Die Situation auf dem Schweizer Milchmarkt ist angespannt: Im September und Oktober 2025 wurden rund 6 Prozent mehr Milch produziert als im Vorjahr. Im Dezember 2025 waren es sogar 10 Prozent mehr Molkereimilch, die eingeliefert wurde. Dies liegt insbesondere an der guten Futterlage, wodurch Kühe leistungsfähiger sind. Die Landwirtschaft produziert damit deutlich mehr Milch, als die Molkereien normalerweise abnehmen und verarbeiten können. 

Wegen der anhaltenden Überproduktion empfiehlt die Branchenorganisation Milch (BOM) ab 1. Februar 2026, Lieferungen über 105 Prozent der Vorjahresmenge mit Tiefstpreisen zu ahnden. «Jeder Erstmilchkäufer kann strengere Vorgaben oder Bestimmungen gegen Härtefälle definieren», teilte die BOM mit (wir berichteten).

Import hat sich verfünffacht

Gleichzeitig hat sich der Import von ausländischem Vollmilchpulver in den vergangenen Jahren massiv erhöht. Laut den Schweizer Milchproduzenten (SMP) wurden 2025 insgesamt 1 824 900 Kilogramm Vollmilchpulver für den Veredelungsverkehr importiert – 2024 waren es noch 1 083 000 Kilogramm.

Die «NZZ», die sich in den vergangenen Tagen ausführlich mit der Schweizer Milchproduktion auseinandergesetzt hat, zeigt das Ausmass der Entwicklung: 2019 importierten die Schokoladenhersteller rund 1000 Tonnen Vollmilchpulver, fünf Jahre später waren es bereits fast 5000 Tonnen. Rechnet man die importierten Mengen an Milchpulver und Butter zusammen, entspricht das insgesamt 62 Millionen Kilogramm ausländischer Milch, die hierzulande verarbeitet werden. Damit stammte 2024 fast jedes sechste Kilo Milch, das hierzulande zu Schokolade verarbeitet wird, aus dem Ausland, schreibt die «NZZ». Im vergangenen Jahr ging die Importmenge zwar etwas zurück, verblieb aber auf einem hohen Niveau.

«Man muss davon ausgehen, dass manche nicht die Wahrheit sagen»

Abo Milchkrise Milchkrise: «Nicht Überproduktion, sondern Importe sind schuld» – Viral-Post findet Zuspruch bei Bauern Dienstag, 3. Februar 2026 Unter dem aktiven Veredelungsverkehr versteht man, dass ein Unternehmen Rohstoffe zollfrei importiert, sie in der Schweiz verarbeitet und anschliessend das fertige Produkt wieder exportiert. Dies kann sich finanziell lohnen, da Milchpulver im Ausland billiger ist. Die überwältigende Mehrheit geht in die Herstellung von Schokolade und Babyfood.

Trotz dieses Fakts streiten fast alle Schokoladenhersteller ab, ausländisches Milchpulver zu verwenden, schreibt die «NZZ». Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), sagt: «Wenn man sich die Importzahlen anschaut, muss man davon ausgehen, dass manche nicht die Wahrheit sagen.» Insgesamt enthalten rund 20 Prozent der in der Schweiz hergestellten Schokolade ausländisches Milchpulver.

Das Problem: Es lässt sich nicht genau bestimmen, an welche heimischen Hersteller das ausländische Milchpulver geht. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit weiss lediglich, wie viel Milchpulver allgemein importiert werde. Wer das Milchpulver konkret importiere, wisse man hingegen nicht. Eine Antwort auf die Anfrage der BauernZeitung beim Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG), ob das Amt firmenspezifische Importstatistiken zur Verfügung stelle, ist noch ausstehend.

