davon unter der Eigenmarke Naturaplan. Davon profitiert die nachhaltig produzierende Schweizer Landwirtschaft. Laut Bio Suisse erwirtschaftete Coop 2023 einen Bio-Umsatz von knapp 1,7 Milliarden Franken. Die Schweiz ist laut Bio Suisse weltweit das Land mit den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Bio-Lebensmittel: 458 Franken pro Person und Jahr. Das Gewissen kauft sich teuer ein. Und das Regal gibt nach.
Die Schweiz hat 2025 eine ausserordentlich gute Ernte eingefahren. Nach dem Desaster von 2024, der schwächsten Brotgetreideernte seit 25 Jahren laut Swiss Granum, hat die Natur 2025 zurückgegeben, was sie im Vorjahr genommen hatte. Der Schweizerische Getreideproduzentenverband zog an seiner Delegiertenversammlung im November 2025 die Bilanz einer guten Ernte. Die Getreidelager sind voll. Nicht nur bei der Fenaco, auch bei IP-Suisse liegt Getreide am Lager. Zum Beispiel 30000 Tonnen pestizidfrei.
Wenn Erfolg verdrängt
Und was macht der Markt? Er importiert. Laut Bio Suisse wurden 2024 rund 69 000 Tonnen Bio-Getreide importiert, mengenmässig das zweitgrösste Importprodukt im Bio-Segment. Laut den provisorischen Erhebungen von «Bioaktuell» betragen die Inlandanteile beim Knospe-Brotgetreide für 2025/26: Weizen 71 Prozent, Roggen 45 Prozent, Dinkel 48 Prozent. Fast ein Drittel des Bio-Weizens kommt aus dem Ausland. Beim Roggen und Dinkel ist es mehr als die Hälfte.
Was heisst das nun? Der steigende Bedarf an Bio verdrängt die Inlandware. Auch nachhaltig produzierte. Wurden Importverträge nach der katastrophalen Ernte 2024 aus Vorsicht frühzeitig abgeschlossen? Oder anders gefragt: Besteht überhaupt ein Interesse daran, zu warten, bis bekannt ist, wie viel geerntet wurde hierzulande, oder plant man lieber nach dem Massstab von schlechten Jahren? Und wenn eine ausserordentlich gute Ernte kommt, schauen die Schweizer Bauern einfach zu, wie ihr Getreide im Lager liegt, weil die Verträge mit ausländischen Lieferanten bereits unterzeichnet sind?
Unterwegs auf einer Einbahnstrasse
Das ist keine Strategie. Das ist eine Einbahnstrasse. Wer die Knospe auf ein Produkt drucken will, zahlt Bio Suisse Lizenzgebühren, unabhängig davon, ob das Getreide aus dem Schweizer Mittelland oder aus Rumänien stammt. Im Grunde ist das verständlich, aber es lässt mindestens die Vermutung zu, dass man gar kein Interesse daran hat, mehr Inlandware zu verarbeiten, weil ausländische Bio-Ware deutlich günstiger zu beschaffen ist. Das muss man wissen, wenn man Aussagen zur Beschaffungsstrategie einordnet.
Urs Brändli, der langjährige Präsident von Bio Suisse, argumentiert, es sei grundsätzlich wichtig, dass möglichst viel Bio produziert werde, egal wo auf dieser Welt. Das Argument hat seine Berechtigung. Trotzdem stimmt diese Haltung nachdenklich, denn es ist eben nur die halbe Wahrheit. Denn Bio-Getreide, das mit Schiff und Lastwagen aus Osteuropa in die Schweiz transportiert wird, verbraucht fossile Brennstoffe. Es konkurrenziert Schweizer Bauern, die in Wissen, Nachhaltigkeit und umweltgerechte Produktionsmethoden investiert haben. Und es belastet Lager, die eigentlich für Schweizer Ware gebaut wurden. Ist Bio von irgendwoher wirklich besser als nachhaltig produziert aus der Schweiz? Ich sage Nein. Und wenn Schweizer Lager voll sind mit bestem inländischem Getreide, dann ist der Import keine Ergänzung mehr. Dann ist er eine Verdrängung.
Ganze Getreideproduktion infrage gestellt
Was hier infrage gestellt wird, ist nicht nur die Bio-Produktion. Es ist die gesamte Schweizer Getreideproduktion. Der IP-Suisse-Bauer im Seeland, der pestizidfreien Weizen produziert, konkurriert mit importiertem Bio-Getreide, das am Ende billiger ist. Der konventionelle Getreideproduzent im Mittelland sieht, wie Verarbeitungskapazitäten für importierte Bio-Ware belegt werden. Und alle zusammen erhalten dasselbe Signal: Investitionen in bessere Produktionsmethoden lohnen sich nur so lange, wie der Markt mitmacht. Und der Markt macht nicht mit, wenn eine ausserordentlich gute Ernte im Lager bleibt.
Coop hat 2021 versprochen, bis 2027 sämtliche Bio-Brote aus 100 Prozent Schweizer Knospe-Mehl zu backen. Das Versprechen steht. Die Jahrhunderternte 2025 hat 71 Prozent gebracht. Spätestens hier kann man sich fragen, ob so ein Ziel überhaupt erreichbar ist. Nicht nur dann, wenn Schweizer Ware mangels Alternative die einzige Option ist.
Wann reden wir über einen Inlandvorrang?
Vielleicht ist es heute noch nicht salonfähig, aber unter Umständen müssen wir über einen Inlandvorrang reden, damit ausgeschlossen wird, dass gute Inlandware zu Futtergetreide deklassiert werden muss. Wer sich als nachhaltigste Detailhändlerin der Schweiz positioniert, wer einen Milliarden-Franken-Bio-Umsatz generiert, wer mit der Knospe auf der Brust durch die Werbung läuft, der muss sich fragen lassen, warum in einem Jahr mit einer ausserordentlich guten Ernte Schweizer nachhaltiger Brotweizen am Lager liegt und trotzdem importiert wird. Die Antwort kann nicht sein, dass die Verträge nun mal so stehen. Die Antwort muss sein, wie man das ändert.