Ende Oktober 2023 geht Regula Vogel nach fast 30 Jahren als Zürcher Kantonstierärztin in Frühpension. Im Gespräch mit der BauernZeitung wirft sie einen Blick zurück auf die Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die ihr Amt geprägt haben. 

Im letzten Winterhalbjahr zog die Vogelgrippe durchs Land. Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung der eindämmenden Massnahmen durch die Tierhalter?

Regula Vogel: Letztlich ging es darum, den Kontakt von Wildvögeln mit dem Hausgeflügel zu vermeiden. In der gewerblichen Geflügelhaltung wurden die Massnahmen sehr gut umgesetzt, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen. Auch die Hobby­halter(innen) zeigten sich mehrheitlich kooperativ, beispielsweise entstanden zahlreiche schöne Wintergärten. Dennoch gab es doch recht viele, welche die Massnahmen als unnötig erachteten. Zudem zeigte sich, dass es bei der seminatürlichen (halbnatürlichen) Teichhaltung keine Schutzeinrichtungen vorhanden waren und es darum schwierig war, das angesiedelte Wassergeflügel von wilden Vögeln abzugrenzen.

Wird uns die Vogelgrippe bald das ganze Jahr begleiten?

Wir müssen davon ausgehen, dass das Virus bereits das ganze Jahr hier ist. Sichtbar wurde dies beispielsweise bei den Brutkolonien im Neeracher Ried, wo ein namhafter Teil der Lachmöwen einging. Dennoch gibt es bei der Verbreitung des Vogelgrippe weiterhin saisonale Schwankungen: Während der Sommermonate ist das Nahrungsangebot für die Wildvögel grösser, sie suchen erst im Winter vermehrt die Nähe des Hausgeflügels, wenn sie auf Futtersuche sind. Dazu kommen dann die Neueinträge durch Zugvögel, was aufgrund der Virusverbreitung in Europa zu erwarten ist. 

Wir sind intensiv daran, zu diskutieren, auch unter Einbezug der Branche, wie man längerfristig mit dieser Situation umgehen kann. Wir appellieren dabei auch an die Eigenverantwortung der Hühnerhalterinnen und -halter. Sie sollen sich frühzeitig wappnen und nicht erst dann einen Wintergarten bauen, wenn gerade strengere Massnahmen gefordert sind.

Neue Tierseuchen können jederzeit auftreten. Sind wir generell heute besser vorbereitet? Und im Speziellen auf neue Ausbrüche der Vogelgrippe? Oder auf die Afrikanische Schweinepest (ASP)? 

Nach Jahrzehnten ohne Fälle von hochansteckenden Tierseuchen hat das Risiko stark zugenommen und es kam zu einzelnen Ausbrüchen. Für die Veterinärämter ist es daher notwendig, sich mit Material- und Personalvorkehrungen und durch Übungen auf mögliche Ausbrüche einzustellen. Geübt wird mit den Partnerorganisationen im Kanton. Besonders wertvoll sind solche, wenn sie gesamtschweizerisch koordiniert werden. Im Jahr 2021 etwa gab es eine landesweite Übung zur Afrikanischen Schweinepest bei Wild- und Hausschweinen. Diese hat uns viele Erkenntnisse gebracht. Seuchen machen nicht halt an der Kantonsgrenze. So wurde klar, dass beispielsweise die betroffenen Kantone einheitlich gegenüber der Bevölkerung auftreten müssen, beispielsweise mit entsprechenden Informationsschildern zu Zutrittsbeschränkungen zum Wald. 

In Vietnam wurde 2022 der erste Impfstoff gegen die ASP entwickelt. Wie realistisch ist es, diese Tierseuche künftig mit einem Impfstoff in den Griff zu bekommen?

Zwar gibt es entsprechende Impfstoffe, doch ist das Impfen der Hausschweinebestände nicht das Mittel der Wahl. Eine Impfung via Trinkwasser steht nicht zur Verfügung, jedes Tier müsste einzeln gespritzt werden. Zudem wäre nicht klar, ob ein Impfschutz mit einer einmaligen Dosis erreicht würde und wie lange der Schutz gewährleistet wäre. Auch wäre die Akzeptanz der Konsumenten von Schweinefleisch fraglich. Dazu kommt, dass die ASP-Impfung im gesamten EU-Raum nicht zugelassen ist. Was Wildschweine betrifft: Diese könnte man ohnehin nicht spritzen. Und das Ausbringen von Impfstoffen, wie man es damals bei der Fuchstollwut praktizierte, birgt auch gewisse Risiken. Einfacheren und besseren Schutz gegen die Ansteckung der Hausschweine mit der ASP sind dagegen doppelte Zäune und konsequente Hygienemassnahmen. 

Und bei der Vogelgrippe?