In der Branche möchte kaum jemand zugeben, ausländisches Milchpulver zu verwenden, wie die «NZZ» schreibt. Der Pressesprecher von Stella Bernrain aus Kreuzlingen erklärt, man verwende für die Produkte «fast ausschliesslich Schweizer Milch». Ausländisches Milchpulver werde lediglich für koschere Schokolade benutzt. Auch Lindt & Sprüngli betont, man nutze «ausschliesslich Schweizer Milchpulver». Die Migros ist auf ihre Eigenmarke Frey «stolz», die ebenfalls nur Schweizer Milch verwende. Nestlés Marke Cailler erklärt, es würden «keinerlei Milchbestandteile importiert». Die Liste lasse sich mit derartigen Aussagen noch lange fortführen, schreibt die «NZZ».

Aber die Aussagen stehen im klaren Widerspruch zu den offiziellen Handelsstatistiken. Offenbar möchte sich keiner der relevanten Schokoladenhersteller öffentlich dazu bekennen, auf ausländische Milch zu setzen. Der Reputationsschaden wäre zu gross: Würden Pralinés, Schoggistängeli oder Tafeln zwar mit Schweizer Flagge, grünen Wiesen oder Bernhardinern werben, aber keine oder nur wenig Schweizer Milch enthalten, hätte das verheerende Folgen fürs Geschäft.

«Da stimmt also irgendetwas nicht»

Stephan Hagenbuch von den SMP, zeigt sich im Beitrag der «NZZ» skeptisch gegenüber den Angaben der Schokoladenhersteller. Der Veredelungsverkehr sei derzeit eine Blackbox. Er wolle zwar kein Unternehmen anklagen. Sicher sei jedoch, dass Schokoladenhersteller in grosser Zahl Gesuche für den Veredelungsverkehr stellten. Er frage sich somit, wie das sein könne, wenn doch alle Hersteller angäben, «ausschliesslich» Schweizer Milch zu verwenden. «Da stimmt also irgendetwas nicht», sagt er.

Noch deutlicher wird der Schweizer Bauernverband. Dort ist man sicher, dass der Toblerone-Konzern Mondelez nicht auf Schweizer Vollmilchpulver setzt. Dies sei auch bei weiteren Grossherstellern gut möglich. Internationale Firmen wie Mondelez würden sich nicht mit der Schweiz und der hiesigen Landwirtschaft identifizieren. Dort zähle vor allem die Gewinnmaximierung. Dies sei eine Folge dessen, dass immer mehr traditionelle Schweizer Firmen ins Ausland verkauft würden.

Camille Bloch: «Wir bedauern, dass kein koscheres Milchpulver aus der Schweiz verfügbar ist»

Mehrere Hersteller verweisen auf eine Ausnahme: Für koschere Schokolade sei man auf Importe angewiesen, da koschere Milch in der Schweiz nicht erhältlich sei.

So auch Camille Bloch aus Courtelary BE. Das Unternehmen verarbeitet jährlich rund 260 Tonnen Milchprodukte, darin enthalten ist auch eingesottene Butter. «Wir bedauern, dass kein koscheres Milchpulver aus der Schweiz verfügbar ist», sagt Sprecherin Jessica Herschkowitz zur BauernZeitung. «Als Unternehmen fühlen wir uns der Swissness verpflichtet und legen grossen Wert darauf, Schweizer Rohstoffe in unseren Spezialitäten zu verwenden.» Das koschere Milchpulver beziehe man aktuell aus Deutschland und setze es ausschliesslich für die Herstellung der koscheren Spezialitäten ein.

Die Herstellung von koscherem Milchpulver sei mit einem sehr komplexen Verfahren verbunden und setze die zwingende Präsenz eines Rabbiners voraus, erklärt Herschkowitz. «Dazu gehören die vollständige Koscherisierung aller beteiligten Anlagen – von den Einrichtungen auf den Höfen über die Verarbeitungsbetriebe bis hin zu unserem eigenen Werk – sowie eine tägliche Überwachung und die durchgehende Anwesenheit der Rabbiner während der gesamten Produktion.» Dies umfasse auch die Reinigung und Kontrolle der Transportfahrzeuge für Milch und Milchpulver.

