Lupinen sind ein Gewinn für Gesundheit, Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Klima – davon ist Biovision überzeugt. Sie hat diese Leguminose zum Superfood des Jahres 2026 gekürt. «Damit machen wir auf Lebensmittel aufmerksam, die künftig in unserer Ernährung eine noch grössere Rolle spielen sollten», erklärt die Stiftung für ökologische Entwicklung.
Enthalten mehr Protein als Soja
Im Vergleich zu Soja sind Lupinen kältetoleranter und weisen mit 40 Prozent einen höheren Proteingehalt auf, sagt Miriam Kamp im Interview mit Biovision. Kamp ist Lupinenzüchterin bei der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) und lobt weiter das vorteilhafte Aminosäurenprofil und den Ballaststoffgehalt der Lupine, der gut für die Verdauung ist. Als Leguminose bringt die Kultur Stickstoff in den Boden und dient Insekten als Pollenquelle. «Und sie kann Phosphor im Boden mobilisieren», ergänzt Kamp.

Bitterstoffe können Lupinen ungeniessbar machen
Für die Schweiz gibt es laut Miriam Kamp zwei relevante Lupinenarten, wobei für den Anbau für die menschliche Ernährung nur Sorten der Blauen Lupinen empfohlen würden. «Die Weisse hat aber einen besseren Ertrag: 3,5 gegenüber 2,5 t/ha.» Der Lupinenproduktion stehen derzeit drei grosse Hürden im Weg. Erstens die Pilzkrankheit Anthraknose, zweitens Bitterstoffe (Alkaloide), die in hohen Konzentrationen Lupinen ungeniessbar machen können – und drittens sind die flachen, runden Kerne in Schweizer Küchen weitgehend unbekannt. Das gilt für die Zubereitung ebenso wie für den Genuss.
Züchtungsprojekt soll resistente und bitterstoffarme Sorte liefern
Die GZPK arbeitet derzeit in einem vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) geförderten Projekt in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) an Lupinensorten, die sowohl resistent sind gegen Anthraknose als auch wenig Bitterstoffe enthalten. Das Projekt ist Anfang 2025 gestartet.
Neben angepassten Sorten für den Anbau in der Schweiz bräuchte es nach Meinung von Miriam Kamp politische Massnahmen, um Lupinen zum Durchbruch zu verhelfen – namentlich einen besseren Grenzschutz für Körnerleguminosen. Für die Vermarktung sieht die Pflanzenzüchterin insbesondere in der Ausser-Haus-Verpflegung eine Chance, also in Restaurants oder Mensen. «An diesen Orten wird die Essenszubereitung professionell geplant und vorbereitet», gibt sie gegenüber Biovision zu bedenken. «Da wäre es realistischer, dass die Lupinen rechtzeitig eingeweicht werden.»
Kaum Probleme in der Kulturführung – aber je nach Jahr nicht essbar
Die Hürden in der Vermarktung von Lupinen kennt Martin Riggenbach bestens. «Wir waren vor vielleicht 10 Jahren unter den ersten, die mit dem Anbau angefangen haben», erzählt der Biolandwirt aus Solothurn. Lupinen zu produzieren, sei kein Problem. «Man kann sie mit einer normalen Sämaschine säen, als Hackfrucht führen und per Mähdrescher ernten», schildert er. Eine Stützkultur, z. B. Getreide, sei empfehlenswert und stelle für die Sortierung des Ernteguts kein Problem dar.
Bei der Sortenwahl achtete Riggenbach auf die Anthraknose-Resistenz – das seien aber eben genau die Sorten, die eher Probleme mit Bitterstoffen machten. Der Gehalt schwanke je nach Jahr in Abhängigkeit von der Witterung. «So können die Lupinen sehr bitter sein und eine Überdosis führt zu Nervenproblemen.» Auch zum Verfüttern eigneten sich Lupinen mit erhöhtem Bitterstoffgehalt nur sehr beschränkt, da Schweine sie schnell nicht mehr fressen würden.
«Lupinen sind nicht marktfähig – es will sie einfach keiner»
Trotzdem hat Martin Riggenbach jahrelang Lupinen angebaut für die Direktvermarktung in seinem Hofladen nahe der Stadt Solothurn. Mehl, Griess, halbierte und geschälte Lupinen waren im Sortiment des Rosegghofs. Damit wollte die Bio-Bauernfamilie gezielt Vegetarier(innen) ansprechen.