Auch gegen die Vogelgrippe steht keine zugelassene Impfung via Trinkwasser zur Verfügung. Wie könnte man auch all die Millionen von Hühnern impfen? Zudem verändern sich Grippeviren schnell, der Impfstoff müsste laufend angepasst werden. Auch hier liegt der Aufwand weit über dem Nutzen. Was tatsächlich Sinn macht, sind Schutzmassnahmen (Bio­si­cher­heits­mass­nah­men). So ist das Vermeiden von Kontakten zwischen Wildvögeln und Hausgeflügel das A und O. 

Die WHO warnt vor der Gefahr, dass die Vogelgrippe bei Säugetieren für den Menschen gefährlich werden könnte. Was heisst das für die Tierhaltung in der Landwirtschaft?

Es liegen keine Hinweise vor, dass der zirkulierende Vogelgrippe-Stamm eine direkte Gefahr für den Menschen darstellt. Eine einzelne Mutation wäre noch nicht gefährlich. Dazu bräuchte es mehrere Veränderungen am Virus. Doch je häufiger es zu einem engen Kontakt zwischen verschiedenen Tierarten bzw. Mensch kommt, desto mehr steigt das Risiko von Mutationen. Daher ist es so wichtig, beim Kontakt mit Vögeln (auch Hausgeflügel) immer die Grundhygiene einzuhalten, mindestens die Hände zu waschen. Das bedeutet aber auch, dass jeder Einzelne seinen Beitrag dazu leisten muss. Gefragt ist also Selbstverantwortung, in der Tierhaltung und im Umgang mit den Tieren.

Das Tierwohl in der Landwirtschaft ist in der Gesellschaft vermehrt zum Thema geworden. Was hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren verändert?

In den fast 35 Jahren meiner beruflichen Karriere ist diesbezüglich viel passiert: 1973 stimmte das Schweizer Volk einem Tierschutzartikel in der Bundesverfassung zu, was in den nachfolgenden Jahrzehnten zu vielerlei Anpassungen in der Nutztierhaltung führte. So wurden etwa Laufställe gebaut und Schweine erhielten Beschäftigungsmöglichkeiten. Es herrschte mit der Zeit weitgehend Konsens darüber, wie mit landwirtschaftlichen Tieren umzugehen ist. Nach der Jahrtausendwende kamen neue gesellschaftliche Strömungen auf, die beispielsweise die Meinung vertreten, dass man Tiere nicht oder nur ganz begrenzt nutzen darf. Dies führte zu einer Polarisierung der gesellschaftlichen Ansichten zur Tierhaltung, wie wir sie heute erleben. 

Wie hat sich dies bei Ihrer Arbeit auf dem Veterinäramt gezeigt?

Wir sind den gesetzlichen Grundlagen verpflichtet, werden aber zunehmend mit Meldungen überflutet, die gar nichts mit Verstössen zu tun haben, sondern mit ethischen Positionen. Dies sowohl bei Heim- wie auch bei Nutztieren. Zum Beispiel heisst es, Pferde würden auf zu kleinem Raum gehalten. Bei der darauffolgenden Kontrolle erweist es sich dann aber, dass die Mindestnorm durchaus eingehalten wurde. Auf der anderen Seite müssen wir bei schwersten Tierschutzfällen eingreifen. Zum Beispiel, wenn eine Person sein schwer krankes Haustier nicht loslassen kann und sich weigert, es zu erlösen. Solche Fälle sind sehr emotional.

Haben Sie selbst einen bäuerlichen Hintergrund?

Ja, meine Grosseltern und mein Onkel bewirtschafteten einen Bauernhof in der Zürcher Landgemeinde, in der ich aufgewachsen bin.

Was hat sich bei Ihrer Arbeit sonst noch verändert?

Wie überall, ist auch bei uns alles schneller geworden. Ich erinnere mich, dass mein Vorgänger kein Faxgerät hatte, weil er fand, damit werde alles so «gschwind». Heute geht es noch viel schneller. Durch Internet und soziale Medien legte zudem die Geschwindigkeit der Meinungsbildung einen Zacken zu. Das hat auch unsere Arbeit intensiviert.

Welches sind Ihre Pläne nach der Pensionierung?

Ich werde es sicher einen Takt ruhiger nehmen. Ich freue mich darauf, vermehrt draussen in der Natur zu sein, Vögel zu beobachten und mich im Garten zu beschäftigen.

Zur Person

Regula Vogel trat 1995 ihr Amt als Kantonstierärztin und Leiterin des Veterinär­amtes des Kantons Zürich an. In dieser Zeit wandelte sie das Veterinäramt von einem Milizsystem mit selbstständig praktizierenden Tier­ärzt(in­nen) zu einem professionalisierten kantonalen Veterinärdienst um, der für die Bekämpfung von Tierseuchen, den Tierschutz sowie die Fleischkontrolle zuständig ist. Ihr Nachfolger ist Lukas Perler, der seit 2020 als Chef der Organisation Nutztiergesundheit Schweiz tätig war.