Schneider: «Was im Milchmarkt geschieht, ist einfach absurd»

Die grüne Nationalrätin Meret Schneider nimmt die aktuelle Lage zum Anlass, um an eine ihrer Motionen zu erinnern. «Milchpulverimport bei Milchüberschuss in der Schweiz und ohne kostendeckende Produzentenpreise darf einfach nicht sein», schreibt sie in den sozialen Medien. «Wir dürfen zur Traubensaison auch keine ausländischen Trauben importieren – was im Milchmarkt geschieht, ist einfach absurd.» Für die Frühlingssession habe sie bereits einen neuen Vorstoss vorbereitet.

Schneider hatte bereits 2021 eine Motion eingereicht, die ein analoges Anliegen bei der Butter verfolgte. Sie forderte, dass bei Verfügbarkeit von Butter im Inland kein Butterimport mehr bewilligt werden darf, solange der Milchpreis in der Schweiz nicht die Produktionskosten deckt. Hintergrund war, dass am 20. September 2021 für Mondelez 900 Tonnen Butter importiert, zu Toblerone verarbeitet und wieder exportiert wurden – obwohl genügend Butter im Inland verfügbar gewesen wäre und der Milchpreis noch immer nicht kostendeckend war.

Die Motion wurde 2023 vom Nationalrat angenommen, scheiterte aber 2024 im Ständerat. Der Bundesrat hatte die Ablehnung empfohlen mit der Begründung, die geforderte Verknüpfung würde der bisherigen Entwicklung im Schweizer Milchmarkt entgegenlaufen und zudem hatte sich Schneider damals, laut Branchenkennern, «auf das falsche Gesetz eingeschossen». Überproduktion und hohe Kosten für die Allgemeinheit wären die Folge. Der garantierte, einheitliche Milchgrundpreis wurde 1999 aufgehoben, die staatliche Milchkontingentierung lief 2009 aus.

«In meiner Motion habe ich gefordert, dass bei genügend verfügbarer Milch im Inland keine zusätzliche Milch importiert werden darf», schreibt Schneider. «Leider ist sie gescheitert, ratet mal, an wem. Die linksgrüne Seite war es nicht.»

Bauernverband und SVP fordern Importstopp

«Uns stört, dass immer mehr in die Schweiz importiert wird», sagt Martin Rufer, Direktor des Schweizerischen Bauernverbands, gegenüber der «NZZ». Die Hersteller profitierten vom guten Image der Schweiz und der Schweizer Rohstoffe. «Es ist daher wichtig, dass die Unternehmen in der Produktion auch Schweizer Milch verwenden – in der gegenwärtigen Situation erst recht.»

SVP-Chef Marcel Dettling hatte zusammen mit zwei Parteikollegen den Bundesrat in einem Brief aufgefordert, die Importe von Milchpulver umgehend zu stoppen. Martin Hübscher, Präsident der Produzentenorganisation Mooh und SVP-Nationalrat, will ebenfalls politisch aktiv werden. «Es kann nicht sein, dass ausländisches Milchpulver vergünstigt in die Schweiz gelangt und die Bauern stattdessen auf ihrer Milch sitzenbleiben», sagt er gegenüber der «NZZ». Hübscher fordert, dass Inlandware Vorrang haben muss, sofern Verfügbarkeit, Qualität und Preis stimmen.

Bis 2019 brauchte man für die Einfuhr eine Bewilligung des Bundes. Danach wurde die Verordnung (Art. 165a anstatt Art. 165 Abs. 4 Zollverordnung) geändert – die Industrie kann nun ohne vorgängige Konsultation Milchpulver aus dem Ausland beziehen. Damit exportorientierte Unternehmen wegen der teuren Schweizer Milch im internationalen Wettbewerb nicht benachteiligt sind, gleicht ihnen die BOM die Milch-Preisdifferenz zu drei Vierteln aus und der Rest der Differenz wird durch die Milchproduzenten, die die Milch liefern, direkt bezahlt. Ein spezieller Fonds ermöglicht diese Unterstützung, so dass die Schokoladenhersteller die Milchprodukte zu einem wettbewerbsfähigen EU-Preis erhalten. Dennoch greifen etliche Hersteller zur günstigeren Milch aus der EU.