Mittlerweile hat es Riggenbach jedoch aufgegeben. «Lupinen sind nicht marktfähig – es will sie einfach keiner», so das Fazit aus seinen Erfahrungen. Er kenne viele, die den Anbau aufgegeben haben. «In Deutschland läuft es besser, da ist der Markt grösser», bemerkt er. Seiner Meinung nach sind Lupinen hierzulande nur dann marktfähig, wenn die Kerne von der Industrie verarbeitet werden. Bei einer Extraktion der Proteine gehe aber der Charakter der Hülsenfrucht als natürliche Eiweissquelle verloren, bedauert Riggenbach.
Diverse Produkte ausprobiert und schliesslich aufgegeben
Martin Buri aus Lyssach BE gehört ebenfalls zu jenen, die mit den Lupinen wieder aufgehört haben. Er führt einen vielseitigen, gemischten IP-Betrieb mit kleinem Hofladen und lieferte seine Lupinen an verschiedene Unverpacktläden, ebenso als lokale Produkte in die Landi. So gab es Tremoços (Lupinenkerne im Glas), Lupinenmehl und Lupinenteigwaren aus Lyssach. «Die Nachfrage hat nach der Corona-Pandemie immer mehr abgenommen», sagt Buri.
Unverpacktläden in der Region gingen ein. Andere hatten kein Interesse an seinen Lupinen, weil er nicht biozertifiziert ist. Aus Lupinen Tofu herzustellen, wie man es von Soja kennt, gelang Buri nicht. Die Masse sei nicht geronnen. Sein Lupinenkaffee wurde nicht gekauft. Nach sechs Jahren hat der Berner einen Schlussstrich gezogen und baut jetzt Winterweizen statt der Lupinen an.
«Das ist schade, denn Lupinen wären eine sehr interessante Kultur», findet er. Daher schliesst er auch nicht aus, dereinst – bei besseren Aussichten – auf seine Anbauerfahrung zurückzugreifen und wieder einzusteigen. Zumal die Wertschöpfung eigentlich gut gewesen wäre, solange der Absatz stimmte. Und unter der Voraussetzung, dass genügend Kapazitäten für Verarbeitung und Vermarktung bestehen.

«Konsumenten bleiben bei den gewohnten Produkten»
«Es gab einmal einen Versuch, der ist dann aber an zu hohen Alkaloidwerten gescheitert», erklärt Melanie Rubath, bei Biofarm verantwortlich für Hülsenfrüchte und Ackerbau-Spezialitäten. «Nach unseren Versuchen haben wir den Fokus wieder vermehrt auf Linsen und Auskernbohnen gerichtet und die Lupine nicht weiterverfolgt.» Die Genossenschaft führt entsprechend aktuell keine Lupinen im Sortiment. Neben der Bitterstoff-Problematik sprach laut Rubath gegen die Hülsenfrucht, dass sie ein Allergen sei, das nicht in alle Verarbeitungsbetriebe integriert werden könne.
«Die Nachfrage nach Schweizer Bio-Lupinen für die menschliche Ernährung ist aus unserer Sicht zurzeit eher klein – vor allem wegen des im Vergleich zu importierter Ware relativ hohen Preises», fasst sie zusammen und schliesst sich damit Miriam Kamp an. Aus Rubaths Sicht würde es durchaus Sinn machen, Lupinen in der Schweiz vermehrt anzubauen und auf den Teller zu bringen. «Die Schwierigkeit ist oft, dass die Konsumenten häufig doch lieber bei den gewohnten Produkten bleiben und die Nachfrage deswegen klein bleibt.»
Ein neuer Akteur in der Schweizer Lupinenszene
Und doch gibt es Beispiele, in denen Lupinen erfolgreich vermarktet werden, z. B. der Grüthof in Wildensbuch ZH mit seinem Lupinenkaffee, den Biovision im Rahmen ihrer Superfood-des-Jahres-Kampagne besucht hat.