Warnung vor Produktionsverlagerung

Stefan Kohler, Geschäftsführer der BOM, zeigt Verständnis für die Forderungen nach einem Importstopp. «Es werden grosse Mengen an Milchpulver und Butter importiert, hier verarbeitet und exportiert», sagt er gegenüber der «NZZ». «Uns würde es kurzfristig helfen, wenn dieser Import gestoppt würde.»

Langfristig bestehe aber die Gefahr, dass Schokoladenhersteller ihre Produktion ins Ausland verlagerten, wenn sie zu teureren Rohstoffen gezwungen würden. Dieser Warnung kommt angesichts der aktuellen Entwicklungen besondere Bedeutung zu: Mondelez hatte 2023 aus Kostengründen die Toblerone-Produktion teilweise in die Slowakei verlagert und damit bewusst auf das weltberühmte Matterhorn auf der Verpackung verzichtet. 


Nachgefragt bei Stephan Hagenbuch:

Sie sprechen von einer Blackbox beim Veredelungsverkehr. Welche konkreten Massnahmen wären aus Ihrer Sicht nötig, um mehr Transparenz zu schaffen – sollten Hersteller beispielsweise verpflichtet werden, die Herkunft ihrer Milchprodukte auf der Verpackung anzugeben? 

Stephan Hagenbuch: Erstens braucht es eine Umsetzung der vor langer Zeit eingereichten, wortgleichen Motion von SVP-Nationalrat Marcel Dettling und SVP-Ständerat Werner Salzmann, die Transparenz in die Mengenflüsse bei den Veredelungsverkehrsgesuchen gibt. Weiter muss der Bundesrat im Rahmen des neuen Zollgesetzes die Umsetzungsverordnung so anpassen, dass die heutige faktische «Inlanddiskriminierung» abgeschafft wird. Wenn die Angebote aus der Schweiz punkto Preis, Qualität und Menge konkurrenzfähig sind, sollen sie verbindlichen Vorrang haben, ganz im Sinne der Äusserung von Nationalrat Martin Hübscher. Heute prüft das BAZG dies nicht einmal. Alle Gesuche nach Art. 165a Zollverordnung werden automatisch bewilligt. Zudem sollen Bewilligungen für ein halbes Jahr bewilligt werden; für den zeitlichen Anschluss braucht es ein neues Gesuch. Punkt Herkunft haben wir heute bereits eine gute Regelung mit der Swissness und dem Schweizerkreuz. Für eine Schokolade mit Schweizerkreuz braucht es Schweizer Zucker und Schweizer Milch. An dieser Regelung möchten wir nichts ändern und v.a. nicht aufweichen. Das Schweizerkreuz ist uns mehr wert als eine verbale Herkunftsangabe.[IMG 2]

Könnte die Schweizer Milchwirtschaft theoretisch die gesamten Mengen an Milchpulver liefern, die aktuell importiert werden – oder gibt es Kapazitätsprobleme bei der Verarbeitung zu Milchpulver?

Ja, gemäss unseren Abklärungen ist das überhaupt kein Problem. Für die Milch-Schokoladenproduktion braucht es in der Regel Walzenvollmilchpulver, Magermilchpulver oder eingesottene Butter. Bis auf einen Schokoladehersteller brauchen in der Schweiz alle Milchpulver. Milchpulverwalzen werden nicht für die Regulierung eingesetzt; Vollmilchpulver wird in der Regel auch auf Bestellung fabriziert und nicht auf Lager.