Ausserdem gibt es seit rund einem Jahr einen neuen Akteur in der Schweizer Lupinenszene. Und passend zu ihrem Namen erscheint «Yellow Sunshine» wie ein Silberstreif am Horizont. Die Marke gehört zu New Roots aus Oberdiessbach BE und hat sich ganz den Lupinen verschrieben. «Letztes Jahr haben wir rund 100 t Lupinen geerntet», gibt Freddy Hunziker, CEO und Mitgründer von New Roots, Auskunft. Der grösste Teil davon stammte noch aus Deutschland, während sich aktuell die gesamte Lieferkette in der Schweiz im Aufbau befinde. Die Rohstoffe sind biozertifiziert.
Keine Käsealternative: «Lupi» soll etwas Eigenständiges sein
Die Marke «Yellow Sunshine» werde bewusst neben New Roots etabliert. Denn während New Roots mit pflanzlichen Käse- und Joghurtalternativen nach eigenen Angaben «die Traditionen von morgen» erfinden will, knüpft Yellow Sunshine nicht an eine traditionelle Esskultur an. «Wir unterscheiden klar zwischen Käsealternativen und stärker proteinorientierter, funktioneller Ernährung», sagt Freddy Hunziker.
Mit «Lupi» – dem ersten Produkt von Yellow Sunshine – habe man etwas Eigenständiges geschaffen: «Ein fermentiertes Lebensmittel aus Schweizer Lupinen, das vielseitig, nährstoffreich und alltagstauglich ist.» Lupi ist ein Block, der in einer Nature-, Paprika-und-Pfeffer- sowie Kräuter-und-Knoblauch-Variante erhältlich ist. Verwenden könne man Lupi zum Beispiel gewürfelt im Salat, zerbröckelt im Sandwich, gebraten, auf Spiessli, in einem Curry oder Kuchen.

«Yellow Sunshine ist eine Marke, die sich als Fürsprecher für die Lupine positioniert und die Ernährung der Zukunft vorantreibt», beschreibt Freddy Hunziker die Motivation des Teams. Im Fokus stehe nicht Kulinarik wie beim Käse, sondern funktionelle Ernährung mit vollwertigem pflanzlichem Protein, das alle essenziellen Aminosäuren liefert. «Die Lupine wird dabei als nachhaltige, nährstoffreiche Proteinquelle mit klarem gesundheitlichem Mehrwert etabliert.»
Fermentation statt Proteinextraktion, Bitterstoffe «im Griff»
Das scheint der jungen Marke bisher nicht schlecht zu gelingen. Yellow Sunshine ist bereits schweizweit erhältlich, unter anderem bei Coop und Migros, in Bio-Fachgeschäften sowie online. Das sei ein schöner Start, findet Freddy Hunziker. «Und es zeigt uns, dass das Interesse an regionalen, pflanzlichen Proteinprodukten gross ist.»
Zwar sind die Lupinenkerne nicht mehr im Originalzustand bzw. lediglich gekocht und in ein Glas gefüllt. Das Protein daraus wurde aber auch nicht technisch aufwendig extrahiert. Vielmehr setzt Yellow Sunshine auf Fermentation, die Hunziker als «Schlüssel für funktionale und kulinarisch überzeugende Proteine» bezeichnet. Das Verfahren könne Bitterstoffe und Allergene reduzieren sowie die Nährwertqualität verbessern. Ausserdem liegt Fermentieren im Trend, liefert Probiotika und ist nicht zuletzt aus der Milchverarbeitung bestens bekannt. Die Bitterstoff-Problematik habe man durch das innovative Verfahren und jahrelange Forschung gut unter Kontrolle.

Mit Produkten konkrete Probleme der Ernährung lösen
Yellow Sunshine will eine optimistische Vision für eine nachhaltige Zukunft vermitteln. Weitere Produkte unter dieser Marke seien bereits in Arbeit, sagt Freddy Hunziker. Er ist vom enormen Potenzial der Lupine überzeugt. Der Ansatz von Yellow Sunshine sei bewusst fokussiert: Wenige Produkte, aber jedes mit klarem Mehrwert für Mensch und Natur. «Sollte ein Produkt keinen Mehrwert liefern, gibt es keinen Grund, es zu lancieren.» Jedes Produkt solle ein konkretes Problem der Ernährung von morgen lösen.
Wenn Yellow Sunshine erfolgreich bleibt und wachsen kann, könnte sie dazu beitragen, das Problem fehlenden Absatzes für jene zu lösen, die die Lupine gerne anbauen möchten.



